UHL HAT FREIGANG

Vor einigen Wochen erhielt ich einen Anruf von Uhl. Sie hatten ihn nach seiner damaligen Flucht in Spanien verhaftet, zurückgebracht und vor Gericht gestellt. Er wurde wegen schwerem Raub und anderer Delikte verurteilt, den Mord an Wozzeck konnte sie ihm nicht anhängen. Seit acht Jahre saß er schon ein. Jetzt kam er für ein Wochenende frei. Uhl sagte, er würde sich dann melden.

1

„Sie halten sich die drei Tage bei der genannten Adresse auf?“

„Ja.“

„Dietmar Dröge ist ihr Cousin?“

„Ja.“ Es ist Freitag vormittag, Uhl – Mitte fünfzig, groß, teigige Hautfarbe – steht in einem kahlen Büro mit gräulicher Raufasertapete und scheckigen Resopalmöbeln.

„Wo außerdem noch?“

Der Mann hinter dem Schreibtisch ist etwa gleich alt wie Uhl. Ein leuchtend blaues Hemd spannt über seinem Bauch, auf den schlaff eine zu breite, grelle Krawatte hinabhängt.

„Bei meiner Mutter im Pflegeheim“, sagt Uhl.

„Morgen vormittag bis spätestens 10:00 Uhr, melden Sie sich auf dem Revier Florinstraße. Das gleiche am Sonntagvormittag. Keine Gaststättenbesuche, keinen Alkohol und schon gar keine Drogen.“

„Ja, Herr Direktor.“

„Das überprüfen wir.“

Uhl zuckt mit den Schultern.

„Vor allem aber werden Sie keinen Kontakt zu den hier namentlich aufgeführten Personen aufnehmen“, der Direktor schiebt Uhl ein A-4 Blatt und einen Kugelschreiber herüber, „insbesondere nicht zu Anton Döhl, Volker Zork und Wilfried Sprüher.“

„Ja.“

„Wir sind uns also in allen Punkten einig?“ Er mustert Uhl über seine Lesebrille hinweg.

„Ja.“

„Gut, dann unterschreiben Sie.“

Uhl beugt sich nach vorn und unterschreibt. Er lässt den Kuli auf das Blatt fallen.

„Ich erwartete Sie am Montag früh zurück. Pünktlich um sieben Uhr, melden Sie sich an der Pforte. Keine Minute später, verstanden?“

„Ja, Herr Direktor.“

„Na dann, viel Spaß.“

„Und wie“, sagt Uhl und schaut ausdruckslos zum Direktor, bevor er geht.

Es ist ein trüber Tag. Die Wolken hängen tief, als Uhl mit einem kleinen Rucksack in der Hand durch eine, in eine Waschbetonplattenwand eingelassene, blaue Stahltür hinaus ins Freie tritt. Der deprimierende Empfangsbereich des Knasts erinnert ihn an ein hässliches Industriegebäude, wäre da nicht die hohe Mauer mit dem Stacheldraht und den integrierten Wachtürmen. Er geht zu einer Bushaltestelle. Nach einigen Minuten fährt ein Bus heran. Uhl steigt ein und versucht ziemlich umständlich am Automaten einen Fahrschein zu kaufen. Drei Haltestellen später setzt er sich mit seinem Ticket neben den hinteren Ausstieg. Draußen zieht abweisend und grau die Stadt vorbei. Immer wieder treibt böiger Wind dünnen Regen gegen die hohen Seitenscheiben.

2

Top-Tipp-Wetten liegt in einer Seitenstraße in der Innenstadt. Ein großer, länglicher Raum mit Tischen und Stühlen. Rundherum an den Wänden hängen gerahmte Poster und Flachbildschirme, die Wettquoten anzeigen, sowie aktuelle Sportereignisse übertragen. Hier kann man auf alles wetten: Fußball, Handball, Eishockey, Boxen, Pferde, im In- und Ausland. Das dicke Geld allerdings geht im Hinterzimmer über den Tisch. Dort wird illegal gezockt. Meistens Poker.

Den Laden betreiben drei in die Jahre gekommene Kriminelle mit ellenlangen Vorstrafenregistern: Anton Döhl, Volker Zork und Wilfried Sprüher. Vor einer halben Ewigkeit waren sie die Chefs im Milieu, gaben den Ton an, verteilten reichlich auf die Fresse.

