UHL STEIGT AUS

Wer die Tür kontrolliert, hat die Macht, der regelt welche Drogen in einem Laden laufen und welche Girls ihren Hintern anbieten dürfen.

Ich kannte mal ein paar Typen aus der Türsteher-Szene. Das war lange vor dem großen Skandal, als die Polizei in einer Samstagnacht im Juli mit über hundertfünfzig Beamten Großrazzien in den Clubs auf der Meile durchzog. Damals arbeiteten die meisten Türsteher noch schwarz und nebenberuflich. Heute müssen sie offiziell registriert und bei einem zertifizierten Sicherheitsunternehmen angestellt sein.

Uhl war seit einigen Monaten draußen, als er mir in einem 24-Stunden Café von einem seltsamen Vorstellungsgespräch erzählte.

„Vier Wochen, hat der Typ gesagt, Ehrenwort, vertrau mir. Glatt gelogen. Vier Wochen sind vorbei, und wer kommt nicht? Erraten.”

Wozzeck war klein und mager und hatte einen bekümmerten Gesichtsausdruck. Er sah immer ein bisschen schäbig aus. Sein Geschäft war es, Leuten Geld zu leihen, denen sonst niemand etwas lieh. Sein Büro war direkt in Mainhatten, mitten im Zentrum des Geldes. Wozzeck liebte Geld. Gerüchten nach so sehr, dass eine Privatbank ihn als jungen Auszubildenden diskret feuerte, weil er nach Feierabend druckfrische Banknoten bei sich zu hause aufbewahrte. Seiner Argumentation, „Geld darf man nicht aus den Augen lassen”, wollte die Chefetage nicht folgen.

„Kreditausfälle sind der Anfang vom Ende. Sie schädigen den Ruf und schmälern den Profit. Beides kann ich mir nicht leisten,” sagte Wozzeck lächelnd.

Uhl war doppelt so groß wie Wozzeck und doppelt so breit. Früher war er Türsteher und eine Macht auf der Straße, hatte den Ruf eines kompromisslosen Vollstreckers. Dann kriegten sie ihn für sieben Jahre dran. Fünf davon hatte er bis letzten Freitag abgesessen, die restlichen zwei wurden zur Bewährung ausgesetzt. Jetzt durfte Uhl sich achtundvierzig Monate lang keinen Fehltritt erlauben. Keine Ahnung, warum Wozzeck ausgerechnet ihn sprechen wollte. Uhl lächelte nicht, sondern meinte es ernst, als er sagte, „damit eins gleich klar ist, die Krumme mache ich nicht mehr. Auf keinen Fall.”

Uhl pumpte Eisen wie ein Bekloppter, der einzige Ort, wo er er selbst war

„Klar doch. Verstehe ich, du musst den Kopf schön unten halten, nur nicht auffallen, brav die alten Kreise und die alten Feinde meiden und,” Wozzeck zwinkerte vertraulich, „die alten Freunde erst recht, stimmt‘s?”

Uhl zuckte mit den Achseln.

„So ist das, wenn sie einen auf Bewährung rauslassen. Aber das ist kein Problem, alles was ich mache ist legal. Über mich redet keiner schlecht”, sagte Wozzeck.

Uhl hockte auf einem zu kleinen Holzstuhl in einem zu engen Büro mit nackten Wänden, das von einem großen Metallschreibtisch zweigeteilt wurde. Ihm gegenüber, die Hände auf der Schreibtischplatte, thronte Wozzeck in einem Kunstledersessel mit abgewetzten, rissigen Armlehnen. Er ließ seine Beine baumeln, sie reichten nicht bis zum Boden. Hoch in der Wand hinter ihm, befanden sich zwei kleine vergitterte Fenster, dahinter hing grau ein Novemberhimmel. Ein Ausblick wie im Knast.

„Du gehörst also zu den Guten,” sagte Uhl, ohne die Miene zu verziehen.

„Korrekt. Aber muss ich das wirklich betonen? Enttäusch mich nicht. Hör mal, ich verrate dir was, heutzutage sind Schulden der Wachstumsmotor. Kredite treiben die Wirtschaft,” Wozzeck deutete vage hinter sich, „das haben die großen Banken schon lange erkannt. Du musst wissen, dass es drei verschiedene Arten von Krediten gibt: Erstens, du leihst Leuten Geld, von denen du weißt, dass sie die Kreditsumme plus Zinsen zurückzahlen können. Das ist mein Geschäft. Eine absolut saubere Sache. Dafür …”

„Und zweitens?”, unterbrach ihn Uhl.

