AUSV€RKAUF – Kapitel 4 + 5 Auszug

Bevor das Schicksal ihnen die große Arschkarte zeigt, lockt es unsere ahnungslosen Glücksucher mit Vergnügungen und Versprechungen . . .

Von Anfang an lesen? Kein Problem. Hier Kapitel 1 – 3:

4

Hinterher fragte Wotan nicht nach seiner Performance, er verlieh sich selbst eine 2+, sondern ob Bea ihn mitnehmen könnte, er hätte den letzten Bus verpasst.

Sie hatte ihn in den Beifahrersitz ihres Passat geschubst, ihm ein pinkes Kondom übergestreift und sich dann rittlings drauf gesetzt. Beide Hände in die Kopfstütze gekrallt, bewegte sie sich auf und nieder. Wehrlos ließ Wotan ihre Attacke über sich ergehen. Ab und zu stöhnte er laut. Es war heiß und beengt in ihrem Firmenwagen. Sie rieb sich an ihm, dachte wieder an dunkelgelockte, jungenhafte Unterwäsche-Models und begann zu hecheln. Dazu bewegte sie sich immer schneller. Nach einigen Minuten durchfuhren kleine Schauer ihren Körper, Bea wimmerte, verharrte regungslos, die Hände erhoben, die Finger ausgestreckt. Grunzend umklammerte Wotan ihre Hüften und stieß nun seinerseits heftig in sie hinein.

„Hör auf, hör auf …“, brachte sie hervor.

Sein Orgasmus glich einem unterdrückten Protestruf. Er presste die Lippen zusammen und sank zurück in den Sitz. Nur sein keuchender Atem war zu hören.

Sie kippte vornüber. Mit geschlossenen Augen, ihre Stirn gegen die Kopfstütze gelehnt, gab sie sich dem ersehnten Moment befreiender Leere hin. Flüchtiger Lohn für einen hastigen Fick. Er küsste ihr Dekolleté, dann ihren Mund. Die Unterwäsche-Models verschwanden augenblicklich. Bea drückte sich von ihm ab und rutschte auf den Fahrersitz. Wenigstens roch sein Atem nicht säuerlich.

In der Tiefgarage ging das Licht an. Stimmen waren zu vernehmen, vereinzeltes Gelächter, Geschäftsleute, die lautstark über das Fußballspiel diskutierten, liefen zu ihren Autos. Sie konnten Bea und Wotan nicht sehen, der Firmenwagen stand in der hintersten Ecke, halb von einem Stützpfeiler verborgen. Die beiden verhielten sich dennoch absolut still. Die Stimmen wurden leiser. Sie hörten Türen schlagen und Motoren starten.

Bea zog ihren Slip wieder an und richtete ihren Rock.

Nacheinander fuhren drei, vier Fahrzeuge davon. Als sie die Kurve zur Ausfahrt nahmen, quietschten ihre Reifen auf dem glatten Boden der Tiefgarage.

Wotan streifte sich vorsichtig das Kondom ab und begann seine Hose hochzuziehen.

Bea knöpfte ihre Bluse zu, prüfte Haare und Make-up in dem kleinen Spiegel in der Sonnenblende. Sie steckte ihren Lippenstift weg. „Es war schön mit dir.“

„Ja, es war echt schön.“ Erneut versuchte er sie zu küssen.

Sie blockte ihn ab. „Mein Make-up.“

„Wohin fährst du jetzt?“

„Pass auf und nimm’s nicht persönlich. Ich habe kein Interesse daran, dich wiederzusehen. Okay?“

Er nickte verständnisvoll und fragte, ob sie ihn trotzdem mitnehmen könne.

„Ich soll dich nach hause bringen?“ Ein ungläubiger Ton lag in ihrer Stimme.

