WAS KÜMMERT UNS DER MENSCH, WICHTIG IST NUR DAS ÖL

Vor fünfzig Jahren starb B. Traven. Vermutlich.

Die Biographie eines kreativen Menschen ist absolut unwichtig. Meine Geschichte ist allein meine Sache, und ich will sie für mich behalten“, schrieb der Mann, der als Pseudonym für sein literarisches Schaffen den Namen B. Traven wählte.

Natürlich scherte sich die sensationsgierige Presse nicht um den Wunsch des Autoren. Angesichts seines großen, globalen Erfolges versprach die Lüftung des Geheimnisses, wer sich hinter dem nome de plume verbirgt, schließlich Riesenauflagen. 1948 setzte LIFE-Magazin gar eine Belohnung von 5000 Dollar für die Entlarvung des Schreibers aus. Der Film, DER SCHATZ DER SIERRA MADRE, nach Travens gleichnamigem Roman, war gerade in den Kinos angelaufen und was verschafft mehr Publicity, damit Publikumsaufmerksamkeit und Einnahmen, als ein ordentliches Mysterium? Wem die andauernde Geheimnistuerei von Travens wahrer Identität schlaflose Nächte bereitete, den tröstete der Autor mit den Worten: „Wenn der Mensch in seinen Werken nicht zu erkennen ist, dann ist entweder der Mensch nichts wert oder seine Werke sind nichts wert.“

Respektieren wir diese Haltung und betrachten allein das Werk. Stellvertretend, vier seiner Romane.

Eine alte Büchergilde-Ausgabe

DIE BAUMWOLLPFLÜCKER, 1925

Arm und abgebrannt, ein Vagabund, der sich in Mexiko der frühen 1920er Jahre durchschlägt und dabei eindringlich sein Leben ganz unten beschreibt, unter den Wanderarbeitern, den Prostituierten, den Bauern …

Titelfoto: Horst Buchholz in dem gleichnamigen Film

DAS TOTENSCHIFF, 1926

Ein Mann ohne Papiere in der Nachkriegsordnung des Großen (1.) Weltkrieges. Ohne Papiere keine Aufenthaltserlaubnis, ohne Aufenthaltserlaubnis keine Arbeit, ohne Arbeit keine Papiere … Staatenlos, mittellos, machtlos, endet er als Matrose auf einem heruntergekommenen Kahn, der über die Weltmeere schippert, um zu einem geeigneten Zeitpunkt – zu dem die höchste Versicherungssumme für die Reederei fällig wird – versenkt zu werden. Ohne Papiere gibt es von dem Totenschiff keine Entrinnen …

US-Filmplakat von 1948

DER SCHATZ DER SIERRA MADRE, 1927

Drei abgerissene Nordamerikaner schürfen in der mexikanischen Sierra Madre nach Gold. Sie träumen vom Reichtum, dem Ende aller Sorgen. Sie kämpfen gegen die Natur, um ihr das Edelmetall abzutrotzen, gegen verarmte Banditen, um Gold und Leben zu behalten, und gegeneinander, gegen ihre eigene Gier und Missgunst. Der Fluch des Goldes zerstört alles Menschliche und am Schluss den Menschen selbst. Eine Story mit einem aberwitzigen, großartigen Ende!

Deutsche Ausgabe, Verlag und Datum unbekannt

DIE WEISSE ROSE, 1929

Ein nordamerikanischer Ölkonzern kauft überall in Mexiko Land auf, in dem Ölvorkommen vermutet werden. Er hat es auf das Land der Hacienda Weiße Rose abgesehen, wo Indio-Familien in einer bäuerlichen Gemeinschaft leben. Hier hat jeder einen Platz, bestimmt der Zyklus der Natur und ihre Jahreszeiten den Lauf der Dinge. Friedlich und genügsam – und unverkäuflich. Was weder der US-Konzern noch seine korrupten mexikanischen Handlanger verstehen können, und sie auch nicht interessiert. Um sich das Land einzuverleiben, wird vor Betrug, Manipulation und Mord nicht zurückgeschreckt. Zugleich erleben wir den US-Imperialismus in action, und erkennen, heute ist wie gestern. Es ist und war niemals anders, aller Propaganda zum Trotz.

Diese einfache Geschichte einer gewalttätigen Landnahme mit Hilfe von Anwälten, Richtern und den Gesetzen, benutzt Traven um unsere Welt- und Wirtschaftsordnung und ihre unsichtbaren Mechanismen für jeden erfahrbar zu machen. Seine Charaktere und deren Handeln wird parallel erzählt und schicksalhaft miteinander verwoben. Schwebetechnik, nannte Kurt Tucholsky die Erzähltechnik des Romans.

