Jean-Patrick Manchette und der Roman noir

Über seinen späteren Roman LA POSITION TIREUR COUCHÉ (1981) schrieb Jean-Patrick Manchette 1977 in einem Brief an Pierre Siniac: „Ich arbeite an einem Projekt mit einem professionellen Killer, einer Figur, die an und für sich völlig uninteressant ist, weshalb es sich im Wesentlichen um eine Stilübung handelt.“ Und was dies für Manchette bedeutete, hatte er in seinen Chroniken dargelegt, „einen Roman noir heute zu schreiben heißt, ich mache es wie die Amerikaner, nämlich völlig anders, einer veralteten Form treu zu bleiben, heißt sie genau zu befolgen, ja sie zu achten bedeutetet sie ins Äußerste zu verdrehen. Genau das versuche ich in meinem neuen Projekt.”

Französische Ausgabe der Chroniques

Um Manchettes Ansatz zu verstehen, muss man sich seine Haltung zum Schreiben, zur Kunst und zur sozialen Wirklichkeit seiner Zeit vor Augen führen. In Schlagworten: „Schreiben bedeutet für mich Broterwerb; der Roman noir ist die moralische Literatur unserer Zeit; er ist ein Produkt für den Markt, ein Nahrungsmittel, er entstand in den 1920-ziger Jahren, als Reaktion auf die Hochphase der Konterrevolution, die mit dem Zweiten Weltkrieg die Revolution endgültig besiegte.”

Für Manchette hat der Roman noir seine wesentliche Formsprache in nur zehn Jahren, zwischen dem Erscheinen von RED HARVEST von Dashiell Hammett 1929, und THE BIG SLEEP von Raymond Chandler 1939, gefunden. Vierzig Jahre nach Hammett, Anfang der Siebziger des 20. Jahrhunderts zu schreiben, bedeutete für ihn, der sich politisch als ein marxistischer Anarcho bezeichnete, der neuen sozialen Wirklichkeit nach 1968 gerecht zu werden. Dazu gehörte für ihn auch die Hoffnung auf eine tiefgreifende, gesellschaftliche Veränderung, die letztlich enttäuscht wurde. Seine zweiten und dritten in der Serie noir bei Gallimard veröffentlichten Polars, L‘AFFAIRE N’GUSTRO (1971) und NADA (1972), waren hochpolitisch, mit dem Erscheinen von LE PETIT BLEU DE COTE OUEST (1976), seinem siebten Polar, begann Manchette bereits nicht mehr an die gesellschaftliche Veränderung, an einen Sieg der revolutionären Kräfte über den Kapitalismus zu glauben. Hoffnungslosigkeit machte sich breit.

So prägte auch das Scheitern verzweifelter Aktionen eines Einzelnen seine letzten drei Polars. In Le Petit Bleu de Cote Quest irrt ein von den Produktionsverhältnissen entfremdeter George Gerfaut nach überstandenem Abenteuer und der Tötung von zwei Menschen und einem Hund, weiterhin im Kreis durch sein Leben. Die gefährlichen Erlebnisse haben keine charakterliche Wandlung bewirkt, höchstens eine geschmackliche Veränderung: er trinkt lieber Bourbon statt Whiskey. (Auch wenn die Werbung dem Konsumenten glauben machen will, es verhielte sich umgekehrt, die Wahl des Alkohols sei nichts weniger als eben das, eine Charakterfrage.)

Jean-Patrick Manchette in den 1960er Jahren

In dem im Jahr darauf erschienen FATALE (1977), metzelt die freiberufliche Killerin Aimee, nachdem sie den größten Coup ihrer Karriere an Land gezogen hat, die korrupten Bürger Blévilles, ihre Auftraggeber, dahin, um am Ende von einer Kugel wahrscheinlich tödlich getroffen und ohne ihr Salär mit dem Fluchtauto zu verunglücken. (N.B. Ein plötzlich einsetzender Ekel vor den Machenschaften der Bourgeoisie löste wahrscheinlich Aimees mörderischen Sinneswandel aus.)

