BEA BRAUCHT ES – Story

Die Kerle von heute kannste doch alle in die Tonne treten …

Hände in die Hüften gestemmt betrachtete Bea Bertram kritisch ihr Spiegelbild auf der Toilette eines 4-Sterne-Hotels in Flughafennähe: dunkelblaues Businesskostüm und weiße Bluse, die blonden Haare hochgesteckt, dazu ein Make-up, das Natürlichkeit vortäuschte, aber viel Aufwand erforderte. Sie ging locker für 38 durch, ein Beleg für ihre Disziplin. Sie war zehn Jahre älter.

„Du bist vielleicht nichts als ein Stück Ware mit rapide sinkendem Verkaufswert“, sagte Bea zu ihrem Spiegelbild, „aber heute Abend, Engelchen, bist du ganz weit vorn.“

In der Hotelbar herrschte Männerüberschuss, wie meistens unter der Woche, wenn Geschäftsreisende und mittlere Manager das Klientel bildeten. Bea war hier, um einen Mann aufzugabeln. Einen einigermaßen charmanten Kerl, der passabel aussah, sie freihielt und nicht allzu schlecht vögelte. Aber alle starrten ausnahmslos auf einen Großbildschirm.

Die Champions-League wurde übertragen. Halbfinale. Bea hatte lernen müssen, ihre Ansprüche der Marktrealität anzupassen. Im 21. Jahrhundert trat sie auf der Spielwiese der Lust gegen Privat-Amateure an, gegen Semi- und Vollprofessionelle, gegen WhatsApp- und Tinder-Dater. Alle Welt war hemmungslos geil und natürlich überall und jederzeit bereit. Heute Abend ging’s auch noch gegen Fußball. Schlechtes Timing.

Sticht jede Bea aus, jederzeit

Bea kehrte auf ihren Platz zurück und bestellte ihren dritten Rotwein. An der Bar lehnte ein junger Mann, dessen Blicke vorzugsweise ihr und nicht dem Ball galten. Er lächelte schüchtern. Sie erwiderte seinen Annäherungsversuch mit einem einladenden Augenaufschlag.

„Sie interessieren also sich nicht für die Helden der Gegenwart?“, sagte der junge Mann als er sich neben sie auf die Bank setzte. Er trug Jeans zu weißem Hemd und dunklem Sakko, etwas einfallslos aber sorgfältig abgestimmt und passgenau geschneidert. Er roch erdig-herb. Akzeptabel, wie Bea befand.

„Nicht, wenn die einem Ball hinterherlaufen.“

„Ich heiße Wotan, freut mich“, sagte der Mann, den Bea auf Anfang 30 schätzte.

Der Barkeeper brachte ihm auch ein Glas Rotwein.

„Bea, freut mich ebenso“, sagte sie und lächelte, weil er sich Mühe gab und sie Details mochte.

Er lächelte, weil sie lächelte. Die beiden ließen ihre Gläser erklingen.

„Wotan, was für ein eigenwilliger Name.“

„Man vergisst ihn jedenfalls nicht so leicht.“

„Besitzt er in ihrer Familie Tradition?“

„Weniger. Meine Eltern hatten vor meiner Geburt Freikarten für den Ring der Nibelungen gewonnen. Das wird den Ausschlag gegeben haben.“ Wotan nahm einen Schluck Rotwein.

Bea sagte: „Aha. Wissen Sie auch, was er bedeutet?“

„Auch.“

„Und?“

„Na ja, er steht für, aber bitte jetzt nicht lachen …“

„Wie könnte ich?“

„Er steht für die Summe der Intelligenz der Gegenwart.“

Bea verzog keine Miene als sie sagte: „Wie heldenhaft.“

Wotan will selbstverständlich

Einmal hatte sie einen jungen Mann aufgelesen, der sein Sixpack im Spiegel bewunderte, während er sie von hinten nahm. Sie schloss daraufhin ihre Augen, dachte an einen homosexuellen Topschauspieler und ließ ihn rackern. Kaum hatte er ihr einen Orgasmus verschafft, setzte sie ihn vor die Tür. Sollte er doch im Flur abspritzen.

„Was sind Sie für ein Sternzeichen, Wotan?“

„Oh, sind wir schon soweit?“

„Ist das etwa eine intimere Frage, als die nach der Bedeutung Ihres Vornamens?“

„Welche Bedeutung hat denn Ihr Vorname, wenn ich fragen darf?“

Bea sah ihm tief in die Augen. „Die Beglückende.“

„Das passt aber wirklich zu Ihnen … Bea.“ Er betonte jede Silbe.

„Ich habe am gleichen Tag wie Beatrix von den Niederlanden Geburtstag und ich bin Wassermann.“

„Ich bin Skorpion“, gestand Wotan nach einigen Sekunden Stille.

