BEA BRAUCHT ES (5) – und alle Spuren verwischt

Ein Crash, ein Toter, zehn Millionen und weit und breit keine Zeuge. Was mit Bea und Wotan weiter geschieht . . .

Bea wurde wach weil sie Durst hatte. Die Tüte mit den fünf Millionen Euro lag wie ein Baby in ihren Armen. Als sie sich aufrichtete um aufzustehen, zuckte sie vor Schmerzen gleich wieder zurück. Beinahe hätte sie aufgeheult. Sämtliche Rückenmuskeln waren verspannt. Sie atmete mehrfach ein und aus und versuchte eine möglichst schmerzfreie Liegeposition zu finden. Draußen vor dem Motel dröhnten Motoren, reihenweise verließen Autos den Parkplatz, Monteure auf Montage und Außendienstler machten sich auf den Weg zu ihren Jobs. Bea hatte kaum ein Auge zugekriegt. Ihr blieben noch zweieinhalb Stunden bis jemand in der Zentrale erreichbar wäre.

Wotan hatte die eine Hälfte des Geldes in die Plastiktüte, die andere wieder zurück in den Koffer gepackt. Die Waffen ließen sie im Toyota. Bea wischte noch die Pistole am Beifahrersitz ab. Nur keine Spuren. Ihre Fingerabdrücke wären schließlich in ihrem Personalausweis gespeichert und damit bestimmt auch in einer der Polizei zugänglichen Datenbank, sagte Wotan. Der rechte Kotflügel des Passats schleifte auf dem Vorderreifen, es erforderte einige Mühe, das Fahrzeug geradeaus zu halten.

Nur für eine Nacht

„Wir müssen den Wagen loswerden“, sagte Wotan ein paar Kilometer weiter, „sobald wir den nächsten Ort mit einer Bus- oder Bahnverbindung erreichen.“

Seit der Junge das Geld gesehen hatte, entwickelte er eine gehörige Menge an krimineller Phantasie, dachte Bea.

Einige Zeit darauf, sahen sie ein Hinweisschild. Sie parkte hundert Meter von der Landstraße entfernt auf einem Feldweg.

„Nur die Handtasche mit dem Laptop und wichtigsten Utensilien mitnehmen. Den Rest im Auto lassen“, sagte er.

Sie holte die wichtigsten persönlichen Sachen aus dem Fahrzeug, stopfte sie samt dem Geld in ihre Laptoptasche.

„Was jetzt noch?“

„Abfackeln.“

Wotan öffnete den Tankverschluss. Dann nahm er eines seiner T-Shirts, tränkte es in Diesel aus dem Ersatzkanister, stopfte es als Lunte in die Tanköffnung und verschüttete den restlichen Inhalt des Kanisters in und über dem Fahrzeug. Kaum entzündete er die Lunte, züngelten die Flammen und breiteten sich rasend schnell aus, bald brannte der Passat lichterloh.

Seinen Rucksack geschultert schloss er zu Bea auf, die bereits ein ganzes Stück vorausgegangen war. Auf dem Weg zum Busbahnhof versuchten sie sich eine Geschichte für die Polizei zurechtzulegen.

Duschgel eines Materialisten

„Wir waren in der Hotelbar und haben anschließend auf einem Parkplatz rumgemacht“, sagte Wotan.

„Wie primitiv ist das denn?“

„Du hast mich unterwegs abgesetzt, bist dann weiter.“

„Wo abgesetzt?“

„Irgendwo an der Umgehungsstraße.“

„Okay und wie wurde mir der Wagen gestohlen?“

Er überlegte einen Moment. „Du musstest auf die Toilette, hast eine Tanke oder Raststätte gesucht, keine gefunden, den Wagen kurz abgestellt, dann hast du nur noch gesehen, wie jemand damit abhauen ist.“

„Wo?“

„Wie wo?“

„Wo habe ich ihn abfahren sehen?“, fragte Bea.

„Denk dir was aus.“

„Die Geschichte soll doch stimmen, oder?“

„Du weißt das alles nicht so genau. Je weniger du weißt, desto authentischer.“

„Meine Gedächtnislücken sind also authentisch.“

„Nur Leute mit zurechtgelegten Alibis sind verdächtig.“

„Wo haste das denn gelesen.“

„Das weiß doch jedes Kind. Also, du bist gelaufen, bestimmt fünf oder sechs Kilometer bis zu dem Busbahnhof.“

„Und wann wurde mir der Wagen gestohlen?“

„Bea, jetzt sei doch nicht so phantasielos.“

„Ich bin noch nie in solch einer Situation gewesen.“

„Meinst du ich vielleicht?“

„So wie sich das anhört, hast du sicher schon oft darüber nachgedacht.“

„Überleg dir, was du den Bullen erzählst. Weniger ist mehr. Du kennst übrigens auch nur meinen Vornamen und weißt sonst nichts von mir.“

„Ich bin also die dumme, notgeile Endvierzigerin, die sich junge Kerle sucht und beim Pinkeln den Wagen klauen lässt?“

Hoffentlich keine DNS zurückgelassen

„Ganz so hart würde ich es nicht formulieren. Aber je näher an der Wahrheit, desto sicherer. Dann musst du weniger lügen.“

„Du kleines Arschloch.“

„Das fasse ich jetzt mal als Kompliment auf.“

„Natürlich, ich bin ja hier die Schlampe, du hingegen die Summe der Intelligenz der Gegenwart.“

„Wegen meiner Intelligenz bist du auf einen Schlag fünf Millionen Sorgen losgeworden. Besser wir trennen uns jetzt.“

Wotan blieb stehen. Sie hatten den Ort erreicht.

„Ich warte, bis du abgefahren bist.“ Er zog sie fest an sich, sog ihr Parfüm ein, sie roch noch immer gut.

„Was soll das jetzt werden, tränenreicher Abschied?“ Die plötzliche Arroganz diese kleinen, geldgierigen Bengel, dessen Klöten proportional zu den Millionen in seinem Rucksack angeschwollen waren, nervte sie unendlich. Das Bild, das wir uns vom anderen machten war meistens falsch, hatte ihr einmal ein Verkaufstrainer erzählt. Für solche Kalendersprüche ließ der Schwaller sich fürstlich bezahlen.

„Wir werden uns nie wiedersehen, Bea. Es war mir ein Vergnügen dich kennengelernt zu haben“, sagte er.

„Lass mich endlich los.“

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