Die neue soziale Wirklichkeit gebot Manchette, „ich bin ein unverbesserlicher Intellektueller und schäme mich dessen nicht”, eine neue Herangehensweise an den Polar. Seine literarische Inspiration fand er bei Hammett und Flaubert, sowie bei Guy Debord und der Situationistischen Internationale. „Situationistisch” an einen Roman noir heranzugehen, bedeutete für Manchette referenziell zu arbeiten. Das hieß einerseits, Genrekonventionen- und Stereotypen genau zu befolgen – wie der Basisplot in Tireur Couché „ein Killer will aussteigen, was seine Bosse verhindern wollen” und die gewählte behavioristische Erzählweise, getreu dem Vorbild Hammetts in Maltese Falcon und Glass Key – andererseits entlehnte er seine stilistischen Ausflüge bei Flaubert und ließ in der völligen Verdrehung der Genre-Konventionen die Detournement-Idee von Debord erkennen.

LA POSITION TIREUR COUCHÉ (1981)

Im Gewand einer ausgelutschten Auftragskiller-Story, erzählt Manchette die kleinbürgerliche Sehnsucht von Martin Terrier, eines Außenseiters, der es allen die ihn einst schassten zeigen wird, wenn er nach zehn Jahren in den Heimatort zurückkehrt, um als gemachter Mann seine Liebste – die ihm auch noch für zehn Jahre die Treue verspricht – zu heiraten. Ein schöner Wunschtraum. Natürlich ist die Liebste inzwischen verheiratet und lebt desillusioniert neben ihrem Ehemann daher. Sie trinkt zu viel, langweilt sich und vögelt herum. Mit dem Ausstieg aus seinem Killer-Job (den Terrier für eine mit dem französischen Geheimdienst assoziierte Gruppe ausübt, in deren Auftrag er Kommunisten, Anarchisten, sowie ehemalige Militärs aus dem damals noch existierenden Ostblock tötet), verliert er schrittweise die Kontrolle über sein Leben. Anhand der Figur des Martin Terrier, zieht Manchette nun den klassischen Noir-Plot auf links und übersteigert ihn bis ins Absurde. Dabei legt er nicht nur die Naivität und Borniertheit seines Protagonisten offen, sondern entlarvt zugleich unser kapitalistisches System. Kleinste Details summieren sich zu einer komplexen Geschichte, einer Situationsbeschreibung unserer Gesellschaft, die ein genaues Hinsehen erfordert.

Der Autor macht es dem Leser nicht leicht. Auf das Innenleben der Figuren und ihre Motivation muss man anhand ihres Verhaltens und ihrer Aussagen schon selber schließen. Niederlage und Ausweglosigkeit bestimmen den Roman. Am Schluss steht ein großartiges und sehr böses Ende für den vollends gescheiterten Martin Terrier.

Der letzte zu Lebzeiten veröffentlichte Roman kommt an der Oberfläche wie ein klassischer Roman noir daher – der Begriff Stilübung, der letztlich die Wiederholung, die Kopie bezeichnet, ist eine Untertreibung des Verfassers – er ist es aber nicht. Le Position Tireur Couché gehört ebenso in die Genreliteratur wie in die modernistische, experimentelle Literatur von Robbe-Grillet oder Perac. (Was für Manchette übrigens überhaupt kein Qualitätssiegel war. So schrieb er in einem Brief an Siniac, „literarische Ambitionen sind mir zuwider.”)

Jean-Patrick Manchettes Werke auf deutsch:

Die Gesamtausgabe von Jean-Patrick Manchette, inklusive der Chroniken, ist beim Distel-Literaturverlag, Heilbronn, erschienen.

Es gibt antiquarisch einzelne Titel, die in den 1980-90er Jahren bei Ullstein, Matthes & Seitz, sowie Bastei Lübbe ‘Schwarze Serie’ veröffentlicht wurden.

Die Comic-Adaptionen, erschienen bei Edition Moderne und Schreiber & Leser, sind durchaus empfehlenswert.

Großartig ist der Original-Comic Grifu, der 1977 in Zusammenarbeit mit Jacques Tardi entstand (Carlsen Verlag, 1982).

Wer sucht, der findet.

(N.B. Die Verfilmungen von Manchettes Romanen taugen nichts. Unbedingt meiden.)


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.