EINE KERZE FÜR RAY

Vor 60 Jahren starb Raymond Chandler. Zwei Generationen später frage ich mich, wer ihn heute wohl noch kennt, geschweige denn liest?

KURZBIO FÜR DIE GENERATION TWITTER

Geboren am 23. Juli 1888 in Chicago, Illinois. Muttersöhnchen, vom Vater zu früh verlassen, aufgewachsen in England, Public School Erziehung, poetische Gehversuche als Teenager, Freiwilliger im 1. Weltkrieg. Danach Buchhalter in den Ölindustrie, schafft es zum Vice President (Abteilungsleiter). Alkoholiker, heiratet nach dem Tod von Mama eine 17 Jahre ältere Frau, die er betrügt, wenn er säuft – wofür er sich nüchtern schämt. Bringt sich mit 45 Jahren das Schreiben von Pulp Stories bei, indem er eine Geschichte von Earl-Stanley Gardener nacherzählt. Wird bei Black Mask veröffentlicht, gilt schnell als legitimer Erbe von Dashiell Hammett. Mit 50 Jahren erscheint der erste Roman „The Big Sleep“ bei Alfred Knopf. Welterfolg mit Privatdetektiv Philip Marlowe. Drehbuchschreiber in Hollywood, kooperiert mit Billy Wilder bei Double Indemnity. Einer der meist imitierten Autoren des 20. Jahrhunderts. Stirbt am 26. März 1959 in La Jolla, Kalifornien.

Promoshot: Der Hardboiled-Schreiber wirbt für sich selbst

Jörg Fauser schätzte an Raymond Chandler besonders die Meisterschaft dessen, was er das Set nannte, die atmosphärische Beschreibung einer Szene, zugleich das Set-up einer Situation. Für Jean-Patrick Manchette war Chandlers The Big Sleep der Endpunkt der Formsprache des Roman Noir, die zehn Jahre zuvor mit Hammetts Red Harvest begann.

Was macht Chandlers Schreibe so besonders?

DETAILS UND RHYTHMUS …

The sidewalk in front of it had been built of black and white rubber blocks. They were taking them up now to give to the government, and a hatless pale man with a face like a building superindendent was watchig the work and looking as if it was breaking his heart. -The Lady in the Lake, 1943

(Der Bürgersteig davor bestand aus schwarzen und weißen Gummiblöcken, die aufgenommen wurden, um sie der Regierung zu geben. Ein blasser Mann ohne Hut, mit dem Gesicht eines Hausverwalters, schaute der Arbeit zu und sah dabei aus, als würde es ihm das Herz brechen.)

HUMOR …

Werbeschild in der Windschutzscheibe eines Sheriffs, der zur Wiederwahl antritt: VOTERS, ATTENTION! KEEP JIM PATTON CONSTABLE. HE IS TOO OLD TO GO TO WORK. -The Lady in the Lake, 1943

(WÄHLER, AUFGEPASST! JIM PATTON MUSS CONSTABLE BLEIBEN. ER IST ZU ALT ZUM ARBEITEN!)

ATMOSPHÄRE …

The phone clicked in my ear. I hung up. For no reason a pencil rolled off the desk and broke its point on the glass doo-hickey under one of the legs. I picked it up an slowly and carefully sharpened it in the Boston sharpener screwed to the edge of the window frame, turning the pencil around to get it nice and even. I laid it down in the tray on the desk and dusted off my hands. I had all the time in the world. I looked out of the window. I didn’t see anything. I didn’t hear anything. -The Little Sister, 1949

Reisserischer Paperback-Titel

(Das Telefon klickte in meinem Ohr. Ich hängte ein. Ohne Grund rollte ein Bleistift vom Tisch und brach seine Spitze an dem gläsernen Dings unter einem der Tischbeine ab. Ich hob ihn auf und spitzte ihn langsam und sorgfältig in dem Bostoner Anspitzer, der am Rande des Fensterrahmens befestigt war, drehte den Bleistift dabei, damit es schön gleichmäßig wurde. Ich legt ihn in die Ablage auf dem Tisch und wischte mir den Staub von den Händen. Ich hatte alle Zeit der Welt. Ich schaute aus dem Fenster. Ich sah nichts. Ich hörte nichts.)

