EHRENSACHE – Finale


2

Als die beiden Wachmänner mit dem Rollcontainer den Aufzug verließen, blickten sie in zwei Pistolenläufe. Sie versuchten erst gar keine Gegenwehr, sondern hoben die Hände und gingen freiwillig auf die Knie. Von der mangelnden Gegenwehr beflügelt, schlug der dünne Räuber ihnen mit dem Lauf seiner Waffe auf die Schädel, so dass beide stöhnend zusammensackten. Dann nahmen sie den wehrlosen Wachmännern die Waffen ab, fesselten und knebelten sie und schoben den Rollcontainer mit dem Bargeld eilig zum wartenden Geldtransporter. Der Fahrer hatte bereits die Tür geöffnet, als er bemerkte, dass die Ankömmlinge weder Panzerwesten noch Waffenholster trugen und auch sonst nicht seinen Kollegen glichen. Bei dem Versuch, die Dienstpistole zu ziehen, bekam er eine Kugel in den Hals. Während der Fahrer ausblutete, übernahm Vilal das Steuer. Der Geldtransporter durchbrach die Schranke und verschwand in der Nacht. Die beiden Fluchtfahrzeugwechsel fanden zunächst wie geplant statt. In dem Moment jedoch, als Clemens die Brandbombe in den Kangoo werfen wollte, rollte eine Polizeistreife auf den Pendler-Parkplatz. Die Polizisten stellten den dünnen Mann zur Rede. Ihr Fehler war es, Vilal zu übersehen. Er schoss sie von hinten nieder. Der Opel entkam unerkannt.

Ein Polizist verstarb noch am Tatort. Der zweite lag nach einer Notoperation im Maria-Hilf-Krankenhaus auf der Intensivstation. Seine Überlebenschancen standen nicht gut, wie Brock aus dem digitalen Polizeifunk erfuhr. Dass nach den Tätern weitläufig gefahndet wurde, aber bisher noch jede Spur fehlte, erfuhr er ebenfalls.

„Scheiße. Scheiße. Scheiße”, brüllte Vilal und hämmerte auf das Lenkrad.

„Ich dachte, jetzt ist alles aus. Die Bullen bringen mich um und kassieren unser Geld”, sagte Clemens.

„Scheiße,” sagte Vilal, dieses Mal ohne auf das Lenkrad zu hämmern.

Danach schwiegen die beiden eine Weile und überlegten. Als sie sich entschieden hatten, auf direktem Wege abzuhauen, schellte das Einweg-Handy: Brock.

„Auf der Flucht braucht man jeden Cent”, sagte Clemens und ließ das Handy bimmeln.

„Scheiße. Soll der Kerl uns erst einmal finden.”

„Und dann uns erst einmal die Kohle abnehmen. Was hat der denn schon gemacht?”

„Wir haben das Ding durchgezogen. Wir haben die Wachmänner und die Bullen ausgeschaltet. Wir tragen das ganze Risiko.”

„Jetzt erst recht.”

„Das Arschloch soll nur kommen”, sagte Vilal und schaltete das Einweg-Handy aus.

„Wir müssen das Teil bei nächster Gelegenheit entsorgen”, sagte Clemens.

„Gute Idee.“ Vilal warf das Teil aus dem Fenster.

„Gimme five“, sagte Clemens. Sie klatschten sich ab.

Zu dem Zeitpunkt telefonierte Brock bereits mit Rohan. Aber sein Mittelsmann wusste von nichts.

„Sag ihnen, dass sie ihre Verbindlichkeiten zu erfüllen haben. Und sich besser schleunigst melden.”

Rohan versicherte ihm, er werde sich dafür einsetzen. Nur darauf allein durfte Brock sich nicht verlassen. Offene Forderungen mussten beglichen werden, sonst sprach sich das rum. Ein schlechter Ruf schadete dem Geschäft. Geldeintreiben war Ehrensache. Im Hüftholster eine 9mm Beretta 92 G, mit 15 Schuss im Magazin, im Fußholster einen S&W 642 Revolver, mit 5 Schuss in der Trommel, begab der Fixer sich auf die Suche nach seinem Geld.

Die Einkaufszentrum-Räuber kamen nicht sehr weit. Um halb eins hielten sie vor der animierenden roten Neonreklame eines Landbordells. Sex entspannte und schaffte einen klaren Kopf. Ein paar Linien Koks beschleunigten die Denkprozesse. Zügig die überschüssige Energie aus dem Leib gefickt, spendierten sie sich anschließend einige Runden Bier und den Damen Champagner. Später pinkelte Clemens mit den Worten, „du weißt gar nicht, was dir entgeht, schmeckt besser wie Sekt”, in einen überquellenden Mülleimer zwischen benutzte Gummis und verklebte Kleenex-Tücher. Die Nutte nannte ihn lachend eine Dreckssau und forderte für die Extraeinlage einen Zuschlag. „Fass mal ‘nen nackten Kerl in die Tasche, Mäusken“, sagte Vilal und schob seinen johlenden Kumpel unter die Dusche. Vor der Abfahrt warfen Clemens und Vilal zur Sicherheit eine Handvoll Dexamin-Tabletten ein und spülten sie mit Café Crema runter. Bis Spanien würden sie sechzehn Stunden benötigen. Sie wollten durchfahren.

