HEIMBRINGER – Story

An dem Tag, an dem ich in Tunis landete, ging ein Straßenhändler in Flammen auf. Er zündete sich selbst an. Aus Protest, weil seine Waren konfisziert und er von einer Frau, einer Staatsbediensteten, geohrfeigt wurde. Der Funke sprang von seiner Kleidung auf das ganze Volk über.

Das war vor drei Wochen. Seit dem protestiert und wütet eine immer bedrohlicher anwachsende Menschenmenge gegen den Staatspräsidenten. Einen alternden Despoten, der gemeinsam mit seinen Heloten seit 23 Jahren das Land mit eiserner Hand regiert. Die Bevölkerung demonstriert gegen Korruption und Willkür, für individuelle Freiheit und soziale Gerechtigkeit und eine menschenwürdige Zukunft. Das ist kein islamistischer Protest. Das Volk will endlich teilhaben an den demokratischen Errungenschaften und der Wunderwarenwelt des Westens.

Ich bin nicht zum Protestieren gekommen, sondern zum Jagen.

Straßenhändler Mohamed Bouazizi 1984 – 2011

Es ist Nacht. Die Straße im ehemaligen Diplomatenviertel von Tunis ist von alten, teilweise demolierten Lampen spärlich beleuchtet. Wo einst Botschaften residierten, wohnt heute tunesischer Mittelstand. Hohe Mauern verwehren den Blick auf die herrschaftlichen Häuser. Rechts und links entlang der Straße ragen große, bauchige Palmen in den Nachthimmel. Außerhalb des Lichtkegels einer Straßenlampe, im Schatten einer Palme, parkt mein unauffälliger Fiat. Ich liege hinter dem Lenkrad verborgen, tief im Vordersitz. Regungslos. Mein Blick ruht auf einer, durch ein massives Holztor versperrten Einfahrt in fünfzig Metern Entfernung. Seit drei Stunden, seit Einbruch der Dunkelheit.

Die schmale Tür im Einfahrtstor öffnet sich. Ein Mann tritt hinaus. Es ist ein athletischer Tunesier, Anfang 20, in einem dunkelblauen Trainingsanzug. Sein Blick schwenkt die Straße ab. Er starrt einige Zeit misstrauisch in meine Richtung. Aber ich weiß, dass er mich nicht sehen kann. Dann verschwindet der Trainingsanzug. Die schmale Tür schließt und einige Sekunden später öffnen sich die beiden großen Torflügel. Langsam rollte ein silberner Mercedes 300 D hinaus, biegt nach links und fährt Geschwindigkeit aufnehmend die Straße hinab. Ich warte, bis das Tor wieder geschlossen ist, bevor ich den Fiat starte und ohne die Scheinwerfer einzuschalten der Limousine folge.

Der Mercedes biegt auf eine große Straße. Mein Fiat einige Zeit später ebenfalls. Jetzt erst schalte ich das Abblendlicht ein. Der Verkehr ist dünn. Ich halte einen sicheren Abstand zu der vorausfahrenden Limousine. Wir durchqueren die Vororte von Tunis Richtung Osten. In dieser Gegend herrscht eine seltsame Ruhe. Die Proteste konzentrieren sich auf das Stadtzentrum.

Ich gebe Gas. Der Fiat holt auf. Das Licht der Scheinwerfer erfasst das Heck des Mercedes. Die Köpfe der Insassen werden durch die Rückscheibe erkennbar.

Links auf der Rückbank sitzt der Mann, von dem ich weiß, dass er Boubakar Bebri heißt, 34 Jahre alt ist und von Beruf Geschäftsmann. Er importiert Landmaschinen. Von der Person neben ihm sehe ich nur den Scheitel. Es ist ein Mädchen, seine Tochter Amira. Sie hat schwarze, meistens zu einem Pferdeschwanz gebundene Haare und blaue Augen. Zumindest auf dem Foto in ihrem Ausweis, der in meiner Jackentasche steckt. Trainingsanzug gibt den Chauffeur und Leibwächter vorn am Steuer. Ich lasse den Fiat zurückfallen.

Inzwischen haben wir die letzen Häuser hinter uns gelassen. Karge Felder säumen die asphaltierte Straße, deren rechter und linker Rand unbefestigt ist. Ein guter Ort.

Ich beschleunige wieder. Meine Hand greift nach einem Taser auf dem Beifahrersitz. Als der Fiat den Mercedes beinahe erreicht, setze ich zum Überholen an. Da ertönt ein Rufsignal. Auf dem Screen meines Handys öffnet sich eine Nachricht, das Foto eines etwa achtjährigen Mädchens erscheint. Ich nehme den Fuß vom Gas.

