LEOs REVOLTE – dialektische Abenteuer eines Heftromanschreibers (2)

HEUTE: Von der eigenen Ehefrau an den Verlag verscherbelt, sucht Leo Trost im Suff, genauer gesagt, den Vollrausch im Hardcore-Trinkerabort SUFF. Natürlich ist Rex Magnus hartnäckiger als jeder Virus und lässt sich nicht einfach so wegsaufen . . .

INNEN. KNEIPE SUFF – TAG

Übellaunig hockt Leo am Tresen, eingekeilt zwischen einer älteren, verlebten Frau, IRMA (53), und einem älteren, verlebten Kerl, DIETER (57). Leo trinkt Bourbon, Irma Wein, Dieter Bier.

LEO: Mein Talent wird verschachert.

DIETER: Heutzutage muss jeder sein Talent meistbietend verschachern.

Dieter schaut Leo an. Leo brütet über etwas …

IRMA (zu Leo): Der Dieter hatte sechs Richtige.

DIETER: Ich bin der ungekrönte Lottokönig.

IRMA: Voll der Jackpot.

LEO: Meine Agentin. Ha!

IRMA: Eigenes Geld ist gut für die Selbstachtung.

DIETER: Hätteste nicht gedacht, was? Ist aber so. Zehn Millionen …

IRMA (zu Leo): D-Mark.

DIETER (zu Irma): Na und, als Euromillionär biste trotzdem durchs Loch.

LEO (hebt sein Glas): Auf meine Zuhälterin.

Leo nimmt einen Schluck Bourbon. Irma und Dieter trinken aus Solidarität ebenfalls.

Dieter holt einen zerfledderten Lottoschein hervor.

DIETER: Hier, steht sogar das Datum drauf, Ziehung vom 15. September 2001. Kannste nachprüfen …

Leo schaut auf den Schein, den Dieter schnell wegzieht.

LEO: Du bist ‘ne echte Erfolgsstory.

IRMA (zu Leo): Der Trottel hätte den Schein nur abgeben müssen.

LEO (zu Dieter): Die Mitleidstour zieht bei mir nicht.

DIETER: Mitleid ist armselig. Ich verkaufe dir etwas viel Besseres …

IRMA (zu Leo): Ich bin die Irma.

DIETER (zu Leo): Ich verkaufe dir Überlegenheit, mit Sofortgarantie. Bei meinem Elend fühlst du dich mir sofort überlegen. Großartig, was?

IRMA: Über mich solltest du mal was schreiben.

LEO (zu Dieter): Und wie läuft das Geschäft?

DIETER: Sag mir ehrlich, wie du dich jetzt fühlst?

Ohne Hinzusehen, gibt Leo dem Wirt ein Zeichen.

IRMA (zu Leo): Was ich alles erlebt habe …

Der Wirt bringt Dieter ein neues Bier.

DIETER: Na bitte, prima. Dank Sofortgarantie.

Er prostet Leo zu und nimmt einen Schluck.

IRMA (schmiegt sich an Leo): Ich könnt dir vielleicht’n paar Geschichten flüstern. Richtig schön schmutzige …

Leo ignoriert Irma und kippt seinen Rest Bourbon.

DIETER (zu Irma): Ficken?

IRMA (zu Leo): 50 Euro. Ohne Gummi 100.

DIETER (zu Irma): Hey, wir beide sind seit vorgestern verheiratet, schon vergessen?

Irma reckt Leo auffordernd ihre Brüste entgegen …

IRMA: Heutzutage muss jeder sein Talent meistbietend verschachern.

DIETER (zu Leo): Meine Frau verkauft ihren Körper.

LEO: Du bist echt zu beneiden, meine Frau verkauft meine Seele.

DIETER: Der Feminismus war ein Fehler.

Er fummelt mit zittrigen Händen einen dreckigen 50er aus der Tasche und schiebt ihn an Leo vorbei Irma rüber. Irma steckt den Schein ins Dekollete, steht indigniert auf und geht. Dieter rutscht vom Hocker und folgt ihr hinaus. Sein restliches Bier lässt er stehen.

Rex Magnus’ Feuerspritze (Seitenansicht)

INNEN. KNEIPE SUFF – WEITER

Der Wirt serviert Leo einen neuen Bourbon. Jemand setzt sich auf den freien Hocker von Dieter.

Jemand in einem Anzug. Wir spüren ihn neben Leo, sehen aber nur ein Stück seiner Schulter im Anschnitt. Leo schaut nicht herüber. Er brütet weiter vor sich hin.

LEO (hebt sein Glas): Auf das, was nach 100 verworfenen Romananfängen übrig bleibt …

Der Jemand nimmt Dieters halbleeres Glas Bier und stößt mit Leo an.

MÄNNERSTIMME (off): Auf das Nichts …

LEO: Wir verstehen uns.

Leo nimmt einen Schluck Bourbon, setzt das Glas laut ab.

LEO: Selbstachtung! Ha, ausgerechnet mit Rex Magnus, dieser reaktionären Fascho-Sau.