Tony war der Charmebolzen mit dem Riesentalent, durfte sogar mal beim FC vorspielen. Doch Claudia schaffte mehr Kohle ran und Tony brauchte seinen Arsch nicht mehr über den Platz schleppen. Zorros Spezialität war sein Springmesser. Der Legende nach erhielt er seinen Spitznamen, weil er einem Trottel, der ihn austricksen wollte, anstatt seine Schulden zu begleichen, ein Z in den Schwanz ritzte. Spritzer hatte mächtig Dampf in den Fäusten. Seinen Kampfnamen verdankt er der Unmenge an Blut, das bei seinen Schlachten im Ring und auf der Straße verspritzt wurde – meistens sein eigenes.

Mit dem Alter kamen die gesundheitlichen Probleme: Tony ist Diabetiker und insulinabhängig. Zorro hat’s am Herzen und muss in Massen Blutverdünner schlucken. Spritzer schiebt nach zwei vermurksten Bandscheibenoperation einen Rollator vor sich her und frisst Antidepressiva. Seit Albaner und Türken die Straßen übernommen haben, sind die Sitten rauer und Tony, Zorro und Spritzer endgültig abgemeldet. Sie taugen nicht einmal mehr zu Helden von Gestern. Dass sie mal ganz Harte waren, sieht man ihnen nicht mehr an. Wer sich noch an die glorreichen Zeiten erinnern könnte, ist ohnehin längst tot oder weggezogen.

Der Kaffee ist gerade fertig, da marschiert Enes in den Laden. Kackfrech hinten durch. Die Getränkelieferanten schleppen noch Kisten rein, da steht dieser Kanake plötzlich vor ihnen, lächelt und schwitzt.

„Die kleine Türkensau“, sagt Zorro.

„Beleidige ihn nicht, er ist Albaner“, sagt Spritzer.

„Ach, ein Albaner?“

„Der Kleine hat die Hosen schon voll, bevor er überhaupt abgelassen hat, was er hier will.“

Enes sagt es ihnen, bläst seinen Kaugummi auf und lässt ihn platzen.

„Einen Versicherungsvertrag?“, fragt Tony.

„Schutzgeld?“ Ungläubig macht Zorro große Augen.

„An dich, Bengel?“ Spritzer schüttelt mitleidig den Kopf.

Enes sagt ihnen, wer ihn geschickt hat.

„Ach, du bist der Laufbursche für Ali?“

Jetzt geht es sehr schnell: Spritzer knallt dem Jungen einen Haken ans Kinn. Enes kippt um, ist aber nur angeknockt. Zorro tritt ihm ein paar Mal in den Bauch, bis der Pisser nur noch wimmert. Spritzer schnappt sich Enes’ Hand, verbiegt ihm den Daumen. Auf den Rollator gestützt schleift er den Jungen quer durch das Wettbüro in die Küche. Tony quittiert dem Getränkelieferanten die Lieferung, wirft ihm dabei einen warnenden Blick zu. Der Karrenschieber nickt eilfertig und grinst, um klar zu machen, er würde er nie was mitkriegen.

Dann sind Tony, Zorro und Spritzer mit Enes allein.

„Kuck mal an, wie der Bengel wimmert.“

„Wetten, der verspricht hoch und heilig, nie wieder zu kommen.“

„Gleich entschuldigt er sich noch, geboren zu sein“, sagt Spritzer und drückt Enes’ Hand flach auf den Küchentresen. Die Finger gespreizt. Zorros Messer blitzt auf. Zwei harte Schnitte, zwei Knochen knacken. Zwei Finger bleiben auf dem Tresen zurück, als Enes halbohnmächtig vor Schmerz zu Boden rutscht. Mit Fußtritten befördern Zorro und Spritzer ihn nach draußen. Flennend bleibt Enes in der Einfahrt liegen. Sie knallen die Tür zu. Die Alten haben richtig gute Laune und klatschen sich ab. Endlich mal wieder ein Tag, der gut anfängt.

Später schaut Tony nach dem Jungen. Der ist natürlich längst weg. Auf einmal ist Tony die Besorgnis anzusehen.