„Nein, das nicht. Aber, wir haben den gleichen Weg. Ich habe in Frankfurt einen Termin.“

„Heute Nacht?“

„Morgen früh um zehn.“

„Dann nimm den Zug.“

„Ich muss mit meinem Geld haushalten.“ Wotan deutete auf seinen Rucksack. „Ich hab das Nötigste für eine Übernachtung dabei. Eigentlich wollte ich in der Jugendherberge pennen, aber dafür ist es jetzt zu spät. Bitte, Bea.“

Charles Bronson: „Eigentum ist das, was du verteidigen kannst, Bea.“

5

Dejan hatte zu Uhl gesagt: „Ich brauche einen Fahrer.”

„Für wann?“

„Für heute Nacht.“

„Fällt dir ja reichlich früh ein.“

„Ich würde dich nicht fragen, wenn ich eine Alternative hätte. Du bist der einzige, auf den ich jetzt noch zählen kann.“

Was er genau vorhatte, sagte er nicht.

Sie saßen im Komasaufen, einer ehemaligen Eckkneipe, in der aggressiver Rock dröhnte. Es war elf Uhr vormittags. Uhl trank seinen zweiten Kaffee, Dejan nuckelte an einer Cola zero. Außer ihnen verloren sich hier ein paar Alkoholiker, um ihren Tatterigen zu besänftigten. Der neue Pächter bezeichnete seinen Laden als Eiterbeule gegen die Gentrifizierung im Viertel. Igor hatte das schäbige Mobiliar behalten, die Wände rot überge-schmiert und blaue Lampen angeschraubt. Das Loch hätte eine komplette Renovierung bitter nötig gehabt, noch besser einen Abriss. Die Szene schiss drauf. Hier war der Sprit billig, dazu gab’s die Bundesliga live auf Teletext und an den Wochenenden lärmten Underground-Bands. Heute war Dienstag, von der Playlist brüllte gerade Lemmy: „Stay out of jail.“

Uhl sagte: „Hör auf Lemmy.“

„Ist nicht so leicht. Digger-“

„Digger mich nicht.“

„Is’ ja gut“, sagte Dejan.

Er stammte ursprünglich aus Bosnien. Seit Uhl ihm einmal den Hals gerettet hatte, hielt Dejan ihn für einen Freund. Uhl hielt ihn für reichlich gestört.

Dejan lehnte sich über den Tisch. „Du übernimmst doch solche Jobs, wo also ist das Problem?”

„Wenn du mir sagst, worum es geht, vielleicht.“

„Warum willst du dich damit belasten?“

„Warum wohl?“ Uhl lehnte sich zurück und wartete.

Dejan war elf, als die Familie vom Bürgerkrieg überrascht wurde. Seine Großmutter väterlicherseits stammte aus Sarajewo. Die alte Dame wurde siebzig und weigerte sich trotz der wachsenden Spannungen, ihre Heimatstadt zu verlassen. Also ließen seine Eltern in dem kleinen Dorf in Westfalen die Jalousien runter, stellten Wasser und Strom ab und fuhren mit ihren zwei Söhnen in einem alten Mercedes 200 D die 1300 Kilometer lange Strecke in die bosnische Heimat. Sie wollten nur sieben Tage bleiben. Dann kesselten serbische Milizen die Stadt ein. Der Belagerungszustand währte drei Jahre. Tagtäglicher Granatenbeschuss, wahllos tötende Scharfschützen, Plünderungen und ethnische Säuberungen traumatisierten den Jungen. Er neigte zur Gewalttätigkeit, wurde kriminell und pendelte zwischen Knastaufenthalten und erfolglosen Besser-ungsversuchen hin und her.

„Mensch, Uhl, ich will meine soziale Stellung verbessern. Genau wie du. Was denn sonst?“

Dejan trug einen eleganten, engen Anzug mit Krawatte und glänzenden Schuhen. Er machte einen optimistischen, beinahe euphorischen Eindruck und wog locker zehn Kilo weniger.

„Mit der Verkleidung haste’s schon geschafft.“ Das Posen ging Uhl mächtig auf den Geist.