MÄNNERSTIMME (off): Für dich ist alles wertlos geworden, was?

LEO: Der galoppierenden Irrsinns der Welt ist doch wohl unübersehbar.

MÄNNERSTIMME (off): Und du hast keine Kraft mehr, dich dagegen zu stemmen?

Leo antwortet nicht, sondern trinkt lieber.

MÄNNERSTIMME (off): Du hast deine Träume begraben.

LEO: Ich sollte wieder Bomben legen.

MÄNNERSTIMME (off): Weil die Worte eines Dichters keine Bedeutung mehr haben?

LEO (vertraulich): Ich bin gar kein Dichter, ich bin nicht mal ein Literat. Ich habe nur billige Heftromane geschrieb-

Jetzt erst blickt Leo zur Seite, neben ihm sitzt der leibhaftige REX MAGNUS und nickt teilnahmsvoll.

LEO (entgeistert): Du … ?

REX: Wer sonst kann dich verstehen?

Rex nimmt das halbleere Bierglas und stößt erneut mit Leos Glas an. Aber der trinkt nicht. Ohne einen Schluck zu nehmen, stellt Rex sein Glas daraufhin wieder ab. Der Wirt räumt das halbleere Bierglas weg und wischt mit einem Lappen über die Stelle am Tresen.

REX: Sag einfach, “Hallo, Rex, alter Strenggeheimagent, ohne dich war mein Leben sinnlos und leer, aber jetzt wo du-“

LEO: Du dumme Faschosau!

REX: Etwas Anderes fällt dir zu mir nicht ein?

Leo gerät mehr und mehr in Rage.

LEO: Aber klar doch, wie wär’s mit einer Kugel zwischen deine Augen?

REX: Siehst du hier vielleicht irgendwo eine Waffe?

LEO: Ich bin eine Waffe.

Weil außer Leo niemand Rex sieht, hockt Leo ganz allein, wild mit Karateschlägen die Luft zerhackend, am Tresen.

REX: Strampel hier nicht so behindert herum, die hält dich sonst für völlig verblödet.

LEO (beendet das Karate): Wer die? Die Loser, die kurz vorm Säuferwahn stehen?

REX: Nicht die, Plural. Sondern die, Singular.

Rex deutet mit dem Kinn in die Richtung eines Tisches.

Leo blickt herüber …

Ja, verdreh Leo nur den Kopf . . .

An dem Tisch sitzt eine junge Frau ganz alleine. Das ist BONNY. Sie hat ein Bier vor sich und wirkt bedrückt. Leo richtet sich auf, lächelt reflexartig zu ihr herüber. In dem Moment kommt ein junger Typ in Lederjacke herein und setzt sich ganz dicht neben Bonny. Er schnappt ihre Flasche und trinkt. Sie greift nach der Flasche. Aber der Typ hält Bonny mit einem Arm auf Abstand und trinkt immer weiter. Der Typ ist SYD. Mit einem lauten Rülpser setzt er die leere Flasche ab. Bonny und Syd fangen in unterdrückter Lautstärke an zu streiten. Syd schaut dabei provozierend zu Leo.

Syd fixierend rutscht Leo vom Hocker, geht aber an ihm vorbei …

INNEN. KNEIPE SUFF, TOILETTE – TAG

Wütend tritt Leo ans Pissoir und pinkelt. Langsam beruhigt er sich wieder. Da erscheint Rex neben ihm.

LEO: Ich muss pissen!

REX: Lass dich von mir nicht stören.

Leo wendet sich Rex zu, um ihm an die Beine zu strullen. Aber Rex springt reaktionsschnell zur Seite. Daneben. Grinsen, abtropfen. Leo knöpft seine Hose zu. Rex nähert sich wieder …

REX: Du hast mich für die Gerechtigkeit und das Gute kämpfen lassen.

LEO: Du warst und bleibst immer ein dummer Handlanger der Obrigkeit.

REX: Dank deiner Schreibe war ich die Katharsis der Ohnmächtigen. Die Libido der Frigiden, die Faust-

LEO (unterbricht): Weißt du überhaupt, was du da laberst? Was für eine Idiotie zu glauben, du könntest mit Gewalt auch nur irgendetwas ändern.

REX: Es liegt in deiner Macht, das zu ändern, Leo.

LEO: Der Strenggeheimagent, der alle Probleme wegballert. Wie albern.

REX: Dann gib mir doch ein paar tragische Charakterfehler, die mich verletzlich machen.

LEO: Dein ganzer Charakter ist ein einziger tragischer Fehler.

REX: Was warst du ohne mich? Nichts.Was bist du ohne mich? Nichts!

LEO: Wenigstens bin ich ein kompromissloses Nichts!

REX: Die Leute wollen Eskapismus, dem Alltag entfliehen. Scheiß auf Bedeutung, Tiefe und Niveau.

Leo wendet sich ab, Rex packt ihn am Kragen.

REX: Okay, wer nicht hören will, der muss fühlen.

FORTSETZUNG . . .

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