„Zweitens? Okay, du leihst Leuten Geld, die zwar niemals die Kreditsumme zurückzahlen, dafür aber die Zinsen abdrücken können. Monat für Monat. Jahr um Jahr. So funktioniert das Geschäft mit den Kreditkarten in Amerika und anderswo. Kommt hier auch noch, wart‘s nur ab. Das ist ein Big-Business, sage ich dir. Habe schon überlegt, selbst einzusteigen. Was denn?”

Uhl machte eine Geste mit der Hand.

„Jetzt sei nicht so ungeduldig. Willste unbedingt was lernen? Spricht für dich. Also, drittens, drittens, du leihst Leuten Geld, die weder die Zinsen bezahlen, noch die Kreditsumme zurückzahlen können. Aber mehr willst du gar nicht wissen, ist eh viel zu kompliziert.“

Uhl stand auf. Wozzeck machte eine beschwichtigende Geste und erzählte Uhl, wie die US-Großbanken richtig Kohle machten.

„Dass du dich nachher aber nicht beschwerst. Also, das funktioniert nur, wenn du einen Gegenwert hast, eine Sicherheit, sagen wir das Haus, in dem du zur Miete wohnst.“

„Ich wohne wieder bei meiner Mutter.“

Lange Uhls Welt

„Auch gut. Egal was für eine Dreckhütte das auch ist. Nein, ich meine nicht die Bude von deiner Mutter. Wichtig ist nur der Titel, der Hypothekenbrief. Man macht aus dem Mietvertrag einen Kaufvertrag für die Bude und die Großbanken schieben den Kredit rüber. Das ist ihr Geschäft. Die haben diese Hypotheken mit Drückerkolonnen landauf, landab vertickt. Riskantes Geschäft, wenn man nicht clever ist. Und clever sind die, darauf kannste einen lassen. Die Großbanken bündeln diese faulen Kredite, packen ein, zwei gute dazwischen, für die Optik, und teilen sie in kleine Pakete auf, sogenannte Derivate. Diese lassen sie von Ratingagenturen mit drei AAA bewerten. Was soviel heißt, wie angewidert angeschaut und abgehakt.“

„Hältst du mich für blöd?“ Uhl sah ihn böse an.

Wozzeck hob abwehrend die Hände: „Bewahre. Mal im Ernst, es ist die Bestbewertung. Absolute Spitzenanlage, ohne Risiko, mit Toprendite. Dann verscherbeln die Banken das wertlose Zeug als todsichere Renditebringer an Kommunen und Privatanleger, die Geld für die Rente zur Seite legen wollen. Vorzugsweise an reiche Kunden in Europa, besonders gern hier bei uns.“

„Reiche Leute werden noch reicher, nichts Neues“, sagte Uhl.

„Jetzt kommt’s. Solange die Immobilienpreise steigen, funktioniert die Nummer. Aber irgendwann will einer sein Geld zurückhaben, was prompt in die Hose geht, und dann platzt die Blase. Reihenweise fliegen ihnen die faulen Kredite um die Ohren. Dann sind die Anleger geschmiert. Die Großbanken aber sind fein raus. Die haben ihre Kohle längst kassiert. Sie warteten förmlich darauf, das es knallt. Und wenn’s ganz dicke kommt, dann springen die Regierungen ein und retten ihnen den Arsch. Die dürfen nämlich nicht untergehen. Die armen Schweine in ihren Kaufen-statt-Mieten-Dreckhütten jedoch, die haben das Kleingedruckte in ihren Hypothekenverträgen nicht gelesen und können natürlich die um eintausend Prozent gestiegenen monatlichen Tilgungsraten nicht bezahlen. Also werden sie enteignet und verlieren alles. Ab auf die Straße mit dem Gesocks.“

„Schöne scheiße, Banker sind echt widerlich“, sagte Uhl.

„Die Hütten werden auf dem Immobilienmarkt verscherbelt. So funktioniert nämlich das Geschäftsmodell. Boom und Bust, aufblasen und platzen. Im September vor sieben Jahren platzte die Nummer. Nach ein bisschen Schamfrist wird inzwischen wieder irgendwas aufgepumpt. Geld ist ja genug da, es schreit geradezu nach Anlage. Die ganze Welt ist zu einem Spielkasino verkommen. So sieht es aus,” Wozzeck warf sich in seinen Kunstledersessel zurück, zu viel Aufklärung ermüdete offensichtlich, „und jetzt, mein schmaler Freund, sag du mir, wer hier zu den Guten gehört?”

