DURCHS WILDE, ENTRECHTETE KURDISTAN

Deutschlands unangefochtener, wenn auch allmählich vergessener Schwafelschriftsteller Nr. 1 Karl May, sächsischer Weltenbummler, selbsterklärtes Sprachengenie, allgemeiner Lügenbold und reuiger Christ – der Winnetou und Hadschi Halef Omar qua seiner Persönlichkeit bekehrte und dafür garantiert in den Himmel kam – prägte bei Generationen von weltinteressierten jungen Lesern noch bis in die 1970er Jahre die ersten Vorstellungen vom „wilden Kurdistan“. Angefixte Geister meines Jahrgangs beschäftigten sich anschließend mit der tatsächlichen Historie und der politischen Realität, die im Westen vor allem dank der Bücher und Berichte von Peter Scholl-Latour in die Wohnstuben gelangten. Weil mich seit Längerem eine Syrien-Story umtreibt, hier vier knappe Gedanken und ergänzendes Material zum Los der Kurden . . .

1

Die Kurdengebiete in der Türkei, im Irak, Iran und in Syrien verbindet eines: keiner der genannten Staaten will Gebiet abtreten, um ein eigenständiges Kurdistan zuzulassen. Die Kurden bleiben ein Volk ohne Staat und in den vier Ländern eine mehr oder weniger unterdrückte Minderheit.

Ein paar Schlaglichter: Der von 1984 – 99 auch bewaffnet geführte Unabhängigkeitskampf der PKK in der Türkei hatte zur Folge, dass sie vom Westen zur terroristischen Vereinigung erklärt wurde. Seitdem gab es einen Waffenstillstand und Gespräche, die aber an der Souveränitätsproblematik nichts änderten. Im Irak ging Saddam Hussein sogar mit Giftgas gegen die kurdische Bevölkerung im Norden vor. Eine Konsequenz des Golfkriegs von 1990-91 war die Einrichtung einer kurdischen Selbstverwaltungszone. Ab 2014 verteidigten die Kurden ihre Heimat erfolgreich gegen den IS.

2

Der letztjährige Vorstoß des „präsidial-Diktators“ Erdogan, ein anständiger Kriegsverbrecher wie Assad, türkische Truppen über die syrische Grenze zu entsenden, um eine Kurden-freie-Zone zu schaffen, war nichts anderes als ethnische Säuberung, bei der mehr als 300.000 Menschen vertrieben wurden, ungeachtet der verlogenen Rechtfertigungen aus Ankara. Das anschließende Friedensgeplänkel von Russen und Amis änderte aus türkischer Sicht nichts am „Erfolg“ der Maßnahme.

3

Gerade die Kurden in Syrien haben mit neuen Formen direkter Demokratie, der Gleichberechtigung der Frauen und einer Verwaltungsreform in der autonomen Rojava-Region, den Versuch positiver gesellschaftlicher Veränderungen unternommen, dessen Behinderung/Zerschlagung im Interesse aller autoritären Machthaber in der Region liegt: Ein anarcho-politisches Erfolgsbeispiel darf schießlich nicht Schule machen. Darauf zielte Schwachmat Erdogan mit seinem Einmarsch ab, damit die Kurden auf der türkischen Seite der Grenze nicht erneut zu radikaler Eigeninitiative ermutigt werden. Stellt sich die Frage: Was ist das Interesse der Amis und der Russen?

LINK zu einem englischen Text des leider kürzlich verstorbenen David Graeber über die revolutionären Kurden in Syrien:

https://theanarchistlibrary.org/library/david-graeber-why-is-the-world-ignoring-the-revolutionary-kurds-in-syria

Nachstehend Graebers Ausführungen zum Hören . . .

4

Die zahnlose, impotente EU reagierte wie gewohnt ignorant und/oder ohnmächtig auf Erdogans menschenverachtendes Vorgehen. Man konnte oder wollte das Nato-Mitglied Türkei nicht wirklich maßregeln, Der türkische Präsident hat mit den Heerscharen von Migranten, allein 3,6 Millionen syrische Flüchtlinge in der Türkei, von denen nicht wenige in die EU wollen, noch immer ein echtes Erpressungspfund. Neun Jahre bleibt die Flüchtlingsproblematik nun schon ungelöst, schert niemanden wirklich die Situation in der Türkei. Schließlich schiebt Brüssel der „Mimose vom Bosporus“ dafür jährlich knapp vier Milliarden € an „Ablasszahlung“ rüber – ist „Schutzgeld“ nicht der zutreffendere Begriff? Jedenfalls ist das Problem damit „aus den Augen und aus dem Sinn“.

(Nur mal so, weil’s mir in dem Kontext gerade einfällt: Warum regten sich die lupenreinen Demokraten bei uns öffentlich über den korrupten Fascho Orban auf, wenn sie zugleich ob seines Fangzaunes Dankesgebete gen Budapest schickten? O-Text eines Schüttelreimers von der berliner Hinterbank: Danke, Viktor, dass du die unheilige Migrantenpest schön brav draußen lässt.)

LINK aus der Historienkiste: Peter Scholl-Latour über den Irak kurz vor Beginn der US-Invasion 2003. Dieser Angriffskrieg ist eine der zentralen Ursachen für die katastrophale Situation im Nahen Osten. Ab Minute 6:00 wird die damalige Lage in den unabhängigen Kurdengebieten geschildert . . .

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