Alltägliches Spektakel

In Erinnerung an die Studentenproteste und Arbeiterrevolte 1968 in Paris und das im Jahr zuvor erschiene Buch „Die Gesellschaft des Spektakels“ von Guy Debord, welches unsere Gegenwart absolut treffend beschreibt, sieben Anmerkungen zu unserem heutigen Leben.

Guy Debord 1931 – 1994

1

In unserer kapitalistischen Gesellschaft erscheint das Leben als eine einzige Flut visueller Spektakel (Bilder und Videos). Alles was einst unmittelbar erlebt und erfahren wurde, wird heute nur noch mittelbar, über SMARTPHONES und MONITORE, wahrgenommen.

Unsere persönlichen Eindrücke und Erfahrungen von der Welt werden immer mehr ersetzt durch die Eindrücke, die Bilder, Videoclips, Tweets, etc., transportieren. Debord kannte nur das Fernsehen und den passiven Konsumenten. Das Smartphone bindet Konsumenten interaktiv ein und erzeugt damit die Illusion freier Kommunikation.

2

Das Spektakel ist keine einfache Flut von Bildern und Videos, sondern die soziale Beziehung zwischen Menschen, die durch Bilder und Videoclips vermittelt wird.

Diese Bilder, Videos und Tweets sind nicht neutral, sondern enthalten Aussagen, die unser Verhalten beeinflussen. In einer von Algorithmen gesteuerten, selektiven Informationsflut, werden bestehende Neigungen und Einstellungen gezielt angesprochen und bestärkt. Unsere „spontanen Aktionen und Reaktionen“ sind die Folge ideologischer Manipulation.

3

Das Spektakel herrscht mittels der „sozialen Medien“, es zielt rein auf emotionale Affekte ab und behindert absichtlich eigenständiges, kritisches Denken.

Beispiel Twitter: Eine Verkürzung und Verdichtung der Sprache auf 144 (oder 288) Zeichen bei Tweets verringert den Wortschatz, reduziert Nuancierungen und Differenzierungen, wird zwangsläufig plakativ und manipulativ. Die Folge ist weniger Information als affektgesteuerte Reaktion. Verstärkt wird die unmittelbare ideologische Beeinflussung durch das Vorgaukeln eines persönlichen Kontakts. Der Follower wird zu einem Bestätigung und Zugehörigkeit signalisierenden, stupiden Meinungsvervielfältiger.

4

Das Spektakel macht alles und jeden zur Ware – sein einziger Sinn und Zweck ist der Konsum.

Digitale Kommunikation und Interaktion wird über kostenpflichtige Technologie abgewickelt. Die Konsumenten werden selbst zur Ware, in dem sie den sozialen Medien ihre Daten zur Vermarktung überlassen, um deren Dienstleistungen „kostenfrei zu nutzen“. Der Kapitalismus dringt in jede Spähre des Lebens ein, mit dem alleinigen Ziel, Profit abzuschöpfen.

Wundersame Smartphone-Welt

5

Das Spektakel ist die niemals endende Selbstinszenierung der Herrschenden und der unendliche Monolog des Eigenlobs.

Erhellend ist ein Studium des gegenwärtigen US-Präsidenten, dessen völlig übersteigerte, narzisstische Selbstinszenierung, in elf Jahren Reality-TV perfektioniert, alle populistischen Techniken und Tricks offenbart. Wahlweise eignen sich auch Putin, Erdogan und Orban als Anschauungsobjekte.

6

Das Spektakel relativiert Fakten zu Meinungen und erhebt Meinungen zu Fakten.

Werden Tatsachen verdreht, Fakten belächelt und Zusammenhänge bestritten, wird einer sachlichen Auseinandersetzung der Boden entzogen. Orwells Newspeak ist die Sprache unserer Gegenwart.

7

Die Gesellschaft des Spektakels zeichnet sich durch das Zusammenwirken von fünf Elementen aus: fortwährende technische Erneuerung, Verschmelzung von Politik und Wirtschaft, Intransparenz, nichtanfechtbare Lügen und eine kontinuierliche Gegenwart.

Die fortwährende technische Erneuerung zwingt zum ständigen Aktualisieren und Neuerwerb von Software und Hardware; die Wirtschaft bestimmt die Politik, die Politik dient allein der Wirtschaft; Entscheidungsprozesse und Verhandlungen (z.B. TTIP) laufen im Geheimen, ohne Beteiligung der Öffentlichkeit ab; gezielte Lügen und Fehlinformationen sind schwer überprüfbar und kaum anfechtbar; eine kontinuierliche Gegenwart lässt historisches Wissen schwinden und erschwert das Erstellen von Vergleichen und das Erkennen von Zusammenhängen. Demokratie verkümmert zur Scheinlegitimation.

Quellen: „Die Gesellschaft des Spektakels“ und „Kommentar zur Gesellschaft des Spektakels“ von Guy Debord. In situationistischer Tradition eigenmächtig übersetzt, verändert, ergänzt und kommentiert.

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