BEA BRAUCHT ES (3) – tödliche Fügung

Fortsetzung: Bea und Wotan werden plötzlich brutal gerammt . . .

Der Passat bekam einen harten Schlag und drehte sich in einem 90° Winkel längs zur Straße. Seine Scheinwerfer leuchteten hinaus in die Nacht. Weil der Motor noch lief, rollten sie im Schritttempo vorwärts. Irgendetwas schleifte. Bea hörte ihr eigenes Stöhnen.

Wotan neben ihr ächzte laut, fragte: „Was ist passiert …?“

„Wir sind gerammt worden“, sagte Bea wie im Tran und setzte den Fuß auf die Bremse. Sie brauchte einen Moment, bevor sie den Wählhebel auf P schob.

„Mir tut alles weh“, klagte Wotan, „ich glaube ich muss brechen.“

„Aber nicht in mein Auto!“ Vorsichtig stieg Bea aus. Ihr wurde schwindelig, sie hielt sich am Dachrahmen fest.

„Wohin gehst du?“ Wotans Stimme klang weinerlich.

„Nachsehen, was mit dem anderen ist.“ Sie atmete mehrfach tief durch, bis die bunten Sternchen vor ihren Augen verschwunden waren.

„Ich krieg die Tür nicht auf.“

„Steig auf meiner Seite aus“, sagte Bea, ließ den Dachrahmen los und ging mit kleinen Schritten um den Passat herum. Die rechte Vorderseite war stark gestaucht, der Kotflügel direkt auf den Reifen gepresst, das Chassis schien verzogen. Na prima, dachte sie, Totalschaden.

Rund fünfzehn Meter entfernt lag ein Toyota mit der Fahrerseite im Straßengraben. Er musste um die eigene Achse geschleudert worden sein. Langsam näherte Bea sich dem Wagen, probierte die Beifahrertür, sie ließ sich öffnen. Ein Mann von Ende 30 hing schief im Fahrersitz. Er war angeschnallt, auf seinen Oberschenkeln lag ein erschlaffter heller Airbag.

Aus blutunterlaufenen Augen stierte der Mann sie an.

„Sind Sie verletzt?“, frage Bea.

Scheißperspektive

Jetzt hob der Mann den rechten Arm. Sie begriff zunächst nicht, was seine Bewegung bedeutete, bis sie erkannte, dass er mit einer Pistole auf sie zielte. Ihr Magen verkrampfte sich. Sie wollte zurückweichen, war aber wie gelähmt. Nach einigen quälend langen Sekunden sackte der Arm in Zeitlupe hinab, öffneten sich die Finger, rutschte ihm die Pistole aus der Hand. Der Mann röchelte, sein Kopf kippte zur Seite. Bea verspürte einen heftigen Adrenalinschub. Sie begann zu Zittern.

Hinter ihr ertönte lautes Würgen. Wotan war inzwischen aus dem Passat geklettert. Den Kopf auf einen Unterarm gestützt, lehnt er an der Heckklappe und übergab sich.

Der Mann im Toyota atmete offenbar nicht mehr. Bea kniete mit einem Bein auf den Beifahrersitz, um, wie man es in Fernsehkrimis immer sah, an seiner Halsschlagader den Puls zu fühlen. Sie fühlte nichts. Die Pistole lag auf der Mittelkonsole. Vorsichtig nahm sie den Lauf, zog die Waffe weg. Sie hatte noch nie eine Pistole angefasst und wog den überraschend schweren Gegenstand in den Händen. Der Stahl fühlte sich seltsam warm an. Ihre Finger umschlossen den Griff. Er war glitschig-feucht.

„Ist jemand verletzt?“, fragte Wotan als er langsam herüber kam.

„Sieht aus, als ob er tot ist.“

„Ach du Scheiße. Auch das noch, Unfall mit Todesfolge. Er hatte Vorfahrt.“

„Was?“

„Ich sagte, er hatte Vorfahrt. Du hast schuld.“

„Ich hab schuld?“ Pistole in der Hand wandte Bea sich Wotan zu.

