DESPERADO – Leseprobe

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Er träumte von Revolution, Ruhm oder Reichtum. Die Revolution geschah wie immer anderswo und ohne ihn, und die Lage war unrühmlich. Was blieb, war der Reichtum. Und den hielt der Mann, der sich Roland Burget nannte, soeben in seiner Hand: zehn Diamanten um die 1,23 Karat, die meisten in der Farbkategorie G und in den Reinheitsstufen VS1 oder VVS2. Geschätzter Wert, in der Währung des Imperiums, über einhunderttausend Dollar. Erlöst bei einer ganz und gar kriminellen Transaktion, die Burget nach langer Durststrecke wieder auf die Beine bringen sollte. Heute waren sie seine eiserne Reserve, an der er ebenso eisern festhielt.

Genau genommen hielt er nicht die Diamanten in der Hand, sondern einen Stöpsel, ein Röhrchen aus hochverdichtetem Kunststoff, in dem diese sich befanden. Zwei Zentimeter im Durchmesser und sieben Zentimeter lang, wog es nur wenige Gramm. Es war garantiert rostfrei und hatte einen praktischen Schraubverschluss mit Gummidichtung und abgerundete Enden. Letztere erhöhten den Tragekomfort. Denn in diesem Augenblick, nach verrichtetem Geschäft, musste der Stöpsel wieder zurück an seinen angestammten Aufbewahrungsort – in den Enddarm von Burget. Gar nicht so einfach, mitten in der Nacht, im stockfinsteren Dschungel und ohne Lampe.

„Du bist ziemlich am Ende, wenn du in Afrika am Arsch bist“, hatte ihm einst ein versoffener Söldner, der 1999 in Sierra Leone marodierenden Westside-Boys entkam, in einer Absteige im Südsudan mit auf den Weg gegeben und bekräftigend einen Gin Tonic gekippt. Vermutlich zur Keimabtötung.

Weise Worte, wie sich herausstellen sollte.

Der Mann, der sich Roland Burget nannte, war nämlich in Afrika, und er war voll am Arsch. Mit dem Gedanken, ziemlich am Ende zu sein, wollte er sich jedoch nicht abfinden. Darum schoss er dem jungen Schwarzen, der plötzlich unmittelbar vor ihm auftauchte, zwei unterschiedliche Flip-Flops an den nackten Füßen, eine zerrissene gelbe Hose um die mageren Beine und ein viel zu weites Lakers-Shirt am dürren Leib, und der genau in diesem Moment ein PK-Maschinengewehr hochriss, in die Brust. Aus drei Metern Entfernung hatte das 7,62×39-mm-Stahlmantel-Projektil, das mit 731 Metern pro Sekunde und einer kinetischen Wucht von 700 Kilogramm den Lauf von Burgets Sturmgewehr verließ, eine verheerende Wirkung.

Der nachfolgende Lärm des Schusses war nicht minder verheerend. Plötzlich starteten Motoren, tauchten Scheinwerfer das Gelände in gleißendes Licht, schrien bewaffnete Rebellen laut durcheinander, während sie wahllos die Magazine ihrer veralteten AK-47-Nachbauten leerfeuerten, und Burget war ziemlich am Ende. Für ihn sprachen dreißig Schuss Munition, jede Menge verzweifelter Entschlossenheit und dass die Rebellen Kindersoldaten waren. Zu Mord, Vergewaltigung und Kannibalismus gezwungen, vollgepumpt mit Drogen und gefährlich wie eine Horde tollwütiger Hyänen. Trotzdem nur Kinder. Querschläger flogen durch die Gegend, durchschlugen Hütten, Tierleiber und wild hin und her rennende Menschen. Um ihn herum herrschten Gebrüll, Stöhnen, Todeskampf.

Auf der Suche nach Deckung robbte Burget über den Waldboden. Maschinengewehrgarben hämmerten rechts und links neben ihm ins Erdreich. Er wurde am Kopf getroffen. Lehm spritzte hoch, fiel prasselnd nieder und begrub ihn unter sich . . .