KÖNIG DER KADAVER – Leseprobe

1

Die ganze Scheiße fing mit dem Unfall in der Fleischfabrik an. Um das gleich mal klarzustellen, wäre der Trottel nicht in die Maschine geraten und von der Kreissäge der Länge nach aufgeschnitten worden, dann wäre nichts von alledem geschehen. Gar nichts. Ich hätte keine acht Menschen auf dem Gewissen und würde jetzt nicht diese viel zu enge Panzerweste voll schwitzen und mit einer fertiggeladenen und entsicherten HK7 Maschinenpistole auf die Harten Hüte warten.

Ihr sollt wissen, wie es soweit kommen konnte. Ich werde die Wahrheit berichten, wie sich meiner Meinung nach alles zugetragen hat. Ich verspreche euch, nichts zu verschweigen.

Als mich der Anruf erreichte, ging ich gerade meiner Nebentätigkeit nach. Der Bungalow, zu dem ich mir Zutritt verschafft hatte, war mit teueren und geschmacklosen Möbeln vollgestopft. Die meisten davon sicher unbezahlt. Versteckte Lautsprecher verströmten seifige Musik wie aus einem französischen Erotikfilm der 1970er Jahre. Ich näherte mich einem echten Schmierlappen von Kerl. Er trug einen offenen Hausmantel aus roter Seide, unter dem eine schwammige, solariumgebräunte Mittelpartie hervorschimmerte, dazu Boxer-shorts mit Paisleymuster und blau-weiße Adiletten. Wie immer bevorzugte ich bei diesen Jobs schlichtes Schwarz: Acryl-Sturmhaube, Polyester-Baumwoll-Overall und Premium-Latex-handschuhe. Meinen Nebenjob kann man mit Einschüchtern und Eintreiben beschreiben. Viele Kollegen machen nebenher in Immobilien oder Versicherungen oder arbeiten an der Tür, ich bin aktiv in Gerechtigkeit. Diskret gegen Bares und ohne Beleg.

Der Schuldner telefonierte mit so ‘nem teuren I-Dings. Weil er nicht aufhörte mich anzustarren und debil „hm-hm … hm-hm“ von sich zu geben, entriss ich ihm das Teil und schlug es ihm hart an den Kopf.

Der Schlag weckte ihn auf, er schaltete auf Angriff. Wir beide waren ungefähr im gleichen Alter, er war deutlich schlanker als ich, aber weniger trainiert. Ich stoppte ihn mit einem Stoß auf den Solarplexus und warf ihn mit einer Drehbe-wegung zu Boden, wo ich ihn in einem Haltegriff fixierte.

„Hör zu, Meister, ich weiß, du hortest größere Mengen Bargeld. Ich bekomme jetzt von dir genau 14.300 Euro. Also nick schön mit dem Kopf und sag brav Ja.“

Er schüttelte den Kopf und sagte: „Fick dich, Arschgesicht.“

Das erste Prinzip beim Geldeintreiben lautet, dem Schuldner keine Zeit zum Nachdenken geben. Er muss so viel Druck kriegen, dass nur ein einziger Gedanke in seinem Hirn hämmert: zu tun, was ich von ihm verlange. Ich zog den Hebel an, er schrie auf. Ich hob ihn auf die Beine, er schrie lauter. Wir beide marschierten in sein Büro. Der Safe war hinter einem Bild versteckt in die Wand eingelassen. Der Schuldner weigerte sich, ihn zu öffnen. Sein gerötetes Gesicht verriet eine Mischung aus Trotz und Feindseligkeit. Vermutlich besaß er Erfahrung mit Geldeintreibern und ließ sich nicht so leicht einschüchtern.

„Aufmachen. Ich sag’s dir nicht noch einmal.“ Ich flüsterte beinahe, das machte es immer dramatischer.

„14 Lappen. Mann, das sind doch Peanuts!“, krähte er, „ich verschaff dir das Doppelte.“

Das zweite Prinzip lautet, keine Widerworte, und das dritte, keine Diskussion. Gleich zwei Verstöße, die ich sofort ahndete: Ich brach ihm die Zeige- und Mittelfinger seiner linken Hand. Der stechende Schmerz ließ ihn erneut aufheulen. Ihm kamen die Tränen, aber er biss die Zähne zusammen.

