EHRENSACHE

Eine kleine schmutzige Geschichte in zwei Teilen.

1

Seit der Fixer draußen war, organisierte er Jobs für andere.

Ein Typ, mit dem er zeitweilig im Knast die Zelle teilte, hatte ihn darauf gebracht, als er ihm erklärte, wie die Gegenseite das Geschäft betrachtete:

„Alle sind organisiert und alle rüsten auf, der Staat militarisiert seine Bullen, die Konzerne heuern private Sicherheitsprofis mit Kriegserfahrung an, der militante Rest landet bei der Organisierten Kriminalität. Von den Hacker-Legionären ganz zu schweigen. Es ist ein richtiger Wettlauf. Wer unabhängig bleiben will, hat‘s schwer, der kommt schnell unter die Räder. Ein richtiger Job, der was einbringt, übersteigt häufig die eigenen Ressourcen. Wenn also einer nicht ganz blöd ist, weiß er, dass er der Konzentration von Macht und Know-how etwas entgegensetzen muss: Expertenwissen. Und das muss er einkaufen. Also frage ich mich, wer weiß schon besser bescheid, wie man‘s richtig macht, als ein mieser hochkrimineller Ex-Bulle wie du?”

Die Gegenseite, das waren früher die Verbrecher, die er im Auftrag des Staates zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung gejagt hatte. Heute waren Kriminelle seine Kunden. So wie der dünne, nervöse Deutsche und sein Partner, ein kleiner bulliger Mann aus dem Kosovo.

„Jetzt erzähl schon”, sagte dünne Deutsche und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte.

Brock lehnte sich zurück und musterte die beiden. Draußen zog der Himmel allmählich zu, bald würde es regnen.

„Clemens, wir hatten Vorkasse vereinbart”, sagte er geduldig.

„Du kassierst zwanzig Prozent, wo bleibt dein Risiko?”

Brock legte den Kopf auf eine Hand und schwieg. Er war ein Mann um die Fünfzig, vielleicht älter, mit rundem Gesicht und sah aus, als würde er zu viel Zeit in schmierigen Pommesbuden verbringen. Er wirkte völlig ruhig. Der Eindruck täuschte.

Schließlich griff der dünne Deutsche in seine Jackentasche, holte einen prallgefüllten Briefumschlag hervor, warf ihn mit den Worten auf den Tisch: „Ich wollte nur sichergehen, dass wir uns verstehen.”

Den Umschlag mit zwei Fingern öffnend, zählte Brock das Geld. Fünfzig Hunderter, frisch wie aus dem Automaten.

„Wir brauchten nicht mal ‘ne Rentnerin ausrauben”, sagte der Mann aus dem Kosovo, den der dünne Clemens mit Vilal anredete, ohne eine Gefühlsregung und ohne Akzent.

Brock kam zu seinem Teil ihres Geschäfts: „Das Einkaufszentrum wird täglich um 23:00 Uhr von dem Geldtransporter angefahren. Ihr habt nur zwei Zugriffsmöglichkeiten, bei der Aufnahme des Geldes und bei der Ablieferung. Den Geldtransporter unterwegs zu stoppen, könnt ihr vergessen. Der ist gepanzert, zudem gibt es in jedem Fahrzeug einen Notalarmknopf. Sie werden kontinuierlich per GPS geortet und stehen in direkter Verbindung mit der Zentrale und der Polizei. Die Ablieferung der Einnahmen erfolgt in der Bank, mitten in der Stadt. Zu viel Verkehr, schlechte Fluchtwege, scheidet damit ebenfalls aus. Bleibt das Einkaufszentrum selbst. Die Geldaufnahme findet auf der Rückseite im Bereich der Warenannahme statt. Der ist umzäunt, ein Wachhäuschen mit einer Schranke kontrolliert die Zufahrt. In diesen Bereich müsst ihr eindringen und den Geldtransporter übernehmen. Der Geldtransporter hat drei Mann Besatzung. Die Typen sind mit 9mm Sig-Pistolen bewaffnet und tragen ballistische Schutzwesten. Aber sie sind nicht besonders gefährlich. Für ein paar Hunderttausend wird keiner von denen den Helden spielen. Das Geld ist ohnehin versichert. Habt ihr euch die Klamotten besorgt?”

„Dunkelblaue Stoffhosen, dunkelblaue Nato-Pullover, schwarze Schuhe”, sagte Clemens, „aus unterschiedlichen Geschäften und verschiedenen Städten.”

„Passen sogar”, sagte Vilal. Er schien des Komiker des Duos zu sein. Der dünne Clemens musste sich offenbar zu sehr darauf konzentrieren, lässig zu wirken oder bedrohlich. Brock hielt ihn für ein dummes hinterhältiges Arschloch, hatte sich aber noch keine klare Meinung gebildet.

„Um so besser”, sagte er und breitete einen DIN A-2 Papierbogen mit einem Grundriss auf den Tisch aus. Es war ein verkleinerter Originalgrundriss eines Untergeschosses. Einzelne Punkte waren darauf farbig markiert und in einer Legende erläutert.

„Ihr werdet am Samstag hier das Einkaufszentrum betreten und die Toilette der Cafeteria aufsuchen. Hier befindet sich der Zugang zum Mitarbeiterbereich, hier sind die Umkleideräume und da der Raum mit den Putzmitteln“, während der Fixer redete, deutete er auf die jeweiligen Stellen, „die Tür ist leicht zu knacken. Einer von euch zieht sich ‘nen Kittel an und greift einen Putzwagen, der zweite klettert in den Wagen. Von der Statur her würde ich sagen, am besten du, Vilal. Müsst ihr entscheiden.”

