VIGILANTEN – work in progress 3

Das Viertel gleicht einem Druckkessel, der jeden Moment explodieren kann, nachdem eine Polizistin einen dreizehnjährigen Jungen angeschossen hat.

Eine Sprecherin der „Nachbarn von Zepter” stand vor den Mikrofonen der Presse: „Wir protestieren gegen die Gewalt der Polizei und zugleich gegen die Instrumentalisierung ihrer Opfer durch jene Elemente, die in Zepter einen Kampf gegen die Polizei führen. Sie sind isoliert von der großen Mehrheit der friedlichen Bewohner unseres Viertel.”

Hohmann lief aufgeregt in seinem Büro auf und ab.

„Die Anrufer haben einen Notfall vorgetäuscht mit der Absicht meine Beamten gezielt anzugreifen”, sagte Junkert.

Der Polizeipräsident saß auf einem Stuhl und musste ständig den Kopf verdrehen, um Blickkontakt mit dem Oberbürgermeister halten zu können. Hohmann war außer sich: „Der Junge wollte mit Freunden Fußballbildchen tauschen.”

„Meine Beamten wurde in einen Hinterhalt gelockt”, insistierte Junkert.

Die Arme verschränkt, stand Obermeier mit dem Rücken zum Fenster und überlegte.

„Der Junge ringt mit dem Tode”, sagte Hohmann.

„Das ist ein tragischer Unfall”, sagte Junkert.

„Diese Polizistin, warum befand die sich nach ihrem Jochbeinbruch vor wenigen Tagen bereits wieder im Einsatz? Ist das normal?”, fragte Obermeier.

„Die Angriffe auf Polizeibeamte sind landesweit um zwanzig Prozent gestiegen. In Zepter um vierzig Prozent. Wir sind stadtweit chronisch unterbesetzt und haben sechs Prozent Dauerkranke, Tendenz steigend. Reicht das als Antwort?” Junkert konnte dieses Wiesel nicht ausstehen.

Fragender Blick von Hohmann zu seinem Berater.

„Eindeutig menschliches Versagen”, sagte Obermeier.

„Und von wem?”, wollte der Polizeipräsident wissen.

„Das ist eine gute Frage”, der Berater musst über seine eigene Cleverness lächeln.

Kann denn dieser Blick tödlich sein?

Die Jalousien zum Großraumbüro waren zugezogen. Die Tür war geschlossen. Sina saß wie ein Häufchen Elend vor Willes’ Schreibtisch. Der Chef hatte die Hände in die Hosentaschen gestemmt und wirkte desolat.

Sina sagte: „Ich weiß nicht, wo der Junge auf einmal herkam. Wirklich nicht.”

„Ich hätte deinen Einsatz niemals genehmigen dürfen.”

„Was sollte ich denn tun? Ich wurde mit Steinen beworfen. Einer von denen hatte einen Baseballschläger. Da hilft doch kein Pfefferspray.”

„Junkert ist außer sich.”

„Ich wollte unbedingt zurück in den Dienst. Es ist mein Fehler.”

„Schusswaffengebrauch unterliegt strengsten Regeln, Sina. Das weißt du genau. Mir bleibt keine andere Wahl, als dich mit sofortiger Wirkung vom Dienst zu suspendieren. Die Kollegen vom Morddezernat ermitteln schon gegen dich”, sagte Willes.

„Wegen versuchten Mordes?”

„Das klingt jetzt vielleicht dramatisch, ist aber nur Pro Forma und in diesen Fällen obligatorisch, wie dir bekannt sein dürfte.”

„Der Junge tut mir so leid.”

„Er wird schon durchkommen”, sagte Willes. Seine Miene verriet allerdings Zweifel.

Sina stand auf, zog ihre Dienstwaffe aus dem Holster, entfernte das Magazin, holte die Patrone aus der Kammer und schob alles in Plastikbeutel, die Willes jeweils aufhielt.

Wortlos verließ sie Willes’ Büro und durchquerte unter den betretenen Mienen der anwesenden Kollegen, darunter auch ihres Co, das Großraumbüro. Niemand sprach ein Wort.

. . .

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.