„Ich mach den Safe nicht auf.“

Wirklich ein zäher Bursche. Also nahm ich seinen Kiefer in die Hände, schob ihm den Kopf in den Nacken und presste langsam aber stetig meine Daumen in seine Augen. Er brüllte, versuchte meine Hände wegzuziehen. Die Schmerzen wurden wohl unerträglich, denn plötzlich roch es kräftig nach Urin. Mr. Trotzig hatte in seine Boxershorts gestrullt und gab auf. Es dauerte einige Zeit, bis er wieder klar sehen und die Zahlen auf dem Drehknopf erkennen konnte. Dann öffnete er mühsam den Safe. Seine beiden gebrochenen Finger behinderten ihn dabei, er war Linkshänder. Hätte ich vorher dran denken müssen.

Nachlässig von mir.

Und genau in diesem Augenblick summte mein Handy. Für einen Moment abgelenkt, entging mir die kleine Pistole, die oben im Safe auf einem Stapel Papiere lag. Es war beinahe wie in einem schlechten Krimi. Mit einer hastigen Bewegung zielte er auf mich, ich schlug die Waffe herunter und kickte sie unter ein Regal. Der Schuldner bückte sich eilig, um sie aufzuheben. Ich trat ihm in den Arsch. Er knallte mit der Fresse voran in das Regal und blieb wimmernd liegen. Wütend räumte ich einen Armvoll Bücher ab. Schwere, gebundene Hochglanz-Fotobände über Traumstrände und Wunderwerke der Architektur prasselten auf seinen Kopf und Rücken. Ich trat ihn erneut, diesmal in die Rippen. Ihm blieb die Luft weg, nach einem Moment begann er zu japsen und zu würgen. Ich holte die Pistole unter dem Regal hervor. Sie verschoss Gaspatronen und war nicht mal geladen.

„Du Pissnelke“, sagte ich und stellte ihm einen Stiefel auf den Hals. Mein Handy summte die ganze Zeit über. Jetzt nahm ich den Anruf entgegen.

2

„Es gab einen Unfall in der Produktion“, sagte die Stimme von Wiethold Verlmeyer auf meiner Mobilbox, „setzen Sie sich bitte mit Hütter in Verbindung. Vielen Dank.“

Im Hintergrund waren schwach Fangesänge und vereinzelter Jubel zu vernehmen. Der Metzger hatte aus seiner VIP-Loge im Stadion angerufen, was äußerst selten, eigentlich nie vorkam, denn Fußball war ihm eine heilige Sache. Mit Produktion meinte er einen der größten Schlacht- und Zerlegebetriebe Europas auf einem Gelände in den Ausmaßen von 24 Fußballstadien.

Hier lässt der Metzger die Hälfte der 15 bis 16 Millionen Schweine schlachten, die sein Unternehmen jährlich verarbeitet. Um die Fleischfabrik herum dröhnt der Verkehr. Hunderte Diesellaster karren die täglich benötigten rund 30.000 Tiere heran. Hunderte Kühllaster, von deren Aufbauten häufig fröhlich-debil grinsendes Borstenvieh, „Verlmeyer-Fleisch, tierisch frisch“, verkündet, karren tonnenweise das zersägte und zerteilte, das portionierte und eingeschweißte Endprodukt hinaus in die Wurstfabriken und Discountmärkte des Landes.

Zum 50-jährigen Firmenjubiläum spendierte der Metzger sich und seinem Heimatort eine Stadtmarketing-Agentur, damit auch alle Welt erfuhr:

„ … liegt inmitten einer herrlich unberührten Landschaft. Hier bei uns, wo saftige Weiden bis zum Horizont reichen, wo Ähren auf fruchtbaren Feldern im Wind sich wiegen, wo klare Bäche rauschen und grüne Wälder sich erheben, hier bei uns, wo Bauernhöfe im traditionellen Fachwerk ein Leben in ländlicher Idylle verheißen, da gibt es sie noch, die Ursprünglichkeit.“

Sie unterschlugen den zähen Gestank aus Blut, Ammoniak und Verwesung, der bei Windstille über der Kleinstadt hängt.

Ein Grund mehr, warum ich dieses Kaff so verabscheue.