Der Fiat rollt aus und hält am Straßenrand. Die Rücklichter des Mercedes verschwinden in der Ferne.

Straßenhunde

Ich betrachte das Foto, das blonde Mädchen strahlt mich an. Es ist ein altes Bild. Dann lösche ich die MMS und schalte das Mobiltelefon ab. Es dauert einige Zeit, bis ich mich beruhigt habe und weiterfahre. Jetzt muss ich den Mercedes wieder finden. Mein Stresspegel steigt, als ich nach dem silbernen Wagen Ausschau halte. Ich gebe Gas. Ein kleiner Ort taucht vor mir auf. Mitten auf der öden Straße steht auf einmal regungslos ein Hund, ein ausgemergelter Straßenköter, und stiert abwesend in meine Scheinwerfer. Ich umkurve das Tier im letzten Moment und sehe im Rückspiegel noch, wie der Köter plötzlich umfällt, bevor er aus meinem Sichtfeld verschwindet.

Die Lichtfinger meiner Scheinwerfer tasten in rasender Fahrt die Häuser ab. Alles ist dunkel. Sämtliche Fensterläden sind geschlossen. Nirgends Menschen.

Einige Zeit darauf sehe ich endlich den Mercedes wieder. Er parkt am Straßenrand vor einem bunt beleuchteten Laden. Boubakar steht neben der offenen Tür. Grauer Anzug, weißes Hemd und dunkle Schuhe, aber keine Krawatte. Beinahe hätte ich ihn nicht bemerkt. Trainingsanzug kommt mit Süßigkeiten und Zigaretten aus dem Laden.

Zu spät zum Bremsen. Ich fahre vorbei. Das Gesicht starr geradeaus gerichtet, blicke ich aus den Augenwinkeln herüber, vorbei an Boubakar, ins Innere der Limousine, wo Amira auf der Rückbank sitzt, die Haare mit einer roten Schleife zu einem Pferdeschwanz gebunden, ein rotes Kleidchen trägt und sich gerade hält wie eine kleine Ballerina. Als ich den Mercedes passiert habe, blicke ich sofort in den Rückspiegel. Trainingsanzug ist stehengeblieben und sieht mir misstrauisch nach, auch Boubakar schaut alarmiert meinem Wagen hinterher. Ich sehe gerade noch, wie die Männer wieder in den Mercedes steigen, dann macht die Straße eine Kurve und sie geraten außer Sicht. Sofort schalte ich das Licht aus und verringere die Geschwindigkeit. Ein schmaler unbefestigter Weg erscheint, ich biege ein. Als ich wende, rast auf der befestigten Straße hinter mir der Mercedes vorbei.

Die Limousine fährt weiter nach Osten, Richtung Beni Khalled. Wir sind jetzt ganz alleine auf der Straße. Es ist stockfinstere Nacht. Mein Fiat nähert sich ohne Licht. Im letzten Moment schalte ich die Scheinwerfer ein. Das grelle Fernlicht blendet Trainingsanzug. Er bremst. Schlingernd, mit quietschenden Reifen kommt der Mercedes zum Stillstand. Ich ziehe den Fiat quer vor die Limousine, blockiere die Straße.

Trainingsanzug wirft den Rückwärtsgang ein, doch da reisse ich bereits die Fahrertür auf und verpasse ihm mit dem Taser einen Schock in die Brust. Der Mercedes stoppt abrupt. Trainingsanzug zuckt wehrlos, gibt gurgelnde Laute von sich. Boubakar stößt die hintere Autotür auf und attackiert mich. Ich weiche seinen Schlägen aus, packe ihn, befördere ihn mit einem Tritt in die Kniekehle zu Boden. Dann drehe ich Boubakar einen Arm auf den Rücken, drücke ihn vornüber auf den rissigen Asphalt, nehme ihn sicher in einen Haltegriff. Das Mädchen auf dem Rücksitz starrt mich mit schreckgeweiteten Augen an.

Der nervöse Vater

Ich versuche zu lächeln und hebe beruhigend eine Hand. „Habe keine Angst, Amira. Ich tu dir nichts.“

Aber sie weicht ängstlich auf dem Rücksitz zurück. Das ist zu erwarten. Schnell hole ich Kabelbinder aus der Innentasche meiner Jacke, fessle zuerst Boubakar und anschließend Trainingsanzug die Hände auf den Rücken. Als ich hochblicke sehe ich Amira in die Nacht hinein rennen. Sie ist auf der mir abgewandten Seite aus dem Mercedes geklettert. Scheiße! Ich eile ihr nach und rufe:

„Amira, hab keine Angst!“

Sie rennt unbeirrt geradeaus in die Dunkelheit hinein. Ich erreiche Amira, halte sie fest, nehme sie in die Arme. Das Mädchen schreit laut, strampelt, wehrt sich heftig.