PHILIP MARLOWE …

„I’m a licensed private investigator and have been for quite a while. I’m a lone wolf, unmarried, getting middle-aged, and not rich. I’ve been in jail more than once and I don’t do divorce business. I like liquor and women and chess and a few other things. The cops don’t like mir too well, but I know a couple I get along with. I’m a native son, born in Santa Rosa, both parents dead, no brothers or sisters, and when I get knocked off in a dark alley sometime, if it happens, as ist could to anyone in my business, and to plenty people in any business or no business at all these days, nobody will feel that the bottom has dropped out of his or her life.“ -The Long Goodbye, 1953

(Ich bin ein lizensierter Privatdetektiv und das schon eine ganze Weile. Ich bin ein einsamer Wolf, unverheiratet, werde langsam grau und bin nicht reich. Ich war mehr als einmal im Knast und ich mache keine Scheidungssachen. Ich mag Alkohol und Frauen und Schach und noch ein paar andere Dinge. Die Bullen mögen mich nicht besonders, ich kenne aber ein paar mit denen ich klar komme. Ich stamme von hier, geboren in Santa Rosa, beide Eltern tot, keine Brüder oder Schwestern, und wenn ich in einer dunklen Gasse umgehauen werde, falls sowas passiert, wie es jedem passieren kann in meinem Geschäft, oder vielen anderen Leuten in jeder Art von Geschäft oder gar keinem Geschäft heutzutage, wird niemand das Gefühl haben, der Boden hätte sich unter seinen oder ihren Füßen aufgetan.)

VOR ALLEM ABER DER BLUES …

Hauptsache es verkauft sich

Driving home, I thought about him. I’m supposed to be tough but this one bothered me. I didn’t know why, unless it was the white hair and the scar and the clear voice. There was no reason I should see him again, though. He was just a lost dog, like the woman said.

(Auf der Fahrt nach hause dachte ich an ihn. Angeblich bin ich hartgesotten, aber der hier beschäftigte mich. Ich wusste nicht warum, wenn es nicht das weiße Haar war und die Narbe und die klare Stimme. Es gab jedenfalls keinen Grund ihn wiederzusehen. Er war ein verlorener Hund, wie die Frau gesagt hatte.)

Oder

It bothered me and he bothered me, too, although I couldn’t understand exactly why. Any more than I knew why a man would starve and walk the streets before he’d sell a suitcase. Whatever his rules were, though, he played by them.

(Es beschäftigte mich und er beschäftigte mich, obwohl ich nicht genau verstand warum. Genauso wenig wusste ich, warum ein Mann lieber hungerte und durch die Straßen wanderte, als einen Koffer zu verkaufen. Was immer seine Regeln waren, er befolgte sie.)

Oder

I began thinking I liked him better drunk, hungry and beaten and proud. That night, he would have told me the story of his life if I’d asked him. If I had asked, and if he had told me, it might have saved a couple of lives. It might have.

(Ich begann zu denken, dass ich ihn lieber betrunken mochte, hungrig und geschlagen und stolz. In dieser Nacht hätte er mir die Geschichte seines Lebens erzählt, wenn ich ihn gefragt hätte, und wenn er sie mir erzählt hätte, hätte es vielleicht ein paar Leben gerettet. Vielleicht hätte es das.)

Oder

So forget it and me. But first drink a gimlet for me at Victor’s. And the next time you drink coffee, our me a coup and put some bourbon in it and light me a cigarette and put it beside the cup. And after that forget the whole thing. Terry Lennox over and out. And so goodbye. – I did what he asked me to do, sentimental or not.