Ein anderes Mal hatte ein 55-jähriger Skorpion Bea mit auf sein Hotelzimmer genommen. Zuvor spendierte er ihr ein großzügiges Abendessen mit Champagner. Es dauerte bestimmt zwanzig Minuten, bis die blaue Pille wirkte. Sein Geschick ließ zu wünschen übrig, dafür bewies er Ausdauer. Bea verlor schließlich die Lust.

Wotan sagte: „Ich mache digitales Marketing und entwickle Online-Strategien für Markenartikler.“

Er war sicher einer der Typen, die am liebsten über ihren Job redeten, darum sagte sie: „Ich bin in der Kosmetikbranche.“

Wotan sagte: „Der Kampf um die Endkunden wird heute nur noch im Netz gewonnen.“

„Ich bin im Außendienst bei L’Excellence.“

„Großartige Marke. Eure neue Online-Vertriebsstrategie ist wegweisend für die gesamte Branche.“

„Finden Sie?“, fragte Bea, die seine Begeisterung nicht nachvollziehen konnte.

„Absolut. Die Zukunft ist mein Geschäft. Ich verstehe was von Siegern und ihr gehört zur Speerspitze der digitalen Revolution“, mit einem charmanten Lächeln hob Wotan sein Weinglas, „auf uns Sieger.“

Bea trank gierig. Heute vormittag hatte die junge L’Excellence Vertriebschefin ihr nach über fünfzehn Jahren den siegreichen Weg gewiesen und gemeint, aufgrund der neuen Onlinestrategie gäbe es fortan keine Verwendung mehr für Bea. Sie wolle daher nicht länger Beas Zukunft im Wege stehen und bot ihr einen Aufhebungsvertrag an: sofortige Freistellung, sechs Monate Gehaltsfortzahlung, einmalige Sonderprämie on top, sowie Nutzung des Firmenwagens bis zum Jahresende. Anschließend sagte die verlogene Fotze mit aufgesetzt teilnahmsvoller Miene, dass Bea natürlich 48 Stunden Bedenkzeit bekäme, für eine hoffentlich positive Antwort. Bea wünschte ihr Feigwarzen zwischen die gepiercten Schamlippen.

Die Richtung stimmt auch nicht

Auf dem Großbildschirm ging die Champions-League in die Halbzeitpause. Der Barkeeper schaltete um auf eine Talkshow. „Es geht um die Rückbesinnung auf wahre konservative Werte“, hörte Bea einen Politiker mit gespielter Empörung sagen, den sie schon immer zum Kotzen fand, „besonders in diesen Zeiten. Wir haben viel zu lange, viel zu viel von unserer staatlichen Souveränität an Brüssel abgegeben.“ Der Moderator schaute interessiert über seine Lesebrille hinweg: „Herr Dr. Flach-“

Bea leerte ihr Glas Rotwein in einem Zug und schob es von sich.

„Was mögen Sie?“, fragte Wotan mit Blick auf die Getränkekarte.

„Grundsätzlich oder in diesem Moment?“ Bea sah ihn verführerisch an.

Der junge Mann wirkte verunsichert.

„Komm, wir gehen aufs Zimmer“, flüsterte sie ihm ins Ohr und rutschte von der Bank.

„Bist du etwa … eine Professionelle?“ Wotan war plötzlich misstrauisch.

„Ich steh auf professionellen Sex, aber ich habe keine finanziellen Interessen.“ Sie lächelte.

Wotan wirkte erleichtert. Er hing sich eine große Laptoptasche um und übernahm die Getränkerechnung. Er zahlte bar, passend abgezählt. Bea ergriff seine Hand. Eilig steuerten sie den Aufzug an.

„Welche Etage?“ Sie drückte den Aufzugknopf.

„Lass uns lieber auf dein Zimmer gehen.“

Sie hielt seinen Blick und sagte mit erotischem Timbre in der Stimme: „Ich übernachte nicht in diesem Hotel.“

Ein Tonsignal kündigte das Eintreffen des Aufzugs an. Einige Sekunden darauf, öffnete sich rumpelnd die Tür.

„Äh … ich habe auch kein Zimmer hier“, sagte Wotan.

„Hast du wenigstens ein Auto?“

„Also ich … ich leiste einen aktiven Beitrag zur Emissionsverringerung. Genau.“ Wotan versuchte erneut sein charmantes Lächeln. Es missglückte.

Bea stieß ihn in den Aufzug und drückte auf Untergeschoß. Ihr Firmenwagen stand in der Tiefgarage. Darin war Platz genug. Die Frage nach einem Gummi sparte sie sich. Wollte sie einen zweibeinigen Dildo, dann musste sie sich um alles kümmern. Hauptsache er war schön hart und stellte hinterher keine Fragen, wie es für sie war oder ob er es ihr gut besorgt hätte. Darauf hatte sie wirklich keinen Bock.

Hinterher fragte Wotan nicht nach seiner Performance, er verlieh sich selbst eine 2+, sondern ob sie ihn mitnehmen könnte, er hätte den letzten Bus verpasst.

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