KÖNIG DER KADAVER – Zusatzmaterial

ZWEI GESTRICHENE SZENEN

HELIKOPTERANGRIFF (aus der ersten Fassung in 1. Person)

Als ich meinen Polizeiwagen durch das Haupttor der Fleischfabrik steuerte, startete vom Heliport des Metzgers ein Hubschrauber, der Hütter wieder zurückbringen würde.

Kaum bog ich auf die Landstraße ein, ertönte über mir das lauter und lauter werdende Flapp-Flapp-Flapp des Hubschrauberrotors. Mein Passat geriet ins Schaukeln, als der Helikopter in geringer Höhe über mich hinwegjagte. Dreißig, vierzig Meter voraus stieg er steil in den Nachthimmel auf und ich verlor ihn rasch aus den Augen.

Ich beschleunigte auf über 100 Km/h. Rechts und links rasten dunkle Felder vorbei. Etwas später sah ich mehrere hundert Meter vor mir zwei Lichtkreise über der Landstraße schweben. Autoscheinwerfer, die sehr schnell größer wurden. Der Hubschrauber war zurück und flog frontal auf mich zu. Reflexartig trat ich auf die Bremse. Die Reifen quietschten, blockierten, wiederholt schaltete sich das ABS ein, dann kam der Wagen zum Stillstand. Der Hubschrauber erschien unmittelbar vor meiner Windschutzscheibe, reflexartig duckte ich mich ab, bevor er er steil hochzog, dann eine harte Rechtskurve flog und stetig an Höhe gewinnend, in westlicher Richtung verschwand. Mir brach der Schweiß aus, Hemd und Hose klebten am Fahrersitz. Im Innenraum des Polizeiwagens stank es penetrant nach verbranntem Gummi. Ich schob den Hebel der Automatik auf D und fuhr langsam einige hundert Meter, bevor ich wieder auf über 100 km/h beschleunigte.

Die Landstraße führte durch ein Waldstück, als mitten auf der Fahrbahn ein Reh auftauchte und wie hypnotisiert die Lichtkegel meiner Autoscheinwerfer starrte. Ohne die Geschwindigkeit zu verringern, bewegte ich das Lenkrad leicht nach links. Der Polizeiwagen raste knapp an dem stehengebliebenen Reh vorbei und geriet dabei auf den linken Seitenstreifen. Split und Erdreich spritzte hoch, prasselte unters Bodenblech und an die linke Fahrzeugseite. Beidhändig steuerte ich den Wagen wieder zurück auf die asphaltierte Fahrbahn. Nachdem ich angehalten und ausgestiegen war, lief ich aufgebracht hin und her, trat gegen ein Vorderrad, stemmte die Hände in die Hüften, atmete heftig ein und aus.

„Scheißdreck!”, rief ich in die Nacht hinaus, „Scheißdreck!”

ARBEITSUNFALL (aus einer frühen Fassung in der 3.Person)

Die Spätschicht hatte bereits 10.000 Schweine zerlegt, als ein rumänischer Ausbeiner vom Anpressarm des Förderbandes erfasst und in eine Kreissäge gedrückt wurde.

Die Ausbeiner ackerten im Akkord. Sie trugen Sweatshirts unter ihrer weißen Arbeitskleidung, Gummistiefel, Mützen, Haarnetze und blaue Schürzen. Sie schwitzten, denn sie kämpften gegen drei Tonnen Rückstand an. Den mussten sie aufholen. Darum hatte der Produktionsleiter die Geschwindigkeit des Förderbandes erhöht. Auch die Ausbeiner wollten das Soll schaffen, sonst gäbe es wieder Lohnabzüge. Der Vorarbeiter trieb die Männer an, schlug immer wieder mit der Faust gegen Stahlblechverkleidungen. Sie arbeiteten die Pausen bis auf einige Minuten durch. Die Ausbeiner waren übermüdet und gestresst. Sie arbeiteten ungenau, Fehler schlichen sich ein. Es hatte bereits zwei kleinere Unfälle gegeben: ein Arbeiter stach sich in den Handballen, ein anderer durchschnitt eine Daumensehne.

Alle vier bis fünf Sekunden wurde ein Schwein getötet, alle sieben Sekunde eines ausgeweidet. Effizienz, die Kosten verringernde deutsche Sekundärtugend.

Der Notstopp brachte das Förderband zum Stillstand. Die Kreissäge hatte dem Ausbeiner die rechte Schulter unterhalb des Gelenks abgetrennt und die Armarterie zerrissen. Der Mann erlitt einen Schock und blutete in wenigen Sekunden aus. Ein, zwei Kollegen in unmittelbarer Nähe übergaben sich. Der herbeigeeilte Notarzt der Fleischfabrik konnte nur noch den Tod des Mannes feststellen. Jemand machte Fotos von der Kreissäge und dem Förderband, von dem toten Ausbeiner und dem vielen Blut. Die Leiche wurde mit einer Plane bedeckt und auf einer Trage fortgeschafft. Das Blut wurde mit einem Schlauch weggespritzt. Es vermischte sich mit dem auf den Bodenkacheln stehendem Wasser, bevor es in gurgelnd in einem Abfluss verschwand.

Mehrere Minuten stand das Förderband still. Der Produktionsrückstand betrug inzwischen fast dreieinhalb Tonnen. Der Produktionsleiter entschied, wieder anzufahren. Einige Ausbeiner nahmen mechanisch ihre Arbeit auf, andere wirkten wie gelähmt, blickten konsterniert, wieder andere brachen in Tränen aus oder waren einfach nur wütend. Der Vorarbeiter beschimpfte sie auf rumänisch, drohte ihnen mit Rausschmiss. Zur Überraschung der Umstehenden wehrten sich ein paar der Ausbeiner und brüllten zurück. Der Vorarbeiter ging mit einer Drohgebärde auf sie los. Daraufhin brach allgemeine Wut und Empörung aus. Der Vorarbeiter schlug zu. Ein Ausbeiner schlug zurück. Mehrere Männer gingen dazwischen. Es kam zu einem Handgemenge. Niemand arbeitete mehr.

Der Produktionsleiter stoppte erneut das Band und rief den Subunternehmer an, bei dem die meisten Arbeiter der Spätschicht offiziell beschäftigt waren. Er riet, dem faulen Zigeunerpack ordentlich in den Arsch zu treten.