Im Knast träumte er vom Fliegen …

„Was willst du von mir?” Uhl hatte später noch einen Termin mit seinem Bewährungshelfer, bis dahin konnte er sich Wozzecks Gelaber anhören. Das Büro war wenigstens geheizt.

Wozzecks kurze Finger trommelten einen Tusch auf der Metalltischplatte.

„Ich verzeichne Hochkonjunktur, vergebe Kredite wie noch nie und leide zugleich unter einer dramatisch sinkenden Zahlungsmoral meiner Klientel.”

„Das ist ein Problem,” sagte Uhl.

„Der Typ von vorhin zum Beispiel, erzählte mir, er hätte eine Riesengeschäftsidee, er bräuchte nur ein bisschen Startkapital. Und ich glaube ihm. Was soll ich machen? Er wurde mir empfohlen. Ich habe ihn abgecheckt. Schien okay. Außerdem bin ich sozial, ich mag Menschen, ich habe den Glauben an meinen Nächsten noch nicht aufgegeben. So Sätze wie, Jeder muss sehen, wo er bleibt, kann ich nicht uneingeschränkt unterschreiben. Oder? Natürlich, muss jeder sehen, wo er bleibt. Ist doch klar. Aber doch nicht so. Du verstehst mein Dilemma?”

„Das war vor vier Wochen?”

„Mittlerweile sind es fünf.”

„Bei dir komme ich mir vor, wie im Knast,“ sagte Uhl mit Blick auf die vergitterten Fenster.

„Souterrain, was soll ich machen? Gibt genügend Idioten, die meinen, hier wäre was zu holen. Wenn’s dich stört, schau die Wand an, oder mich, ich hab mich heut morgen beim Rasieren nur ein oder zweimal geschnitten.“

Uhl zählte fünf schmale Pflaster in Wozzecks Gesicht. Er schenkte sich einen Kommentar.

… und andauernd vom Tod

Aus einer Schublade holte Wozzeck eine Karteikarte, an der mit einer Büroklammer ein Foto befestigt war. Die digitale Revolution schien an ihm spurlos vorüber zu gehen. Er legte die Karte auf den Metalltisch und sagte: „Der Typ schuldet mir Zwanzigtausend, plus Zinsen, plus Aufwandsentschädigung.“

Auf dem A-6 Karton standen in feinsäuberlichen Druckbuchstaben ein Name und eine Adresse. Das Foto zeigte einen grinsenden Typen mit weißem Hemdkragen und breitem Krawattenknoten.

„Ich muss zugeben, sein Optimismus ist ansteckend,“ sagte Wozzeck nach einer kurzen Pause, das Bild betrachtend.

Uhl sagte: „Du brauchst einen Eintreiber. Ich war fünf Jahre weg vom Fenster. Ich bin der Falsche.”

„Mit deinem Ruf, bist du der Richtige.”

„Wozzeck, ich versuche, ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft zu werden.”

„Und wie wertvoll du bist. Ich zahle dir zehn Prozent Provision. Das sind zweitausendfünfhundert Euro für einen oder zwei Tage Arbeit. Steuerfrei. Cash. So wie sich mein Geschäft entwickelt … ,” Wozzeck machte eine vielsagende Geste und ließ den Rest des Satzes offen.

Uhl blickte von der Karte zu Wozzeck, überlegte einen Moment, bevor er sagte, „ich habe gleich einen Termin mit meinem Bewährungshelfer, soll ich ihn fragen, ob er sowas als ordentliche Arbeit durchgehen lässt?”

„Die Agentur für Arbeit hat nur auf dich gewartet.”

Uhl stand auf.

Wozzeck deutete mit dem Zeigefinger auf die Karte: „Uhl, einem Mann mit deinem Lebenslauf bieten sich nicht allzu viele Möglichkeiten. Aber ich, ich habe dich lieb.”

Aber ich, ich habe dich lieb“, wiederholte Uhl und musste grinsen. Ich ließ noch ein Frühstück und ein paar Kaffee springen. Verschenkte Liebesmühe, er hatte mir nie erzählt, wie die Sache ausging. Wir verloren uns aus den Augen, irgendwann hörte ich, er wäre mit einer albanischen Stripperin nach Valencia abgehauen. Vorgestern bekam ich überraschend eine SMS von Uhl: „Hi Großer, gerade bleiben, klappt einfach nicht.“ Als ich zurückrief, existierte die Nummer schon nicht mehr. Wozzeck wurde noch am selben Tag auf einem Stricherklo hinterm Volksgarten gefunden. Niedergestochen. Jede Hilfe kam zu spät.

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