DESPERADO – Großer Afrikanischer Krieg

Auszug aus Kapitel 3 . . .

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Sie tranken, und Mike fing an vom Krieg zu erzählen. Manche Männer erzählten andauernd vom Krieg.

„Die Scheiße begann vor achtzehn Jahren in Ruanda. Die Hutus wollten die Tutsis ausrotten. Angeblich hatten sie die Sache von langer Hand geplant, die Bevölkerung mit Hetzreden aufgewiegelt, Macheten, Knüppel und was weiß ich noch ins Land geschafft. Aber es klappte nicht, also flohen viele der Hutu-Schlächter über die Grenze.“

„Und versteckten sich hier in den Kivus?“ Burget hörte aufmerksam zu.

„Mehr noch, um zurückzuschlagen gründeten sie eine Miliz, die sie FDLR, Demokratische Kräfte für die Befreiung Ruandas, tauften. Klingt gut, was? Aber anstatt die Tutsis abzuschlachten, gewannen diese nun endgültig den Bürgerkrieg und übernahmen in Ruanda das Ruder, und sie wollten Rache. Nur fisten ist schöner, kannste dir vorstellen. Jedenfalls schickten sie ihre Kämpfer über die Grenze, Hutus jagen. Die Tutsi-Miliz nannte sich CDNP, Nationaler Kongress für die Verteidigung des Volkes. Inzwischen wankte im fernen Kinshasa Mobutu, und Laurent Kabila, der sich seit den Sechzigern mit seiner Rebellenbande hier im Osten herumtrieb und vom Viehdiebstahl lebte, sah endlich seine Chance gekommen, den kranken Diktator zu stürzen.“

Mike schwieg. Burget sah ihn erwartungsvoll an.

„Im ersten Kongokrieg, von ’96 bis ’97, unterlagen Mobutus Soldaten“, sagte Mike, „der geschasste Machthaber verpisste sich ins Exil und Kabila übernahm. Leider glich sein Regime verdächtig dem seines Vorgängers. Keine zwölf Monate später brach der zweite Kongokrieg aus.“

„Der Große Afrikanische Krieg?“, fragte Burget.

Mike nickte, nahm einen Schluck und spann seinen Faden weiter: „Kabila rief die Nachbarstaaten um Hilfe an. Bereitwillig folgten alle dem Ruf und schickten Truppen. Neun Armeen und zwanzig Rebellenmilizen kämpften auf kongolesischem Boden um die Macht. Laurent Kabila wurde 2001 von einem Bodyguard ermordet, sein Ziehsohn Joseph beerbte ihn. Zwei Jahre später war dann offiziell Kriegsende.“

Player im Großen Afrikanischen Krieg

„Aber kein Frieden“, sagte Burget, „und seitdem ist die MONUC hier?“

„Wir heißen jetzt MONUSCO, Mission de l’Organisation des Nations Unies en République démocratique du Congo“, sagte Mike, er mochte offensichtlich Details, „zwanzigtausend Mann. Soldaten, Polizisten, Administratoren und Helfer. Bunt zusammengewürfelt, aus afrikanischen, südamerikanischen und asiatischen Staaten. Schon wegen des Klimas. Wir sorgen für Ruhe und Ordnung.“

„Ich habe gehört, deine Blauhelme kontrollieren im Wesentlichen die eigenen Quartiere und dazu ein paar Hauptstraßen und Kreuzungen, die zu euren Quartieren führen“, sagte Burget.

„Gerüchte, musst nicht alles glauben, was so erzählt wird.“

„Und was machen die Rebellenmilizen?“

Mike verzog spöttisch das Gesicht.

„Ich meine, Kinshasa ist weit“, sagte Burget.

„Genau das dachte sich auch CDNP-General Makellos“, sagte Mike nach einem Moment, „der Typ trat immer in perfekt gebügeltem Grünzeug, grünen Kampfstiefeln mit polierten Kappen auf, musst du wissen, und, und das ist das Beste, immer mit einer weißen Ziege. Die war nämlich sein Glücksbringer. General Makellos ließ sich gern fotografieren, tätschelte zärtlich sein meckerndes Maskottchen und versprach großzügig, die Menschen im Kongo zu befreien.“

„Hat er auch gesagt, von was?“

„Na wovon schon? Not, Elend, Ausbeutung, Fremdherrschaft. Such dir was aus“, sagte Mike, „das geleckte Arschloch setzte seine sogenannte Befreiungstruppe in Marsch. Woraufhin meine Combo, also die Blauhelme, sich zunächst einmal taktisch weit zurückzog. Ich schäme mich nicht, das offen zu sagen.“

„Um die Lage zu sondieren?“

Sein Gegenüber machte eine abfällige Geste. „Eine Viertelmillion Menschen verließen ihre Dörfer und folgte unseren Soldaten Richtung Süden. Bis hier nach Goma. Die Kämpfe hatten zivile Unruhen und eine massive Lebensmittelknappheit zur Folge. Wie sagte mein Freund Pascal so schön, der ist Sprecher von unserem UN-Haufen, eine humanitäre Krise katastrophalen Ausmaßes. Schließlich schossen meine Blauhelme zurück und die Armee der Demokratischen Republik Kongo schoss endlich mit. Alle gemeinsam gegen General Makellos. Sogar Mai-Mai-Milizen hielten ordentlich drauf.“

„Der Feind ihres Feindes ist auch ihr Feind?“ Burget nahm einen Schluck Gin Tonic.