„Hey, hey …“ Er hob unwillkürlich beide Hände, machte einen Schritt rückwärts. „Ich meine ja nur …“

„Was meinst du? Der hat uns einfach gerammt. Der ist viel zu schnell gefahren, wo kam der überhaupt so plötzlich her?“

„Von rechts … nimm doch bitte das Ding da runter.“

Bea registrierte, dass sie mit der Waffe auf Wotan zeigte. Sie ließ ihren Arm sinken. „Der Kerl wollte mich damit erschiessen.“

„Wieso …“

„Woher soll ich das wissen? Er hat jedenfalls auf mich gezielt.“

„Ist das etwa ein Gangster?“

„Woher soll ich das wissen?“ Bea legte die Pistole auf die Straße.

Wotan betrachtete den Toten. „Warum ist der überhaupt tot? Der ist angeschnallt und sein Airbag ging auf. Woran soll der gestorben sein?“

Bea roch an ihren Händen und wischte sie angewidert mit einem Papiertaschentuch ab, das sie mit spitzen Fingern aus ihrer Hosentasche hervor holte. Sie sagte: „Ich glaube das ist Blut.“

„Wo?“

„Auf der Pistole. Vielleicht ist er daran gestorben.“

„An ‘ner Schussverletzung?“ Wotan lehnte sich vor, spähte in den Innenraum und sah die zerplatzte Heckscheibe, die Glassplitter auf den Sitzen und die Einschusslöcher in der Beifahrertür. „Sieht ganz so aus, als hätte jemand auf den Wagen geschossen … Schau mal hier.“

Im Beifahrerfußraum lagen ein Attaché-Koffer und eine Plastiktüte. Die beiden blickten in die Plastiktüte. Darin befanden sich eine weitere Pistole und mehrere Magazine.

„Ach du scheiße“, sagte Bea.

Sie betrachteten den vierzig Zentimeter hohen, sechzig Zentimeter breiten und acht Zentimeter tiefen Attaché-Koffer.

„Nun mach ihn schon auf.“ Wotan flüsterte beinahe.

Bea zögerte, legte den Koffer schließlich neben die Pistole auf die Straße und öffnete die beiden Schnappverschlüsse. Der Koffer war randvoll Banknoten. Eine ganze Weile starrten beide stumm auf das Geld.

Wotan räusperte sich. „Wie viel ist das wohl?“

Auch als Tapete echt schäbig

„Woher-“, sie brach ab, dachte, du redest nur noch in Worthülsen, „sehr viel, würde ich mal schätzen.“

„Der Kerl ist garantiert ein Gangster und das da ist geklaut.“ Wotan kniete neben dem Koffer, griff hinein.

„Mensch lass das“, sagte Bea.

„Ich will doch nur wissen, wie viel das ist.“

„Warum?“

„Du stellst Fragen.“ Er prüfte die Geldbündel. Alle waren ordentlich banderoliert und nach Denomination sortiert.

Über ihnen erhob sich ein wolkenloser Nachthimmel, fahles Mondlicht erhellte die Szenerie. Bea ließ ihren Blick von der Kreuzung zur Landstraße und den Feldern schweifen. Es war seltsam still, als wären sie völlig alleine auf der Welt. Wie unheimlich, normalerweise waren doch andauernd zu jeder Tages- und Nachtzeit Fahrzeuge unterwegs.

„Und?“, fragte sie nach einem langen, ungewissen Moment.

„Fünf Millionen.“

„So viel …?“ Überrascht sah Bea, dass er die Geldbündel in zwei gleichgroße Stapel aufgeteilt hatte.

Schwerfällig erhob Wotan sich, schaute sie eigentümlich auffordernd an. „Fünf Millionen für dich und fünf Millionen mich.“

„Was redest du da?“

„Hier werden sicher bald ‘n paar unangenehme Typen auftauchen. Ich schlage vor, wir verabschieden uns.”

Bea dachte: Von Gangstern gestohlenes Geld zu nehmen, wäre völlig idiotisch, so bescheuert konnte niemand sein.

Andererseits wäre sie damit alle Sorgen los . . .

Fortsetzung . . .

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