UNTER DEUTSCHEN HEIZPILZEN II

Für einen neuen Roman habe ich mich in Theorie und Praxis intensiver mit deutschen Ermittlern auseinander gesetzt. Die mehr denn je gültige Messlatte sind die omnipräsenten TV-Kommissare, die sowohl im Hörspiel als auch im Roman den Ton angeben. Auf geht’s, feste angurten und tapfer sein . . .

ZUERST KOMMT DIE THEORIE

HOSIANNA! DEUTSCHE ERMITTLER SIND JESUS

Die Ermittler sind Erlöserfiguren. Die Ermittler sind die Sonntagspfarrer auf der Kanzel. Die Ermittler sind in der Zwischenzeit Politikerersatz. Die Menschen … halten die meisten Politiker für korrupt, für karrieregeil, irgendwann werden sie rübergezogen auf die menschenverachtende Seite … Hier … haben die Menschen wirklich noch die Hoffnung … es passieren Katastrophen, es treten Kommissare auf, die mit tiefer Anteilnahme und Wohlwollen das Geschehen begleiten, und am Ende Gut und Böse unterscheiden, die Wahrheit hervorbringen, und damit die Weltordnung wieder installieren. Das ist etwas, was die Menschen psychisch in diesen großen Umbruchzeiten unbedingt brauchen.

So verkündet von Dr. Cornelia Ackers, Redaktion Polizeiruf München, 2016. Dazu kann ich nur Amen würgen.

Die öffentlich-rechtliche Zielgruppe döst ihrem Erlöser entgegen

Warum muss ich immer wenn jemand von “die Menschen” spricht, an “die Schafe” denken? (N.B. Um obiges Zitat aufzuschreiben, durfte ich mir den Podcast extra noch einmal anhören. – Bringt mich das dem Himmelreich ein Stück näher?)

Jedenfalls amüsiert die Aussage ungemein. Nur damit ich das richtig verstehe: Zuerst kommt also die Enttäuschung über Gott, dem die Gesellschaft den Garaus gemacht hat, dann versagen die Politiker als seine Erben und müssen nun ihrerseits von der letzten Bastion der Aufrechten, dem Ermittler abgelöst werden. Und dank dessen Anteilnahme und Wohlwollen, findet der verunsicherte Fernsehzuschauer im sonntäglichen Reinigungsritual um 20:15 Uhr, wieder die Kraft für die neue anstehende Woche?

Interessanter Gedanke: Ein verbeamteter Kriminalkommissar, ein Repräsentant der Staatsgewalt, ist der teilnahmsvolle Jesus. Aha. Was ist dann die Redaktion, die ihn in aller Zuschauernamen in den Kampf gegen das Böse schickt? Die Mutter Gottes? Gar der liebe Gott selbst? Oder vielleicht der Heilige Geist?

Dann ist da noch: … Gut und Böse unterscheiden, die Wahrheit hervorbringen und die Weltordnung wieder installieren. Hosianna. Preiset die Redaktion. Ich glaub’s nicht. Wir entfliehen dem unerträglichen Alltag in unserem schönen Deutschland, dem es ohne die schreckliche Welt ganz bestimmt viel besser gehen würde, oder was soll das heißen? Wie viel Hirnerweichung braucht man dafür? Mal ehrlich, wer möchte in seiner Alltagsflucht schon in die Welt eines Polizeirufs oder eines Tatorts entfliehen und nicht in ein Urlaubsparadies seiner Wahl? Nach Bad Harzburg vielleicht, nach Berchtesgaden oder Wangerooge – da gibt’s doch hoffentlich noch keine TV-Ermittler, oder?

Die verlorene Zielgruppe

Nun allerdings sind Gott und sein mehrfaltiges Brimborium mausetot (siehe oben) und somit ist auch der Heilige Geist nur heiße Luft. Folglich sind die Exerzitien der Ermittler nichts als impotente Phantomschmerz-Rituale zur Beruhigung all jener SeniorInnen, die noch nicht auf Streaminganbieter umgestiegen sind oder lieber zu einem guten Buch greifen. (Vielleicht über den organisierten, systemischen Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche?)

Schon schlimm genug, wenn der Ermittlerkrimi die dominante Form der Aufarbeitung gesellschaftlicher Themen im TV ist. Einmal durchgekaut und als Oberfläche für den Mordfall benutzt, hat sich dann nämlich das Thema erledigt und das Format seinen Zweck erfüllt. Eine weitere Diskussion wurde abgewürgt. Friede, Freude, Eierkuchen. Schwamm drüber. Die Wahrheit ist vielmehr, dass die Ermittler laut Redaktionsvorgabe selbstredend den Fall lösen – aber sonst lösen sie gar nichts. Sie führen dem Publikum zwecks Ersatzkasteiung die eigene Frustration und Unfähigkeit vor, und leben im pathologischen Wiederholungszwang. (Die Zuschauer müssen ja auch jeden Morgen ihren Arsch wieder hochkriegen, egal wie sehr es sie ankotzt.) Folglich erlösen die Ermittler niemanden, nicht einmal sich selbst durch einen Vorruhestand, oder die Staatskasse mittels Rentenkosten dämpfendem Suizid.