Überhaupt Tucholsky. In seinem phantastischen Text über Traven, ließ er seiner Begeisterung für diesen großen Epiker freien Lauf und schrieb im Hinblick auf Collins, Chairman des Ölkonzerns:

Dieser Bursche wird gar nicht als grimmer Blutsauger dargestellt; er ist wohl etwas gerissner als die andern, etwas rücksichtsloser, etwas gemeiner und etwas schneller. Wie er durch einen geschickt angezettelten Streik zu Vermögen kommt; wie er die Börse tanzen läßt; wie er sich hochschiebt, das ganze puritanische Bewußtsein von der Gottgefälligkeit seines Tuns in den kräftigen Kinnbacken …“

Das erinnert doch an GoldmanSachs Chairman Lloyd Blankfein, der, nachdem seine und andere Großbanken 2008 die größte globale Wirtschaftskrise seit dem Crash von 1929 ausgelöst hatten, verkündete: „We are doing God’s work.“ – Wir verrichten Gottes Werk. (Kam nicht gut an. Blankfein hat später versucht, seine tiefe Überzeugung als mißlungenen Witz herunterzuspielen.)

Fast so wie zur Zeit von Travens Ankunft in Mexiko

In DIE WEISSE ROSE sind auf beinahe jeder Seite Passagen und Sätze für die Ewigkeit zu entdecken. Zwei Beispiele:

Eine der vielen Beschreibungen des Chairmans …

Mr. Collins war in seinem Beruf ein Genie. Ein Genie kann überall eine Genie sein. Nicht nur in der Kunst, nicht nur als Feldherr, sondern auch als Schuhfabrikant, als Bankier, als Ölmagnat. Oft genug sind auch Verbrecher Genies, weil ihre Genialität innerhalb gesetzlicher Grenzen kein Wirkungsfeld findet. Im Grunde ist jedes Genie ein Verbrecher, weil jedes Genie bestehende und ausgeprobte Gesetze übertritt und zu Fall bringt.

Über die Konferenzen der großen (Öl-) Konzerne …

Kein Gott war je so mächtig, daß er Pläne hätte beraten können, verwickelter als sie hier in allen Einzelheiten ernsthaft diskutiert wurden. Es ging um Menschen und Völker, es ging um christliche, jüdische, mohammedanische und buddhistische Religionen, es ging um Götter und Dämonen, um Versetzung von Gebirgen und Durchstechung von Erdteilen, man brachte Ozeane zusammen, die nicht zusammengehörten, und man trennte Länder und Völker, die miteinander gewachsen waren seit urewigen Zeiten. So etwas konnte Gott nur in Jahrmillionen tun, was hier durch einen bloßen Beschluss ausgeführt wurde. Und wo ein solcher Beschluß gefaßt wird, sei es im Himmel oder sei es im Olymp oder sei im Konferenzraum einer amerikanischen Petroleumkompanie, da ist das Allerheiligste, da und nirgendwo sonst muss das Allerheiligste der Menschheit sein.

Hier schildert Traven genau die göttlichen Allmachtsphantasien eines CEOs wie Blankfein und seiner Manager. Die Passage zeigt auch eine der besonderen Stärken Travens. Er entlarvt den wahren Kitt des Kapitalismus, sein ganzes ideologisches Lügengebilde. Denn der Kapitalismus ist eine Religion. Eine Religion, die sich ausbreiten und jeden bekehren muss. Eine Religion, die jeden, der sich ihr in den Weg stellt vernichtet. Es ist eben ein völliger Irrglaube zu meinen, das System wäre rational. Die Logik des Systems beruht auf Prämissen, die absolut irrational und damit falsch sind. Das wahre Böse hat immer ein besonderes, messianisches Sendungsbewusstsein. Völkermord, die Vernichtung einzelner Landstriche, ja des ganzen Planeten, wie angesichts von Klimaaufheizung und Umweltzerstörung uns allen bewusst ist, wäre ohne die Legitimation durch eine „göttliche“ Berufung undenkbar.

Traven entlässt aber weder sich noch uns bequeme Mitläufer, Verbraucher heißt das in unserem toten Wirtschaftsdeutsch, aus unserer Komplizenschaft:

Jeder Mensch sucht nach einer Rechtfertigung, um das Niederträchtige und Unsoziale, das er tut, vor sich zu begründen, um es dadurch weniger niederträchtig und weniger unsozial erscheinen zu lassen.“

Huston, nicht Traven, schrieb die Line: We don’t need no stinking badges!