Mike atmete schwer. Er dachte wohl einen Moment über vertrackte Zweckbündnisse und sich ständig verschiebende Loyalitäten nach.

„Diese Mai-Mai sind echte Menschenfresser“, sagte er im vertraulichen Ton, „die nahmen ihre Waffenbrüder in der kongolesischen Armee gerne mit Maschinengewehren, wahlweise auch RPGs unter Feuer. Besonders bei übereiltem Rückzug. Das kann die kongolesische Armee nämlich richtig gut, rennen wie die Hasen, meine ich.“

Er schien plötzlich amüsiert.

Burget fragte nicht, warum.

„Geschätzte dreitausend Kinder, vielleicht auch vier- oder fünftausend, wurden sofort als Soldaten rekrutiert oder re-rekrutiert“, fuhr Mike fort, „dazu tägliche Scharmützel, Beschuss aus dem Hinterhalt. Meistens waren die Schwarzen mit Vergewaltigen und Plündern beschäftigt. Auf allen Seiten. Ausnahmslos. Und wir Vereinte Nationen mittendrin. Impartiality. Keine Seite bevorzugen, dazwischengehen, befrieden, Not lindern. Die volle Nummer.“

Er redete sich in Rage: „Für die Versorgung der Bevölkerung wurde ein humanitärer Korridor gebildet. Und den haben die Rebellen dann eifrig unter Feuer genommen. Die Lager quollen über. Allein in den Kibati-Camps, unmittelbar an der Frontlinie, drängten sich sechzigtausend Menschen. Die hockten alle mit dem Arsch im Dreck, wenn ihnen die Kugeln über die Köpfe pfiffen. Manchmal pfiffen auch Granaten. Stundenlang. Besonders an den Festtagen. Schöne Weihnachten, kannst du dir vorstellen. In nur einem Monat krepierten fünfundvierzigtausend Menschen. Die meisten aber nicht an den Kugeln oder Granaten, sondern an Unterernährung und Krankheiten …“

Mike starrte ins Leere.

Burgets Mund bildete eine dünne Linie.

„Wann war das, vor zwei Jahren?“, fragte er nach einer Minute des Schweigens.

„Achtzehn Monate. Die Friedensverhandlungen schleppten sich. Keine Partei traute der anderen. Nach drei Monaten Waffengang entmachtete und beerbte ein bis dato loyaler CDNP-Gefolgsmann eigenmächtig seinen kriegstreibenden General Makellos. Die Kämpfe endeten kurz darauf. Kaum überschritt der abgesetzte General die Grenze nach Ruanda, wurde er festgenommen. Anscheinend verließ ihn das Glück, als er in einem Anflug von Übermut seine Ziege röstete. Kabila jr. suchte das Gespräch mit Kagame. Und was Wunder, kurz darauf schloss die CDNP mit Kinshasa einen Friedensvertrag und mutierte zur politischen Partei.“

„Keiner wurde wegen Kriegsverbrechen angeklagt?“

„Wozu? Der Frieden ging vor. Immer nach vorne schauen. Kennste bestimmt.“

Genau das wollten seine Mörder verhindern

Offiziell koordinierte Mike den Einsatz von Hilfsgütern zwischen NGOs und UN und gab den ernüchterten Engagierten. Inoffiziell koordinierte er bestimmt als Field Agent die Aktivitäten der CIA und mischte kräftigt mit, mutmaßte Burget. Er kannte solche Typen, scheinheilig ohne Ende. Die dreckige CIA, überall die Finger drin, von Anfang an, seit der Unabhängigkeit des Kongos 1960.

Die Ermordung des ersten frei gewählten Premierministers, Patrice Lumumba, der als Kommunist galt, weil er sein Land nicht weiter von den weißen Ex-Kolonialherren ausbeuten lassen wollte, ging ebenso auf das Konto des US-Geheimdienstes wie fünf Jahre später die Installierung des neuen starken Mannes, Joseph-Desiré Mobutu. Der schwang sich zum Diktator auf, tauschte seine Feldwebel-Mütze gegen einen Hut aus Leopardenfell, nannte sich Mobutu Sese Seko Nkuku Ngbendu Wa Za Banga, was so viel wie „Der allmächtige Krieger, der aufgrund seiner Ausdauer und Unbeugsamkeit von Eroberung zu Eroberung zieht und eine Feuerschneise hinterlässt“ bedeutet, und taufte die Republik Kongo in Zaire um. Über dreißig Jahre knechtete der treue Freund der USA Land und Leute und transferierte bis zu seinem Abgang als Lohn der Ausbeutung angeblich vier Milliarden Dollar auf seine Privatkonten ins Ausland.

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