3

Natascha trägt ein übergroßes T-Shirt mit dem Aufdruck „Dein glücklichster Tag“. Sie kniet auf dem Bett, die Beine leicht gespreizt, den Hintern hochgereckt, damit Rico, Boxershorts auf den Füßen, japanischer Seidenmorgenmantel offen, sie von hinten ficken kann. Noch vor dem Frühstück, um den Druck loswerden. Natascha erträgt die Nummer, stöhnt laut, damit Rico ordentlich angetörnt wird und schnell zum Ende kommt. Funktioniert. Tonlos quetscht er sein Sperma aus der Eichel. Ficken ist für Rico wie Zähneputzen. Er zieht seine halbschlaffe Latte raus, und seine Boxershorts wieder hoch.

„Mach mir einen Kaffee und tropf bloß das Bett nicht voll“, sagt er und lässt sich hinten rüber fallen. Nachdenken. Rico hat momentan viele Sorgen. Alle haben den selben Grund: Geld – genauer der akute Mangel daran. Natascha gehorcht und hält sich den Schritt mit der linken Hand. Als sie wieder kommt, ist Rico fertig mit Nachdenken. „Pass mal auf, Kleines“, sagt er und nimmt den Kaffeebecher, „wo ist meine Milch, wo mein Zucker? Himmel!“

Natascha eilt wieder in die Küche, kehrt mit dem Gewünschten zurück.

„Wo rennste jetzt schon wieder hin?“

„Duschen.“

„Deine Pussi kannste später waschen. Setzt dich hier hin und hör zu. Dein Rico erklärt dir jetzt, wer er mit deiner Hilfe an seine Kohle kommt.“

Sie schaut ihn skeptisch an.

„Kuck nich so, das ist ‘ne Superidee, Baby.“

Natascha ist gerade mal 19 und stammt aus Rumänien. Sie wurde vor zwei Jahren nach Deutschland verkauft und muss für Rico anschaffen. Der hat außer Natascha noch zwei weitere Mädchen aufgestellt: Alice und Jessi. Ebenfalls 19, ebenfalls vom Balkan. Die drei sind hübsch und jung – aber trotzdem läuft das Geschäft schlecht. Die Konkurrenz ist zu groß. Natascha will abhauen. Die anderen beiden trauen sich nicht. Die Schlepper wissen, wo ihre Familien wohnen. Natascha meint, sie hat nichts mehr zu verlieren. Rico ist knapp bei Kasse, hat ständig Pech beim Zocken und folglich den Arsch voll Schulden. Den dürfen die Mädels dann abarbeiten.

Rico greift zum Handy und wählt eine Nummer, nach einem Moment sagt er: „Digger, wann biste endlich hier?“

4

Den Rucksack auf dem Rücken, betritt Uhl mit einem großen Blumenstrauß das Altenheim. Nach zehn Minuten, findet er das Zimmer seiner Mutter Gundel. Die alte Dame liegt zurechtgemacht im Bett. Geschminkt, ein Happy-Käppi auf dem dünnen Haar, schließlich hat sie heute Geburtstag, sie wird 88 Jahre alt. Sein Cousin Dietmar trägt ebenfalls ein Käppi, er hat sogar eine Rolltröte aus Papier zwischen den Lippen. Als Uhl den Raum hineinkommt, atmet Dietmar gerade aus, die Tröte rollt sich mit einem schrägen Trötton ab. Gundel wirkt unbeeindruckt.

„Sie bekommt nichts mehr mit“, sagt Dietmar, „aber das weiß man nicht so genau.“ Er hat für Uhl auch ein Happy-Käppi.

Eine Schwester bringt eine große Vase mit Wasser. „Da wird sich die alte Dame aber freuen. Schauen Sie, Frau Uhl, was ihr Sohn ihnen mitgebracht hat. Was für schöne Blumen. Nicht wahr?“

Gundel zeigt keine Freude.

„Man muss genau hinsehen, dann sieht man das Lachen in ihren Augen aufblitzen“, sagt Dietmar. Übergewichtig und verschwitzt, verbreitet er bemüht gute Laune. Er wärmt Uhl an. Aus gutem Grund. Als sie alleine sind, nimmt er das Käppi ab und gesteht Uhl ihre gemeinsamen finanziellen Probleme: „Wir haben zu viele Reparaturen, kaum kaufende Kunden. Uns fehlt Umsatz.“

Uhl versteht nicht.

