ELITEHONKS AM HINDUKUSCH – was von Helden übrigbleibt

Der investigative Journalist Veit Derner hat eine fette Story in der Mache und trifft sich mit einem früheren Informanten, den in Calw gestählten, vormaligen Elitekrieger cum Personenschützer Titus R. . . .

Ich warte in einem kleinen Café hinter dem Hauptbahnhof und erkenne das alte Fixer- und Stricherviertel nicht mehr wieder. Ein mit Stadtteilerneuerung reich gewordener Baulöwe hat dem Stadtrat seine Vorstellung von einer integrierten Wohn- und Arbeitswelt verkauft. Spitze Zungen sagen, diese hätten die Nutten hier bereits vorher gehabt, nur zu wesentlich geringeren Mieten. Bis die sterile gentrifizierte Zukunft jedoch junge Aufsteiger anlocken kann, wird gnadenlos kernsaniert. Die alten Häuser sind eingerüstet, ihre denkmalgeschützten Fassaden mit großen Planen abgehängt. Der ohrenbetäubende Baulärm von draußen schiebt sich hier drinnen als dumpfes Dauerdröhnen unter einen Relaxing-Jazzstream aus dem Computer.

Ein alter Informant von mir hat den Treffpunkt vorgeschlagen, nachdem ich ihn unter dem Vorwand anrief, an einer Fortsetzung für meine Enthüllungsstory ,Deutsche Elitekrieger im Kampf gegen den Terror‘ zu recherchieren.

„Nächsten Monat müssen die Pächter hier raus“, sagt Titus R. zur Begrüßung und klopft mir auf die Schulter. „Bist alt geworden.“

„Und du im bürgerlichen Leben angekommen. Herzlichen Glückwunsch.“

Er lacht. Wir umarmen uns.

In seinem konservativ geschneiderten, dunkelblauen Anzug erinnert der vormalige Elitesoldat an einen Bankmanager. Der kleine Ohrhörer mit dem Spiralkabel und die HK SFP9 in dem Hüftholster verraten eine andere Profession – ebenso die Sonnenbrille, die er soeben abnimmt. Reine Gewohnheit, wie Titus einmal anmerkte. Im Feld trug er tagsüber auch immer Sonnenbrille und nachts ein Spezialsichtgerät mit Restlichtverstärker.

Er bestellt zwei Café Crema.

Acht Jahre lebte Titus bei dem Kommando Spezialkräfte seine Vorstellungen von Männlichkeit und Heldentum aus. Zu dem Zeitpunkt als ich ihn kennenlernte, war er bereits acht Monate arbeitslos und von der Bundeswehr, die keines der ihm gegebenen Versprechen eingehalten hatte (wer will schon kaputte Krieger?), ziemlich desillusioniert.

Dennoch sagte er mir: „Wie öde die Heimat ist, merkst du gleich, wenn du ‘n paar Jahre in einer Kriegszone warst, Derner, dieses Schneckentempo, keine Entscheidungen, bei denen‘s um Leben oder Tod geht. Kameradschaft Fehlanzeige und Adrenalin-Kicks gibt‘s nicht. Egal wie sehr ich mich auf das Wiedersehen mit meiner Familie gefreut habe … Nach ein paar Stunden dachte ich nur, Mann, bloß weg von hier.“

Zu Beginn des ,Kriegs gegen den Terror‘ im Oktober 2001 war seine Euphorie noch riesig, was sich beim ersten Einsatz innerhalb weniger Tage aber schnell änderte.

In der Story beschrieb ich es damals so:

„Wähnten sich die vom Bundeskanzler in Folge des 11. Septembers den USA angedienten deutschen Elitesoldaten (O-Ton: ,Heute sind wir alle Amerikaner.‘) nach sechsundfünfzig Jahren Feuerpause endlich im Fronteinsatz wie ihre Großväter, so hockten sie in Wahrheit mit mangelhafter Ausrüstung bei Minusgraden in Kandahar, übernachteten in Zweimannzelten und wurden von den Amis misstrauisch beäugt. Vor allem aber erhielten sie keine militärischen Aufträge. Gegen die Kälte und die Langeweile half nur saufen. Bis, welch Wunder, in dem ,trockenen‘ muslimischen Land ihr deutsches Bier zur Tauschwährung mutierte, um dafür von den ebenso durstigen Amis, Klamotten gegen die Kälte und Informationen über den Feind und die Einsätze zu erhalten. Von da ab hieß es, no party ohne ,German beer and German wurst‘.“

Damit bei den Kämpfern und an der ,Heimatfront‘ bloß keine Zweifel am Sinn der Mission aufkamen, behauptete ein Bundesverteidigungsminister allen Ernstes vor laufenden Kameras: „Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Hindukusch verteidigt.“

„Der Kerl redet nur gequirlte Scheiße“, sagte Titus damals.