Mit einem grünen A5-Etui aus Lederimitat, darauf der Prägedruck „Raiffeisen-Bank“, darin die 14.300 Euro, wovon sieben Prozent mir gehörten, verließ ich den Bungalow. Der Safe hatte locker 40.000 Euro in bar enthalten, dazu ein paar Aktien und Verträge. Ich zwang den Schuldner, mir den offenen Betrag genau abzuzählen, im Gegenzug erhielt er eine vom Gläubiger im Vorhinein unterzeichnete Quittung. Irgendwelche Ermahnungen konnte ich mir schenken. Typen wie er gingen nicht zur Polizei, sie heuerten höchstens ein paar Schläger an oder schlitzten einem die Reifen auf. Ich verließ die Villa und eilte durch die Dunkelheit zu meinem versteckt geparkten Passat. Kaum bremste ich vor dem Fabriktor, stieg Hütter auf der Beifahrerseite ein.

„Na Brock, schon wieder ‘ne Sadomaso-Sitzung sausen gelassen?“, sagte er mit Blick auf mein Eintreiber-Outfit.

Hütter, Meinolf, Intimus vom Metzger, 51 Jahre alt, ledig. Ehemaliger Fußball-Hooligan, Szenename Gladiator, der noch immer mit kahlgeschorenem Schädel herumlief, seine Springerstiefel und Fan-Kutte allerdings gegen rahmengenähte Budapester und Maßanzüge eingetauscht hatte. Dieser bösartige Pausenclown nannte sich offiziell „Leiter Werkschutz“.

Kommentarlos die Sturmhaube abziehend fragte ich: „Was ist passiert?“

Er reichte mir einen USB-Stick.

„Hier, alles drauf: ärztlicher Bericht, Fotos, Ausschnitte vom Überwachungsvideo, Zeugenaussagen.“

Ich ignorierte den USB-Stick.

„Der Overall eines Ausbeiners hat sich im Transportband verheddert. Eine Torsosäge halbierte ihn“, schob Hütter zur Erklärung nach.

„Üble Sache.“

„Ein dummer Unfall, sag ich doch.“

„Habt ihr keinen Notstopp?“

„Aber klar. Der funktioniert auch einwandfrei. Nur war die Schrecksekunde, eine Sekunde zu lang.“

Unverändert hielt er mir den USB-Stick unter die Nase.

„Und das ist der genaue Unfallhergang?“

„Mann, schreib das so in deinen Bericht und fertig.“

Den Stick nehmend sagte ich: „Hat der Radikale schon was spitzkriegt?“

„Mach bloß ‘n Kopp zu.“

Ich grinste. Hütter konnte mich nicht ausstehen. Da war er nicht allein. Zieh ‘ne Nummer und stell dich hinten an.

Der Metzger hatte seit einigen Monaten Probleme mit ‘nem radikalen Aktivisten. Der verteilte Pamphlete und passte nach Schichtende die Rumänen ab, um sie aufzuwiegeln. Er veranstaltete sogar Demonstrationen, bei denen er einsam mit einem Protestschild vor dem Fabriktor hin und her marschierte. Ich weiß nicht, wie oft ich ihn einsammeln und zur Besinnung in die Zelle stecken durfte. Der kleine Pisser wollte nicht aufgeben, obwohl er ständig auf die Fresse bekam. Mittlerweile gärte es unter den Rumänen in der Fleischfabrik. Dem Metzger war klar, es bedurfte nur eines Funkens für einen Flächenbrand. Darum sollte ich die Unfallermittlungen schnellstens beerdigen, sonst hätte er nicht persönlich angerufen. Es stand zu viel Geld auf dem Spiel, und bei Kohle hörte der Spaß auf.

Nur falls ihr es noch nicht kapiert habt, der Wille des Metzgers ist in dieser Gegend Gesetz. Ihm gehört hier alles. Auch ich gehörte ihm: Polizeihauptkommissar Klaas Brock, Leiter der hiesigen Polizeiwache. Bis vor wenigen Tagen noch war ich sein Sheriff, gab für ihn den Ausputzer. Heute wollte er meinen Kopf. Am liebsten auf einem Silbertablett, mit ausgestochenen Augen und meinem Schwanz zwischen den Zähnen.