„Das liegt an der Baumarkt Konkurrenz“, erklärt Dietmar, „die erzeugen den Preisdruck. Unsere Handelsspanne geht in die Knie. Es läuft nicht gut. Es läuft scheiße, ehrlich gesagt, richtig scheiße.“

„Ich bin bald draußen. Das wirst du jawohl noch schaffen.“

„Ja klar, kein Problem, natürlich schaffe ich das. Nur jetzt ist da noch diese Steuernachzahlung. Wir brauchen dringend Geld. Sonst ist unser Laden pleite.“

Uhl packt Dietmar an der Kehle: „Der Laden gehört mir. Du führst die Geschäfte, bis ich draußen bin. Acht Jahre lief alles gut. Jetzt auf einmal diese Scheiße? Wie kommt das?“

Dietmar kann Uhl nicht die Wahrheit sagen. Er kann ihm nicht erzählen, dass er seit seiner Trennung von Manuela zu viel Kohle im Puff durchbringt und mittlerweile ein Alkoholproblem hat. Darum lutscht er auch ständig Pfefferminzbonbons. Muss unbedingt die Zuckerfreien nehmen, sonst werde ich noch fetter, denkt Dietmar. Bevor er wieder an Uhl denkt. Der würde ihn umbringen, wenn er die Wahrheit erfährt, vielleicht nicht sofort, aber später bestimmt. Damit ist Dietmar sonnenklar, sein Problem ist nicht das Geld, sein Problem ist Uhl. Und jetzt beschäftigt ihn wieder die Frage, wie er das lösen kann.

„Gib mir dein Handy.“

„Natürlich, sofort.“ Hektisch kramt Dietmar sein Handy hervor, lässt es beinahe fallen.

Uhl überlegt kurz, wählt, nach dem zweiten Signalton hört er: „Ja …?“

„Tony, ich bin’s“, sagt Uhl.

Tony wirkt bleich. Es scheint, als beginne seine Hand mit der er den Telefonhörer hält zu zittern. Kann in seinem Alter aber auch ein erstes Anzeichen von Parkinson sein.

„Nimm die Hintertür, nach Feierabend, ein Uhr“, sagt Tony, nachdem er Uhl eine Zeit lang angehört hat und hängt ein. Er starrt einen Moment lang vor sich hin, bis er nach vorn in den Laden brüllt: „Wann bequemt sich eigentlich einer von euch Ärschen endlich den Mist zu entsorgen? Ist ja widerlich.“ Tony geht nach vorn. In der Spüle liegen noch immer Enes’ zwei Finger: blasses, weißes Fleisch mit abgekauten Nägeln.

5

Enes betrachtet seine Hand. Sie ist mit einem mittlerweile blutgetränkten Papiertuch umwickelt. Vorsichtig steckt er die Hand wieder in seine Jackentasche. Er ist geschockt und verängstigt, drückt sich ziellos in der Stadt umher. Nur nicht nach hause, nur nicht Ali unter die Augen kommen. Nervös scannt sein Blick die Straßen. Als es unvermittelt hupt, springt Enes vor Schreck beinahe vor das herankommende Auto. Hätte er man besser. Denn hinter dem Steuer sitzt Ali. In diesem Moment ist er ausgestiegen, packt seinen Neffen am Kragen.

„Wo ist mein Geld? Hast du die Kohle verbraten?“

Enes hebt schützend die Hände, da sieht Ali das blutige Taschentuch und fragt, was passiert ist? Enes hockt wie ein Häufchen Elend auf der Beifahrerseite und erzählt, was im Wettbüro abgelaufen ist. Er poliert das Geschehene, hübscht es auf, damit er besser wegkommt: „Die feigen Schweine waren in der Überzahl, sie haben mich geschnappt und zwei Finger abgeschnitten. So werden sie es mit jedem machen, der von Ali kommt, soll ich dir bestellen.“

Drei Stunden hat Ali seinen Neffen gesucht, seiner Schwester Lügen aufgetischt, und jetzt das. In einem miesen Viertel aufgewachsen, von klein auf mit Hass und Gewalt großgeworden, ist Ali die neue aufstrebende Macht im Milieu. Nach und nach bringt er die Wettbüros und lukrative Läden unter seine Kontrolle: Entweder die Betreiber zahlen Schutzgeld oder … die meisten zahlen. Darum hat Ali auch seinen Neffen zum Top-Tipp-Wettbüro geschickt. Der Kleine muss schließlich lernen, neuen Umsatz ranzuholen. Eigentlich ist er noch nicht soweit, aber die drei alten Männer dürften selbst für Enes kein Problem sein. Irrtum. Die fehlenden Finger, das gibt wieder ein Riesentheater mit seiner älteren Schwester. Vor Wut prügelt er mit der rechten Faust auf seinen Trottel von Neffen ein, ohne den Fuß vom Gas zu nehmen. Ali wird handeln. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Die Schweine müssen dran glauben. Das Wettbüro wird er sich jetzt erst recht unter den Nagel reißen.