Deutsche Ermittler sind so überholt, wie die Recht-Gerechtigkeit-Unrechtsklischees, die sie allsonntäglich abarbeiten. Grundsätzliche, systemisch strukturell bedingte Ursachen (die Weltordnung) werden niemals angesprochen – schon gar nicht in Frage gestellt. Falls eine Ansprache versehentlich doch geschieht, dann kann der kleine Mann nichts machen. Das Schicksal ist größer als selbst der Kommissar. Jesus wurde ja auch angetackert, kann ich da nur rufen.

Anstatt die Gotteshäuser zu stürmen und dort auf den Knien, Seite an Seite mit den Versager-Politikern, himmlischen Beistand zu erflehen, liegen die frustrierten Zuschauer erschöpft auf der Couch und starren in die Flachbildschirme, deren räumliche Tiefe der Tiefe ihres eigenen Denkens entspricht. Anders kann ich die entmündigende Aussage der öffentlich-rechtlichen Fürsprecherin (die Privaten denken übrigens keinen Fatzen anders) wirklich nicht deuten.

Die Midlifecrisis dümpelt im Streamingtümpel

Wenn Geschichten Metaphern für das Leben sind, für welches Leben produzieren dann deutsche Krimis die Metaphern? Für eine Gesellschaft obrigkeitshöriger Mitläufer? Für Leute, die glauben wollen, dass die schleichende Ausweitung polizeilicher Befugnisse (siehe die neuen Polizeigesetze der Länder) endlich für Recht und Ordnung sorgen? Für Menschen, die sich gerne die Illusion von Gerechtigkeit vorgaukeln lassen, damit sie schön brav hocken bleiben können und bloß nicht ihren Steiß in die Vertikale bewegen müssen? Oder ganz banal nur, damit sie die Finger von der Fernbedienung lassen (sonst stimmt am Ende die Quote nicht)? Die Antwort ist vielleicht noch erschreckender. Diese TV-Soße gehört zum sonntäglichen Ritual und wird stupide wiederholt, weil man einst in früher Jugend derart konditioniert wurde.

Lasst uns der Sache etwas Positives abgewinnen: Hurra, es gibt noch deutsches Entertainment nach dem Hirntod! Und Ostern ist auch nicht mehr weit . . .

AB IN DIE PRAXIS

ERMITTLERTEST IM SELBSTVERSUCH

Nach dem DAMNATION-Finale springe ich reuig vom Sofa und recke in Ermanglung eines Schießgerätes entschlossen die Klassenkämpferfaust. Weil meine Pose unregistriert verhallt und ich mir schnell recht albern vorkomme, schalte ich zur Resozialisierung ins millionenfache Sonntagsritual der Bevölkerung hinein: In den Sonntagabend im Ersten. Zu meinem Glück gibt’s den auch in der Wiederholungs-Mediathek, so dass nicht nur ich, sondern wir alle jederzeit an jedem Ort auf die 1. Sitze reihern können oder wahlweise den Mitzuschauern hinten in die Kragen.

Aufgrund von DESEPERADO fixte mich die Wiederholung einer Folge mit dem Bratwurst-Team vom Kölner Tatort (über 20 Jahr – fürchterbar) schnell an. Die beiden waren nämlich in Sachen “Morden im Ostkongo” unterwegs.

So viel wie die harten Jungs, verdient kein echter Kommissar

Ich wurde kalt erwischt von einem weiteren Betroffenheitsermittlerdrama mit dem haarigen Doppelpack, das schon in Sachen Blutdiamanten vor über 10 Jahren für des Dummdeutschen Aufklärung gesorgt hatte. Und natürlich geschah diesmal das schreckliche kongolesische Morden in Deutz, Nippes und Weidenpesch oder war’s Marienburg? Denn wenn der kriegsverbrecherische Afrikaner sich nicht gerade einen Wolf schnackselt und jeden mit AIDS verseucht, dann metzelt er, kaum im unverdienten Asyl von deutscher Gastfreundschaft und AfD herzlich willkommen geheißen, ausgerechnet in der Haupstadt des organisierten Frohsinns und der kollektiven Ignoranz alle möglichen Lands- und andere Leute danieder. Das Trauma macht’s möglich. Und diesmal sollten Maulaff und Schunkel sogar keine Sprüche verzählen und auch sonst nix weltrettend Erklärendes von sich geben. Denn, siehe oben, manchmal ist das Schicksal größer, als der selbstloseste Kommissar. Potztausend.

Mensch … letztens noch Kierkegaard in Weimar, heute schon Kabila in Klettenberg. Da geht Einiges im deutschen Ermittlerdickicht. Wir müssen dankbar sein und demütig. Nur wem gegenüber und wieso? Wann bekomme ich bitte meine Gebühren in Currywurst ausgezahlt, anstatt in Programm?

Wer den Ostkongo schonungslos und ohne Erlösung erleben möchte, der drücke den roten Knopf:

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