(Also vergiss es und mich dazu. Aber zuerst trinke einen Gimlet für mich bei Victor. Und das nächste Mal wenn du Kaffee trinkst, schenk mir eine Tasse ein und gib einen Schuss Bourbon dazu und zünde mir eine Zigarette an und leg sie neben die Tasse. Und danach vergiss die ganze Sache. Terry Lennox, aus und vorbei. Mach es gut. – Ich tat, um was er mich gebeten hatte, sentimental oder nicht.)

-alle Zitate aus The Long Goodbye

Ray hatte den Blues eines Mannes, der zwangsweise in Armut lebte, weil er den Alkohol zu sehr mochte, der ihn seine Managementkarriere kostete. Ein Mann, der Frauen anbetete, obwohl ihm nach ihnen gelüstete, voller Hemmungen, Selbsttäuschungen und verklemmten Begierden, die er hinter der Maske des harten Zynikers verbarg. (Wer alle Frauen begehrt, vor allem die Blonden, der hat offenbar gar keine verdient. Marlowe kasteit sich, wie Ray sich kasteite, wenn er soff und nach den hübschen Sekretärinnen schielte.) Ein Mann, der sich Freunde und Freundschaft wünschte, aber zurückgezogen mit seiner Ehefrau lebte. Dessen Tage und Nächte von Einsamkeit geprägt waren, die er sich nicht anmerken ließ und der er ständig zu entfliehen versuchte, was ihm jedoch nie gelang.

Je mehr Rays Alter-Ego Marlowe hard boiled daher kommt, desto mehr lügt er. In Wahrheit leidet er an der Ungerechtigkeit der Welt, viel mehr noch an der eigenen Ohnmacht, nichts daran ändern zu können. Darum ist er auch ein Privatdetektiv. Seine Aufträge sind kleine Ersatzfeldzüge für die „Gerechtigkeit“, die dazu irgendwie ständig scheitern. Marlowe triumphiert nicht, er klärt auf und immer bleibt ein schaler Geschmack im Mund zurück. Er bringt auch niemanden aufs Schafott, die Täter werden meistens vorher vom Tod „erlöst“. Am liebsten ermittelt Marlowe für wenig oder gar kein Geld. Denn er ist kein echter selbständiger Kleinunternehmer, vielmehr ein eigenständiger Bußgänger. Seine vermeintliche Hilfe für die Klienten erscheint mir in Wahrheit wie die Abbitte eines weißen Ritters voller „Fehl und Tadel“, der sich für seine Schwächen und Triebhaftigkeit schämt. Romantische Helden lehnen Geld bekanntlich ab, ja sie verachten es. Marlowe ebenso. Doch er ist pragmatisch. Er benötigt gezwungener Maßen Geld, um weiterhin den Ritter spielen zu können.

Ein weicher Doller wendet den Sturm ab – Marlowe Maxime zu Geld

Wenn der melancholische Held sich in einen Fall vertieft, flüchtet er zugleich vor der erschreckenden Realität der Welt da „draußen“, die ihn mit sich selbst konfrontiert. Die sinnstiftende Welt der Ermittlungen fokussiert seinen Blick. Hier schaut er genau hin, weil er den Blick nicht abwenden darf. Der einsame Marlowe lebt gewissermaßen erst durch die anderen. Das wird vor allem in den Roman-Passagen deutlich, in denen Marlowe nicht arbeiten kann, weil er keinen Klienten hat. Dann hockt er in seinem Büro, ohne Sekretärin, dafür mit elektrischem Türöffner, und wartet auf Godot.

Cervantes schreibt über Don Quijote, dass er „vom Lesen der Rittergeschichten derart verrückt im Kopf geworden sei, dass er sich bald selbst als Held und Ritter wähnte und es ihm danach gelüstete zu eigenen Abenteuern aufzubrechen“. Im Gegensatz zum Ritter Don Quijote weiß der Ritter Philip Marlowe um die Vergeblichkeit seines Tuns. Was aber nichts an seinem – ich möchte fast sagen – zwanghaften Handeln ändert. Natürlich könnte man das alles auf sein geringes Einkommen schieben. Er muss malochen, damit die Miete rein kommt. Stimmt halt nicht. Marlowes Los ist selbsterwähltes Elend. Darum der Alkohol, darum der Blues.