„Amira, Amira!“, ruft Boubakar herüber.

„Keine Angst, ich tu dir nichts. Deine Mama schickt mich“, versuche ich sie zu beruhigen.

„Amira, Amira!“, Boubakar brüllt, beinahe ohnmächtig vor Wut.

Amira schreit, strampelt immer verzweifelter. Ich flüstere beruhigend auf sie ein, halte sie fest, bis sie sich verausgabt hat. Ihr Widerstand erlischt, aber sie zittert dennoch.

„Deine Mama schickt mich, Amira. Hörst du? Deine Mama.“

Auf einmal Amira registriert das Wort Mama, blickt mich fragend an. „Meine Mama?“

Ich kehre um, trage Amira zum Fiat, setze sie auf den Beifahrersitz. „Wir rufen jetzt die Mama an. Ja?“ Ich schalte das Mobiltelefon ein, zum Glück Empfang, und wähle über Skype einen Teilnehmer an. Auf dem Monitor erscheint das Gesicht meiner Auftraggeberin. Ich reiche dem Mädchen das Mobiltelefon. Mit beiden Händen hält Amira es fest. Sie ist plötzlich ganz aufgeregt.

„Mama!“

„Amira, mein Liebling …“, Amiras Mutter ist überglücklich. Sie kämpft gegen Tränen.

Die gekidnappte Tochter

„Papa hat gesagt, du bist tot.“

„Nein, mein Liebling, ich bin nicht tot. Ich lebe und ich möchte dich so gerne wiedersehen …“

Ich entferne mich, lasse Mutter und Tochter ungestört.

Das Licht der Autoscheinwerfer erleucht die Szenerie. Das leise Stöhnen von Trainingsanzug ist zu hören. Boubakar starrt mich stumm an. Ich hebe ihn von der Erde hoch, stelle ihn auf die Füße. Der Tunesier wehrt sich nicht.

„Ich bezahle. Wie viel willst du?“ Er spricht ein gutes Deutsch.

„Setz dich hin und sei still.“

Ich drücke Boubakar auf den Rücksitz des Mercedes. Trainingsanzug kommt auf die Beine, rammt mir seine Schulter in den Rücken. Ich knalle mit dem Kopf an den Dachrahmen des Mercedes und bin einen Moment benommen. Ich sehen noch wie Boubakar vorschnellt, seinen Schädel in meinen Solarplexus stößt. Ich gehe zu Boden. Beide Tunesier treten nach mir. Ich rolle mich zur Seite, fange einen Tritt von Trainingsanzug ab, halte den Fuß fest, verdrehe ihn. Trainingsanzug verliert das Gleichgewicht. Ich komme wieder auf die Beine und schlage Trainingsanzug eine Faust ins Gesicht. Er taumelt rückwärts, Blut schießt ihm aus Mund und Nase. Dann gehe ich auf Boubakar los, packe seinen Kopf, reiße ihn nach unten und gleichzeitig ein Knie hoch. Seine Nase platzt. Er fällt zu Boden. Als ich mich umdrehe, steht Amira mit dem Mobiltelefon in der Hand einige Meter entfernt und starrt mich entgeistert an. Dann eilt das Mädchen zu Boubakar, umschlingt seinen Hals.

„Papa! Papa!“

Ich ergreife Amira. Sie klammert sich fest an ihren Vater.

„Amira!“, heult Boubakar.

„Papa!“

Aber ich löse ihre Umklammerung und trage das Mädchen zum Fiat.

„Meine Tochter!“ Boubakar rammt vor Wut und Verzweiflung seinen Kopf gegen eine offene Mercedestür, er kippt benommen zu Boden.

„Ich töte dich, ich töte dich …“, wimmert er leise.

Es ist mir egal. Dann höre ich nichts mehr, starte den Fiat und fahre ab.

Die Strecke nach Qurunbaliyah geht über einsame Straßen und durch kleine, unbeleuchtete Ortschaften. Von da aus fahre ich weiter nach Da Bou Sam und dann nach Nabeul. Dort übernimmt ein Tunesier den Fiat. Amira und ich nehmen den Zug. Wir erreichen Habib Bourguiba International. Auf dem Flughafen herrscht kaum Betrieb. Die meisten Urlauber sind längst ausgeflogen, sicher zurück in ihren Heimatländern. Seit der friedlichen Revolution bleiben die Touristen aus. Die Passkontrolle ist kein Problem.

In drei Stunden sind wir in Deutschland. Amiras Mutter erwartet uns.

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