Ein ehemaliger Bundespräsident bestätigte die Einschätzung (und fing sich die Empörung der Scheinheiligen in Berlin ein, wonach er sich aus dem Amt verabschiedete), als er die noch frischen Eindrücke seines Besuches in Afghanistan verarbeitend, in alter kolonialer Herrlichkeit etwas verschwurbelt den Kriegseinsatz legitimierte: „Ein Land mit unserer Außenhandelsabhängigkeit muss wissen, dass im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, um zum Beispiel freie Handelswege zu sichern und regionale Instabilitäten zu verhindern, die sich negativ auf unsere Arbeitsplätze und unser Einkommen auswirken.“

Im Klartext: Deutsche Soldaten kämpfen und sterben am Hindukusch für deutsche Arbeitsplätze und deutschen Wohlstand. Schön, dass es mal einer sagt. Die Nationalisten freut’s, die Internationalisten schämen sich. Fresse halten und dankbar sein, ruft die Industrie und blickt auf steigende Aktienkurse.

Später nahm Titus an vielen geheimen Missionen teil, in Afghanistan, Libyen und Somalia. Obwohl er noch immer an seine Schweigepflicht gebunden, nichts Genaues sagte, ließ er nach einigen Whiskey-Cola zwanzig verifizierte Abschüsse durchsickern. Er starrte mir ohne Wimpernschlag in die Augen und fragte: „Kennste das Kribbeln, dieses Schwanken zwischen totaler Konzentration und totaler Angst?“

Diese Gefühle blieben mir verwehrt, ich war nur zwei Jahre in Kriegsgebieten unterwegs gewesen – als Reporter, nicht als Kämpfer.

„Und dies‘ sich so ‘n bisschen schuldig fühlen, wenn du den Feind eliminierst, um die eigenen Kameraden zu schützen?“

„Das nicht, aber ich habe mich einige Jahre schuldig gefühlt, weil ich einen Autounfall überlebt habe, in dem mein bester Freund getötet wurde.“

„Du kennst es“, behauptete Titus.

Ja, dachte ich, denn ich saß am Steuer, und hielt ihm stumm mein Glas zum Anstoßen hin.

Wir tranken.

„Ich verrate dir was, Derner. Ich muss wieder den Krieger in mir spüren, den Zusammenhalt mit meinen Kameraden, ich will endlich wieder fühlen, dass ich lebe.“

Sein letzter O-Ton in dem Artikel lautete: Frieden ist doch scheiße.

Der Titus, der jetzt neben mir sitzt, verkündet lachend, er habe vom Krieg spielen endgültig die Schnauze voll. Heute arbeitet er als Personenschützer für Top-Manager und trägt darum Anzug und Krawatte.

„Und rahmengenähte Schuhe“, wie ich anmerke.

„Mein aktueller Kunde sitzt drüben in einem Meeting. In fünfundvierzig Minuten muss ich wieder rüber.“