Es war bereits gegen Mittag, als die beiden Männer den Puff verließen und in ihren Opel stiegen. Da fixierte Brock sie in der Zielskalierung seines Fernglases. Es war richtig gewesen, Clemens zu misstrauen und einen GPS-Sender unter dem linken hinteren Kotflügel des Opels anzubringen. Zu ihrem Aufenthaltsort hatte er kaum eine halbe Stunde benötigt und seitdem zweihundert Meter von dem Landbordell entfernt in seinem Passat auf sie gewartet. Er wollte kein Aufsehen erregen, vor aber allem keine Zeugen. Ungefähr fünfzehn Minuten fuhren sie bereits über Land Richtung belgische Grenze. Brock blieb immer außer Sichtweite. Plötzlich zog der Opel an den Straßenrand. Der dünne Clemens sprang hinaus, lief trippelnd ein Stück weit auf ein Feld und pinkelte. Er brüllte dabei laut: „Mann, tut das gut, tut das gut.”

Brock stoppte seinen Passat hinter dem Opel. Vilal schnupfte Koks von einem kleinen Löffel, als der Fixer die Fahrertür öffnete und die Beretta auf ihn richtete. Der Mann aus dem Kosovo hatte eine der NVA-Pistolen im Schoß liegen.

„Hände hinter den Kopf verschränken”, sagte Brock zu Vilal.

Der gehorchte. Das Koks rieselte von dem kleinen Löffel hinab auf sein viel zu enges Sakko.

Den Kopf gesenkt, das Sweatshirt hochgezogen und unters Kinn geklemmt, stapfte Clemens zurück zum Opel, bemüht konzentriert, die Knöpfe am Hosenschlitz seiner Jeans zu schließen. Es wollte ihm nicht recht gelingen. Als er Brock bemerkte, gab er seine Bemühungen auf.

„Mein Geld”, sagte der Fixer.

„Dein Plan war scheiße, nix lief wie du‘s versprochen hast”, sagte Clemens, der einen Meter von der offenen Beifahrertür entfernt mit offener Hose stehengeblieben war.

„Ihr habt den Laden ausgeräumt, ich kriege mein Geld. So läuft das.”

„Ich mache dir ein Angebot”, sagte Vilal, „wir schenken dir zehn Riesen und du verschwindest. Oder willst du uns abknallen? Mann, denk nach, ich bin Albaner. Meine Familie macht dich kalt. Wir wissen, wer du bist. Sei lieber schlau. Du bist doch schlau. Ja? Dann nutze deine Chance.”

„Du weißt genau, das wird nicht passieren. Gegenangebot: Ihr gebt mir jetzt mein Geld und wir trennen uns als Freunde”, sagte Brock, der wenig Lust auf eine Schießerei hatte und sich wünschte, Vilal und das Arschloch würden keine Dummheiten machen.

Mit einem Schritt erreichte Clemens den Opel und griff nach der Pistole, die im Seitenfach der Beifahrertür steckte. Im selben Moment hob Vilal seine Waffe. Brock drückte zweimal ab. Die erste Kugel tötet Vilal, die zweite Clemens.

Die lauten Schüsse schreckten ein paar Krähen auf.

Der Fixer blickte sich um. Er befand sich auf einer einsamen Landstraße, inmitten kahler Felder und vereinzelter Waldstücke, deren Bäume noch nicht alle Blätter verloren hatten. Er schien allein. Aber war er auch unbeobachtet? Er lud die Leichen auf die Ladefläche seines Passat-Kombis, die er zuvor mit Plastikfolie auslegte. Die Geldkiste stellte er in den Fußraum auf der Beifahrerseite und warf eine Jacke darüber.

Es dauerte einige Stunden, bis Brock einen geeigneten Ort im Wald gefunden und beide Leichen vergraben hatte. Es war bereits stockdunkel, als er langsam einen holprigen Forstweg entlang schaukelte und schließlich wieder die Landstraße erreichte. Der Passat beschleunigte. Jetzt endlich schaltete der Fixer das Licht ein.

Das große Zittern setzte erst später ein. Zuhause, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte und Kotzen gegangen war. Brock hockte auf dem Badezimmerboden, betätigte die Klospülung und dachte nach. Clemens’ Tod interessierte niemanden, doch selbst wenn Rohan ihm glauben würde, Vilals Familie müsste handeln. Blutrache war Ehrensache.

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