Tagtäglich legen wir uns unsere Argumentation zurecht: Der kleine Mann kann ja nichts machen, außerdem müssen wir schließlich leben und durchkommen. Müssen alle anderen ja auch.

Travens besondere Größe besteht darin, wie Tucholsky anmerkte, dass „bei ihm überhaupt nie der Stoff auf den Autor abfärbt, einer der schlimmsten Fehler unsrer Literatur.“

Er deklamiert nicht, er beschreibt, was jeder sehen kann, der sehen will. Das Werk steht allein für sich – und damit scheint auch sein Verfasser durch, wie Traven selber schrieb.

Nun denke ich doch über die Biographie des Autors nach …

Über einen Mann aus der Arbeitklasse, im aufstrebenden, sich allmächtig wähnenden, wilhelminischen Deutschland geboren und aufgewachsen, musste er schon früh die Widersprüche der neuen Welt- und Wirtschaftsmacht erlebt haben. Ihre Unsicherheit und Nervosität hinter der großen Pose, die auf der Arroganz ihrer Reichsgründung im Spiegelsaal von Versailles fußte und in der Materialschlacht des 1. Weltkriegs unterging. Traven hatte die Ungerechtigkeit der Macht- und Vermögensverhältnisse, die Ausbeutung der unteren Schichten, die soziale Not und Armut, trotz der Bismarckschen Sozialgesetze, sicher am eigenen Leib erfahren. Seine Jugend fiel zugleich in eine Hochphase des Anarchismus. Dem hohlen kaiserlichen Pomp zum Trotz, musste der schleichende Untergang der alten Ordnung überall für ihn spürbar gewesen sein.

Am Ende der Katastrophe stand aber kein wirklicher Neubeginn.

Der Kaiser war zwar Holzhacken im Exil und Deutschland nominal eine Republik, praktisch jedoch waren zu viele alte Köpfe am Ruder, die sich schon vor 1918 in Rang und Würden befanden. Die neuen, demokratischen Machthaber bewiesen in den frühen Jahren der Weimarer Republik eine Brutalität, die sie zugleich diskreditierte und delegitimierte. Die wirtschaftliche Lage war zwar katastrophal, und angesichts der ersten Erfolge in der UDSSR nach der Oktoberrevolution 1917, kämpfte der Kapitalismus scheinbar um seine Berechtigung, doch verfestigte er sich (um sich am Ende mit den Nazis zu verbrüdern). Der kollektive Wahn seiner Zeit, auch vom Proletarier hatte Traven keine hohe Meinung, ließ ihn zu einem radikalen Individualisten werden. Für Traven zählten Werte wie Menschlichkeit und Gerechtigkeit, die Achtung der Natur, ja von allem Leben. Sein ganzes Werk behandelt die unüberbrückbaren Gegensätze unserer westlichen Zivilisation und einem wahrhaft menschlichen Dasein. Dabei idealisiert er durchaus die mexikanischen Indios, die einfachen Menschen mit ihren Dorfgemeinschaften genießen seine Sympathie, weil ihre Art zu leben einem ursprünglichen und damit menschenwürdigem Dasein am nächsten kommt. Hier sind Gedanken von Rousseau wieder zu erkennen.

Alte Frau mit traditionellen Kleidern

Der Caoba-Zyklus – mit u.a. dem grandiosen Romantitel DIE REBELLION DER GEHENKTEN – spielt gänzlich in dieser Welt. Nur ist der Autor beileibe kein verklärter Träumer, sondern ein realistischer Beobachter und Poet zugleich. Sein Sehnen wird immer überschattet von einem drohenden Verlust, von dem Wissen, dass menschliche Gier und Eitelkeit allzu häufig obsiegen und wir blindlings unser eigenes Verderben herbeiführen. Das Böse bei Traven, ist die menschliche Blödheit, die tödliche und todbringende Lächerlichkeit unserer Spezies, bei der einem nicht nur mit Blick auf die Eliten das Lachen im Halse stecken bleibt.

In vielerlei Hinsicht war B. Traven einer der wahrhaftigsten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Die angesprochenen Romane sind großartig und natürlich heute ebenso aktuell wie vor 90 Jahren – wenn nicht aktueller. (Was für eine Phrase, aber trotzdem wahr, denn die Bücher betreffen uns wirklich alle.)

Falls noch nicht geschehen, unbedingt lesen und dann wiederlesen.

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