Den wohl besten Soundtrack zu einem Raymond-Chandler-Roman liefert der frühe Tom Waits. (Waits war bei seiner erste Platte 1973 schon Retro, bevor es diesen Begriff überhaupt gab.) Small Change und Blue Valentine, haben die genau die richtige Mischung aus Melancholie und Pathos, Alkohol und Verbrechen, Ironie und Sehnsucht. Ein Song wie Invitation to the Blues, quillt förmlich über vor sehnsüchtigem Verlangen.

Der größte Lustgewinn für Philip Marlowe liegt vielleicht in diesem Sehnen verborgen. Der stille Verzicht auf Erfüllung, ist der wahre Genuss für den „Leidenden“. Denn mit der Erfüllung seiner Begierden, würde die Vorstellung, sein Selbstbild vom weißen Ritter zerstört. Möglicherweise ist sich der Held dessen sogar intuitiv „bewusst“ und stemmt sich deshalb dagegen an, in dem er sich in seiner Melancholie suhlt. Marlowe verkörpert das romantische Ideal seines Schöpfers, mit dem Ray sich selbst aus der Banalität und Impotenz seiner Existenz in die Welt des Mythos erhob.

Im wirklichen Leben war Chandlers Ehefrau Cecilia, Cissy, die treue Gefährtin und größte Unterstützung für sein literarisches Streben. Bei all seinen Fluchten und Eskapaden – ob in der Ölindustrie und später in Hollywood – umsorgte er sie, wie er von kleinauf seine Mama umsorgte. The Long Goodbye entstand während Chandler seine bereits betagte und kranke Frau pflegen musste. Der ganze Roman handelt von Verlust und Trauer, von unerfüllter Liebe und vergeblicher Freundschaft, vom Scheitern der eigenen Sehnsüchte. Sein Titel ist Programm. Die erste Fassung wurde von seiner Agentin und seinem US-Lektor als zu weich und wehleidig abgelehnt. „Das ist nicht Philip Marlowe“, schrieben sie und schlugen Änderungen vor. Chandler gab beiden recht und schrieb den Roman komplett um. Die Neufassung war die Krönung seines Schaffens. Trotzdem trennte er sich von Agentin und Lektor. Ihre berechtigte Kritik war für ihn ein Verrat.

Kein Klischee wird ausgelassen

Nach Cissys Tod verlor Chandler den Boden unter den Füßen: Er trank wieder unkontrolliert und verliebte sich in jede Frau, die ihm ein wenig Sympathie entgegen brachte. Später verübte er im Suff einen dilettantischen Selbstmordversuch, der von der Polizei in La Jolla unter dem Deckel gehalten wurde und überlegte nach England – dem Land seiner Kindheit – überzusiedeln. Mit dem Schreiben lief es nicht mehr, wie der unsägliche letzte Roman Playback von 1958, ein umgestricktes, altes Drehbuch, beweist. In dem fand Marlowe – wahrscheinlich von Rays eigenem Wunsch nach Liebe und Geborgenheit getrieben – schließlich sein privates Glück (und reich war sie auch noch). Was dem Alter-Ego gelang, blieb Ray versagt. Er starb vernachlässigt und allein an einer Lungenentzündung.

Eine Kerze für dich, Ray, zum Dank, weil du uns durch lange, einsame Nächte bringst.

LESEMUSS:

-The Big Sleep

-Farewell My Lovely

-The Lady in the Lake

-The Little Sister

-The Long Goodbye

FÜR HARDCORE-FANS:

-The High Window – ganz okay

-Playback – kann man getrost vergessen

FÜR AFFICIONADOS:

-Raymond Chandler speaking, Briefe – große Klasse!

-The Life of Raymond Chandler, Frank MacShane – sehr detailliert und kenntnisreich, wirklich empfehlenswert

P.S. Zu den deutschen Übersetzungen und Ausgaben kann ich nichts sagen, die obigen Auszüge habe ich selbst übertragen.

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