„Heute Nacht besuchen wir die Penner, dann wirst du ihnen die Finger abschneiden. Du bist schließlich ein Mann. Das ist eine Sache der Ehre – und der Macht. Klar! Wer hat hier die Macht?“

„Du, Ali, du hast die Macht“, sagt Enes und presst die Lippen zusammen, um nicht schon wieder loszuheulen.

„Idiot“, sagt Ali und verpasst Enes eine Ohrfeige, dass der Kopf gegen die Seitenscheibe knallt.

6

Noch immer in Morgenmantel und Boxershorts, fläzt Rico sich auf dem Bett und schwadroniert. Natascha lackiert ihre Fußnägel, tut als höre sie nicht hin. Denn er spricht mit Pit, erklärt ihm den Grundriss des Wettbüros, wo der Hintereingang ist, den Natascha ihnen aufmachen wird.

Er sagt: „Digger, die Party steigt immer Samstagnacht, meist gegen zwei. Um eins machen die dicht, weißt du. Aufräumen, abrechnen, das zieht sich. Da liegen locker zwanzig Riesen in der Kasse. Jedenfalls um zwei kommen die Mädels. Die Kerle sind zu dritt. Voll die alten Säcke. Brauchen jede Menge Viagra und Cialis und so’n Zeug, damit das schlaffe Fleisch aushärtet. Haha. Ordentlich zu Saufen und reichlich für die Nase ist bei denen Standard. Wenn du verstehst, was ich meine. Okay, Natascha macht uns um drei Uhr die Tür auf. Wir marschieren rein, fummeln ein bisschen mit der Wumme rum und erschrecken die Alten ordentlich. Wir greifen die Kohle ab und die Mädels, sacken den Stoff ein und dann Tschö mit ö. Biste dabei …?“

„Was wenn die Verdacht schöpfen? Kennen die dich?“

„Die kennen nur Natascha, Alice und Jessi. Ich existiere gar nicht. Diskretion zahlt sich aus. Immer schön den Kopf unten halten, dann kannst du frei agieren. Lass dir das ein Lehre sein.“

Die Sache ist riskant. Aber Rico ist ein Kumpel und einen Kumpel lässt man nicht hängen. Darum wird Pit die Wumme und die Sturmhaube nehmen, die Rico besorgt hat, und Samstagnacht mit in den Wagen steigen.

„Bin dabei“, sagt Pit also und schießt Natascha einen schnellen Blick herüber. Sie erwidert diesen.

„Das ist mein Pit.“ Die Hände hinter dem Kopf verschränkt, starrt Rico an die Decke, als würden da oben Zahlenkolonnen aufaddiert. Er grinst wieder. Er grinst immer, der Rico. Pit nimmt eine der Pistolen vom Tisch und betrachtet sie eingehend.

„Beide sauber, für alle Fälle“, sagt Rico, steht auf, schüttelt sein Klöten in den viel zu weiten Boxershorts und geht Duschen.

Pit will Natascha etwas sagen, aber sie legt einen Zeigefinger auf ihre Lippen. „Zu gefährlich. Später, mein Liebling.“

Uhl sitzt alleine am Bett seiner Mutter und hält ihre Hand. Das Häppy-Käppi schief auf dem Kopf, schaut Gundel ihn mit leeren Augen an. Uhl kann beim besten Willen kein Aufblitzen des Erkennens in ihrem Blick sehen. Irgendwann dämmert sie weg und beginnt nach einiger Zeit zu schnarchen. Vorsichtig löst er seine Hand aus der ihren und nimmt ihr das bescheuerte Happy-Käppi ab. Danach verharrt er regungslos auf dem Stuhl neben ihrem Bett und schaut seiner Mutter beim Schlafen zu. Darüber wird es Nacht.

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