FANAL – Kapitelauszug

Bleibt Riegers Rückkehr unbemerkt … ?

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Der dunkle Raum in der Abteilung 5 war fensterlos und klimatisiert. Horst war allein. Noch knapp eine Stunde bis zum Ende seiner öden Nachtschicht, dann würden die Kollegen kommen und der Führungsebene wieder eine Zusammenfassung der Vortagesereignisse nebst Videoauswertung präsentieren. Die Lage, hieß das offiziell. Es gab mal eine Zeit, da hatte es keine Lage ohne ihn gegeben.

Horst sah zu den zwölf Monitoren, die das Occupy-Camp auf dem Platz vor der EZB aus verschiedenen Blinkwinkeln zeigten. Unzählige Scheinwerfer überstrahlten die anbrechende Dämmerung. Zwischen einzelnen Bäumen und ins Erdreich gerammten Holzstangen hingen große Banner, auf denen in bunten Buchstaben halbgare Parolen standen. Völlig an der Realität vorbei, wie alles von den Spinnern im Camp, dachte er. Eine regungslose Stille lag über den vielleicht dreißig Zelten mitten im Frankfurter Bankenviertel. Die Studentenbrut pennte noch. Im Hintergrund reihten sich die Übertragungswagen der TV- und Radiosender aneinander. Die Medienfuzzis pennten ebenso. Seit Wochen war die Lage festgefahren und Horst gezwungen, tatenlos zuzusehen. Die feigen Verantwortlichen in Berlin faselten was von Verständnis und ließen die illegalen Platzbesetzer einfach gewähren. Diese diskutierten endlos mit Journalisten und Politikern im Fernsehen, hielten Vorträge für Rentner und Schülergruppen und verteilten Flugblätter mit unsinnigen Forderungen an Banker und Manager.

„Ihr renitenten Schwachmaten“, rief Horst laut. Er hätte das ganze Affentheater längst beendet. Radikal und konsequent. Aber ihn fragte ja keiner. Horst schluckte seine Wut runter und blickte erneut zur Uhr. Kniepmeier müsste gleich eintreffen. Er leerte seinen Kaffeebecher, griff seine Gauloises und das Zippo und erhob sich schwerfällig.

Wie immer parkte Kniepmeier ganz hinten in der Tiefgarage. Horst achtete genau darauf, im toten Winkel der Überwachungskameras zu bleiben, als er sich dem schwarzen 3er BMW näherte. Er stieg auf der Beifahrerseite ein.

„Mensch, Horst, mach bitte die Kippe aus.“

„Hör auf, meine filterlosen Freunde zu diskriminieren.“ Er nahm noch zwei Züge, bevor er den Stummel hinauswarf und die Tür schloss.

Kniepmeier machte ein unglückliches Gesicht.

„Na, was musst du mir beichten?“, fragte Horst.

„Ich werde nach Berlin versetzt.“

„Wann?“

„Montag.“

„Das erzählst du mir jetzt erst?“

„Sei doch froh, dass ich es dir erzähle.“

Kniepmeiers Versetzung schnitt Horst endgültig vom Zugang zur internationalen Terrorlage ab. Nach bald vierzig Jahren im Geschäft vollends isoliert. Zum Verrücktwerden. Er steckte sich eine Zigarette an und begann den Wagen voll zu qualmen. Reiss bloß das Maul auf, du schwuler Kinderficker, dachte Horst.

Aber Kniepmeier verkniff sich seinen Protest.

„Zeig schon her.“

Kniepmeier klappte einen Laptop auf und tippte sein Pass-wort ein. Eine Datei öffnete sich. Horst überflog die Berichte.

Er fragte beiläufig: „Wo geht’s denn hin?“

„Ich komme ins Kanzleramt.“

„Sieh an, ins Sekretariat der deutschen Industrie.“

„Was willst du überhaupt von mir?“, verteidigte Kniepmeier sich, „du hast dich doch selbst ausrangiert. Warum gehst du nicht endlich in die Industrie? Experten für Wirtschaftsspionage oder Anti-Terrorconsulting werden dort händeringend gesucht.“

Horst hörte nur mit halbem Ohr zu. Er las zum zweiten Mal eine sechs Tage alte Meldung aus Beirut. Die Amis suchten in Verbindung mit fünf Morden einen Mann, der sich die letzten dreizehn Jahre im Nahen Osten aufgehalten hatte und angeblich in illegale Waffengeschäfte verstrickt war. Ein Deutscher oder Österreicher. Möglicherweise hatte er sich nach Europa abgesetzt. Beim Anblick des grobkörnigen Bildausschnittes aus einem Überwachungsvideo, verspürte Horst einen Adrenalin-schub als wäre er von den Toten auferweckt worden.

„Ich habe da ein paar exzellente Kontakte. Soll ich die Fühler für dich ausstrecken?“

„Haben die denn keine Vorbehalte gegenüber einem absolut skrupellosen Charakter mit meinem Werdegang?“

„Sie zahlen wirklich sehr gut.“

„Mach mir lieber hiervon eine Kopie.“

„Unmöglich.“

Horst starrte ihn ohne Wimpernschlag an.

Kniepmeier wich dem Blick aus. „Du weißt genau, das kann ich nicht. Ich riskiere auch so schon zu viel.“

„Und du weißt genau, wozu mich mein absolut skrupelloser Charakter in dem Fall zwingt.“

Kniepmeier kopierte die Datei auf einen USB-Stick. „Zum Glück bin ich ab Montag weg.“

So viel Glück hat niemand, dachte Horst und betrachtete erneut das Bild des Mannes, auf den nicht nur die Amis richtig scharf waren. Kein Zweifel, es war die verlogene Fresse von Ringo alias Togger alias Jan.

Gespannt wie’s weiter geht? Sofortabhilfe . . .

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