Neue Kampfmasken für die Elitehonks

Sein neues poliertes Äußeres im Dienste großer Konzerne, erscheint mir ebenso schizophren wie das KSK im Dienste der Republik. Einerseits wird im technokratischen Soldatendeutsch von ,Verteidigung der freiheitlich demokratischen Grundwerte‘ und ,dem Auftrag‘ gesprochen, andererseits von einem um Tradition bemühten Kommandanten krampfhaft eine direkte Linie zu der Division Brandenburg, einer ,Spezialterrortruppe‘ der Nazis im Zweiten Weltkrieg gezogen: ,Die Kommandosoldaten wissen genau, wo ihre Wurzeln liegen‘. Wo denn? Etwa in Fremdenhass und Antismitismus? (Respekt, Herr General, schade, dass Ihnen der Ehrentod verwehrt blieb.) Sein Nachfolger verwahrte sich dagegen, die modernen Elitesoldaten in eine Genealogie mit den ,elitären‘ Kriegsverbrechern der Großvätergeneration zu stellen. Nur liegt es in der Natur einer Elite, sich in scharfer Abgrenzung zum schlappen Rest zu definieren. Der Widerspruch unserer Gesellschaft: Trotz allgemeinem Fitnesswahn und Egoshooter-Ballerei finden die Eliteeinheiten aufgrund mangelhafter körperlicher wie geistiger Fitness zu wenig geeignetes ,Material‘ unter den freiwilligen Bewerbern und haben deshalb bis heute ihre Sollstärke niemals erreichen können.

Eliten sind Minderheiten. Je radikaler jedoch eine Ideologie oder ein Mythos die Überlegenheit einer elitären Minderheit ,legitimiert‘, desto stärker ist die Identifikation ihrer Mitglieder. Das galt für die Spartaner ebenso wie für die Brandenburger. Was gilt jetzt fürs KSK?

Eines will mir nicht in die Birne, was ist daran geil, Befehlsempfänger zu sein? Im Ernst: Wie hohl sind Typen, denen ständig gesagt wird, was sie zu tun haben und die sich dabei noch besonders elitär vorkommen? Ein weiterer Beweis, dass Superheldengehirnwäsche à la Hollywood tatsächlich funktioniert.

„Was für einen Artikel planst du?“, fragt Titus und beendet abrupt unsere fünfzehnminütige Reise in die Vergangenheit.

„Über Private Military Contractors.“

„Das ist ein weites Feld.“

„Ich höre, sie beerben vielerorts die abziehenden Armeen.“

„Das musst du thematisch schon ein bisschen eingrenzen, wenn ich dir helfen soll.“

„Ich weiß nicht, von wem es stammt, es ist aber wahr: Krieger ohne Kriege suche sich neue Kampfzonen.“ Mir fallen sofort wieder der gestörte Scharfschütze ein, der auf dem Mittelstreifen einer vierspurigen Straße auf entgegenkommende Fahrzeuge zielte und die Elitekrieger in Afghanistan, die sich vor Langweile gegenseitig beschossen.

„Konkret“, sagt Titus.

Was soll ich ihm sagen oder noch fragen? Ich kenne bereits alle Antworten.

Die Bücklinge in Berlin und auf der Hardthöhe machen immer eifrig mit, wenn der Obermaxe die NATO-Solidarität einfordert. Sogar wenn Mini-Napoleon Macron in Mali einen Schutzwall gegen die von den USA, der EU, Weltbank, IMF usw. verursachten ,Flüchtlingsfluten‘ errichten will, eine im Vorhinein zum Scheitern verurteilte Schnapsidee, rufen wehrhafte Hirnakrobten hierzulande laut „Hurra“ und Mutti schickt die Truppe los. Jetzt verpisst die sinnlose Trulla sich endgültig und äußert ,ehrliche‘ Einsichten, die keinerlei Konsequenzen nach sich ziehen, weder für sie, noch für ihre NachfolgerIn. Denn welcher Schwachmat auch immer dem Komödienstadel in Berlin neu voranstehen mag, die Kontinuität in der Außen- und Sicherheitspolitik bestimmt Washington.

Und wenn Krieg so weiter privatisiert wird, dann kämpfen bald private Konzernarmeen um die schwindenden Ressourcen der Erde und Arschgeigen wie Eric Prince und seine Milliardärskollegen verdienen sich mit Risikospielen auf Kosten allen Lebens eine goldene Nase. Ne, die reicht längst nicht mehr aus. Für die irrsinnigen virtuellen Verdienstmöglichkeiten unserer Post-Moderne müssen neue bildliche Vergleiche gefunden werden.

Für den Profit dürfen Elitehonks jederzeit heldenhaft ins Gras beißen. Es ist zum Verrücktwerden. Und jetzt schützt Titus auch noch die Arschlöcher, die Generationen von Männern wie ihn skrupellos verheizen.

Ich versinke in Schweigen und klopfe Titus schließlich auf die Schulter. „Weißte was, vergiss es.“

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