In diesem Moment setzte der Regen ein, schwere Tropfen schlugen trommelfeuerartig auf das dünne Baucontainerdach.

Brock musste gegen den Lärm anreden: „Dann begebt ihr euch direkt zur Warenannahme. Während zwei der Wachleute das Geld holen, bleibt der dritte, der Fahrer, im Geldtransporter. Er öffnet ihnen später die Tür. Die beiden anderen transportieren das Bargeld in einem Rollcontainer. Sie verlassen hier den Aufzug, müssen diesen Flur entlang, um diese Biegung, dann erreichen sie die Rampe, wo der Transporter steht.“ Brock pochte mit dem Zeigefinger auf den Punkt. „Fragen?”

Clemens und Vilal blickten konzentriert auf den Plan, beide schüttelten den Kopf.

Brock sprach weiter: „Ihr greift die Wachleute ab, wenn sie den Aufzug verlassen. Blockiert den Aufzug, schaltet die Männer aus, mit Kabelbinder fesseln und knebeln, ihr nehmt ihnen die Panzerwesten und die Waffenholster ab. Beides zieht ihr über. Dann begebt ihr euch zum Geldtransporter. Der Fahrer wird für einen Moment getäuscht sein und euch die Tür öffnen. Rollcontainer rein, Fahrer ausschalten, knebeln, fesseln. Ausfahrt. Sie werden euch problemlos passieren lassen. Sobald ihr die Schranke hinter euch habt, fahrt ihr zur nächsten Kreuzung. Rechts ab. Nach fünfhundert Metern wieder rechts. Dort steht euer erstes Fluchtfahrzeug, ein dunkler Renault Kangoo mit der Aufschrift Bürger-Schlüsseldienst. Rollcontainer knacken, das Geld kommt in die auf der Ladefläche bereitstehende Kiste. Abfahrt.”

„Warum den Rollcontainer ausleeren?”, fragte Clemens

„Der hat wahrscheinlich einen GPS-Sender”, sagte Brock.

„Gut aufgepasst.”

„Mein Job. Das zweite Fahrzeug findet ihr nahe dem Zubringer zum Autobahnkreuz, auf dem Pendler-Parkplatz. Der ist schlecht einsehbar und nachts verlassen. Ein Opel. Den Kangoo fackelt ihr ab. Die Bombe liegt im Kofferraum des Opel. Die Zeituhr ist eingestellt. Einfach einschalten. Der grüne Knopf. Das ist alles.”

Er schob den beiden den Plan herüber.

„Hier sind eure Waffen. Zwei Pistolen, wo die herkommen, kann euch egal sein. Ihr benutzt sie aller Wahrscheinlichkeit nicht und wenn, dann könnt ihr sie später beruhigt entsorgen. Sie sind nicht zu euch zurückverfolgbar.”

Er nahm zwei Pistolen aus ehemaligen Beständen der Nationalen Volksarmee der DDR, zwei Magazine und eine Schachtel Patronen aus einer Aktentasche, dazu zwei Autoschlüssel. Einen für den Renault und einen für den Opel.

„Beide vollgetankt”, sagte Brock.

„Wie viel Geld ist wohl in dem Rollcontainer?” wollte Clemens wissen.

„Ungefähr zwischen Zwei-Dreihunderttausend. Vielleicht auch mehr. Kommt drauf an.”

„Du kassierst also zwanzig Prozent minus der Fünf Vorkasse”, sagte Clemens.

„Irrtum”, Brock deutete Richtung Umschlag, „die Fünf sind der Abschlag auf meine Vorkosten. Ich bekomme außerdem nicht zwanzig Prozent von der Beute. Ich bekomme fünfundsiebzigtausend Euro fix, unabhängig von der Höhe der Beute. Zahlbar sofort nach Überfall.”

Clemens und Vilal tauschten Blicke.

„Hat Rohan euch die Summe nicht gesagt?”

Der dünne Deutsche schüttelte den Kopf. Der Typ war ein Arschloch, schloss Brock seinen Meinungsbildungsprozess ab und fixierte Clemens.

Vilal nickte schließlich: „Doch hat er.”

„Okay”, sagte Brock nach einigen Sekunden in denen nur der Regen zu hören war, und legte ein Einweg-Handy auf den Tisch, „ich rufe euch Samstagnacht auf diesem Handy an. Lasst es eingeschaltet aber benutzt es für kein anderes Telefonat. Ihr entsorgt es, sobald wir gesprochen haben.”

„Geht in Ordnung”, sagte Vilal.

Der kleine bullige Mann aus dem Kosovo stand auf, holte eine Plastiktüte hervor, packte alles ein und ging.

Clemens schüttelte noch immer den Kopf, sagte, „das ist nicht fair, wirklich nicht, einfach nicht fair”, als er aufstand und Vilal folgte, der inzwischen die Tür aufstieß und draußen im Regen verschwand.

Der Fixer und die Klienten hatten sich auf einer verwaisten Baustelle auf einem ehemaligen Fabrikgelände getroffen. Der Bau einer Wohnsiedlung für junge Familien musste eingestellt werden, als Proben von Greenpeace hochgiftige Rückstände im Boden ergaben. Während über die Entsorgungs- und Sanierungskosten gestritten wurde und ein Gerichtsverfahren drohte, beschloss der Investor, das Bauunternehmen in Konkurs gehen zu lassen. Er zog sein Kapital ab und suchte sich einen anderen Ort, an dem weniger strenge Auflagen herrschten. Braches Industriegelände gab es schließlich überall, Investor-Millionen dagegen waren knapp.

Drei Tage darauf war Samstag.

Teil 2 folgt morgen . . .

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