KÖNIG DER KADAVER – Kapitel 4

Der Radikale wurde abgeführt und wird jetzt verhört . . .

Wir hockten an meinem Schreibtisch, ich davor mit Tonaufnahmegerät und A4-Block, auf dem ich mir Notizen machen konnte, Wilde am Kopfende, ohne Handfesseln, dafür mit einem großen Kaffeebecher aus Verlmeyers Fabrikshop, der „tierisch lecker“ versprach. Ich hatte das Aufnahmegerät eingeschaltet, die Namen der Anwesenden, den Grund der Vernehmung sowie Datum und Uhrzeit genannt, und meine erste Frage gestellt.

Wilde verdrehte die Augen. „Das wissen Sie doch längst.“

„Helfen Sie mir auf die Sprünge.“

„Dann wiederhole ich’s für Ihr Lochhirn: Von insgesamt 2000 Arbeitern in der Produktion, haben rund 500 Festverträge. Die anderen 1500 werden ausgeliehen. Sie sind offiziell bei Subunternehmern angestellt und knechten für Hungerlöhne, ohne Überstundenausgleich.“

„Ihre Antwort lautet also, aus Protest?“

„Das ist übelste Lohnsklaverei, die einzig und allein der persönlichen Bereicherung von Wiethold Verlmeyer dient.“

„Soll ich das jetzt als Grund aufschreiben?“

„Bringen wir’s hinter uns, Brock. Sie kennen jeden einzelnen meiner Gründe. Wir sitzen hier jede Woche zusammen. Ich habe keine Lust mich ständig zu wiederholen. Also, sperren Sie mich für die Nacht ein und gut ist’s. Da draußen wartet ‘ne Menge Arbeit. Im Gegensatz zu Ihrem Job, erledigt die sich nicht von selbst.“

„Herr Verlmeyer hat Anzeige gegen Sie erstattet. Wollen Sie jetzt zur Sache aussagen oder wollen Sie von Ihrem Aussage-verweigerungsrecht gebrauch machen?“

Wilde nahm einen Schluck Kaffee und blickte mich dabei über den Becher hinweg an.

„Aussagen“, er setzte den Becher ab, lehnte sich vor und sprach direkt ins Aufnahmegerät, „ich gebe hiermit zu Protokoll: Metzger Verlmeyer behandelt seine Arbeitnehmer schlechter als die Schweine, die sie für ihn schlachten. Die Politik gibt sich empört und ändert natürlich gar nichts.“

Ich pausierte die Aufnahme und setzte sowas wie ‘n todernstes Gesicht auf: „Wilde, hör mir gut zu. Betriebsratsbildung gescheitert, Mindestlöhne und Pausenregelung gescheitert, Arbeitszeitbegrenzung gescheitert. Wie viel Arschtritte brauchst du denn noch, damit du’s endlich kapierst? Deine göttliche Mission hier ist erledigt, aus und vorbei. Die Fleischfabrik ist für dich ab sofort tabu. Also verzieh dich.“

„Wenn das Ding schon abgeschaltet ist, beantworten Sie mir doch die Frage, warum Sie nicht in Sachen Nico Fortescu ermitteln?“

„Die Unfallermittlungen sind abgeschlossen.“

„Es war kein Unfall. Aber das ist Ihnen ja egal.“

Er ging mir fürchterlich auf den Senkel. „Ich sag’s dir jetzt ein für alle mal: Verschwinde von hier.“

„Das ist Ihre Antwort?“

Anstatt einer Replik ließ ich das Aufnahmegerät weiter-laufen.

„Ihr steckt alle unter einer Decke“, sagte Wilde.

„Wer sind denn ihr?“

„Na ihr alle, der Oberbürgermeister, der Stadtrat, die Landesregierung, der Bauernverband, die Fleischlobby, die Spediteure, der Lebensmitteleinzelhandel, die-“

„Interessante Verschwörungstheorie“, unterbrach ich.

„Vor allem aber Sie, Herr Oberhauptkommissar-“

„Polizeihauptkommissar.“

„Meinetwegen. Ohne Sie könnte Verlmeyer gar nicht so hemmungslos schalten und walten. Er weiß sich unantastbar.“

„Sie haben eine völlig falsche Vorstellung von der Polizei und ihren Aufgaben.“ Für das Protokoll wechselte ich wieder ins förmliche Sie, das machte sich besser.

„Aber nein, nicht möglich. Wie kann ich nur?“

„Wir leben in einem Rechtsstaat, Herr Wilde. Da ist niemand ist unantastbar. Vor dem Gesetz sind alle gleich.“

„Willkommen zu Brocks Märchenstunde. Wer ist denn hier das Gesetz?“

Erneut pausierte ich die Aufnahme.

Schlagkräftige Argumente für jedermann

„Wenn du heute noch abreist, wird Verlmeyer seine Anzeige zurückziehen. Also ehrlich, ich würd’s annehmen.“

Gegen Wilde liefen bereits mehrere Verfahren, seine Anwälte kämpften sich durch die Instanzen, gingen ständig in Berufung. Es interessierte ihn offensichtlich nicht.

„Du bist wirklich sein mieser Handlanger.“

„Okay.“ Ich hatte die Faxen endgültig dicke, packte grob sein linkes Ohr, zog ihn vom Stuhl hoch.

Wir fuhren bis zur Kreisgrenze, Wilde in seinem alten blauen Seat voraus, ich in meinem neuen blau-silbernen Passat hinterher. Kaum hatten wir das Kreisschild passiert, signalisierte ich ihm zweimal mit der Lichthupe. Er hielt am Straßenrand.

„Du fährst immer hübsch weiter geradeaus und hältst erst wieder an, wenn der Tank leer ist“, sagte ich und gab ihm Personalausweis und Führerschein zurück.

Ausdruckslos sah er zu mir hoch.

„Tu dir selbst einen Gefallen, Ansgar, hörst du? Komm nicht mehr zurück.“

„Was sonst? Schaust du dann tatenlos zu, wie ich gelyncht werde?“

Ganz bestimmt, du kleines Arschloch, dachte ich verärgert, kommentierte seinen Spruch aber nicht.

Den Motor startend schenkte Wilde mir einen abschätzigen Blick, bevor er abfuhr.

Leider wollte er sich selbst keinen Gefallen tun.

SCHNELL ZUM BUCH . . .

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