„Ein anständiger Anzug macht selbst aus ‘nem unverbesser-lichen Krawallo wie dir einen neuen Menschen. Ist nicht mal teuer. Kauf was einigermaßen Passendes von der Stange und ich connecte dich mit meiner Änderungsschneiderin. Sag ja, mein Freund, und du kannst dir sogar einen S 100 Maßanzug leisten.“

„Nachher darf ich wieder deinen Arsch retten.“

„Darin hast du ja Übung. Im Ernst, du kennst die Regeln, wenn ich konkret werde, hängst du mit drin.“

Uhl war doppelt so breit wie Dejan. Früher war er die Macht der Straße, hatte den Ruf des kompromisslosen Vollstreckers. Dann kriegten sie ihn für sieben Jahre wegen Raubes dran. Fünf davon verbrachte er bis zum 25. Januar Eisen stemmend und philosophische Schriften studierend in Osterfelde. Die restlichen zwei Jahre wurden überraschend zur Bewährung ausgesetzt. Gerüchteweise benötigte man seinen Schlafplatz. 45 Monate noch durfte er sich keinen Fehltritt erlauben.

„Dann viel Erfolg.” Uhl rutschte mit seinem Stuhl zurück.

„Mein Fahrer fällt aus. Ein unglücklicher Autounfall.“

„Wie unglücklich genau?“

„Er ist bei ‘ner Verkehrskontrolle vor den Bullen abgehauen. Nach 400 Metern stoppte ihn frontal ein Bierwagen. Jetzt liegt er auf Intensiv.“

„Die Kiste war geklaut.“

Dejan machte eine vage Handbewegung.

Richtig vermutet. „Und er hatte keinen Führerschein.“

„Zweimal Treffer. Warum frage ich dich wohl?“

„Fahr mit dem Bus.“

Dejan stand auf und schaute sich suchend um.

„Hinten rechts. Ich würde mich nicht draufsetzen.“

„100.000 auf die Hand, Uhl, und keine Fragen. Denk drüber nach, solange ich meine Cola wegbringe.“ Damit verschwand er in die gewiesene Richtung.

Natürlich kannte Dejan seine Lage genau. Uhl war völlig abgebrannt und brauchte dringend eine ordentliche Arbeit, wie ihm sein Bewährungshelfer unmissverständlich klar gemacht hatte. Er hauste in Kallis altem Wohnwagen mit ausrangiertem chemischen Klo und einer Art winterfestem Vorzelt, der ganzjährig auf einem Campingplatz stand. Der Stellplatz kostete 100 Euro im Monat, inklusive Kanalanschluss, Gemeinschafts-waschräume und -toiletten. Strom kostete extra, WiFi-Zugang auch. Der Platzwart betrieb nebenbei einen Kiosk, wo er seinen Campern die nötigsten Waren anbot, sogar weniger überteuert als in einem dieser Tankstellenshops.

Uhl war nicht der einzige Dauermieter. Immer mehr Leute verlegten ihren ständigen Wohnsitz an Orte wie diesen. Nebenan lebte eine alleinerziehende Mutter mit einem 450-Euro-Job, gegenüber ein Fliesenleger, der nach Scheidung und Suff sich langsam wieder berappelte, auf dem Eckplatz ein altes Ehepaar, bei dem nach 50 Jahren Arbeit die gemeinsame Rente für mehr nicht reichte. Mit einigen Einschränkungen und regelmäßigen Lebensmittelrationen von ,Die Tafelʻ kamen sie alle geradeso zurecht. Vor ein paar Wochen tauchten Kanaillen vom Ordnungsamt auf. Das Gerücht von der Räumung machte die Runde. Unmut machte sich breit, Widerstand begann sich zu formieren. Irgendjemand hing Protestbanner an den Zaun. Neuerdings fuhren ständig die Bullen vor. Der Campingplatz wurde allmählich zu brenzlig. Uhl durfte nicht auffallen und brauchte eine andere Bleibe, wofür er locker 1000 Chips benötigte, die er nicht besaß. Dejan bot ihm 100.000.

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