LEOs REVOLTE – dialektische Abenteuer eines Heftromanschreibers (1)

HEUTE: Wie Leo Engels wieder auf den Rex kommt und aller Verweigerung zum Trotz, ins große Strenggeheimagenten-Heftromanabenteuer taumelt. Wahrheitsgetreu und ungeschönt in der Dritten Person aufgezeichnet vom Schreiber selbst . . .

INNEN. WOHNUNG LEO UND ROSA, WOHNZIMMER – TAG

Roter Morgenmantel, Schlafanzug, Puschen an den Füßen, Mehrtagebart, ganz der Boheme, läuft LEO auf und ab. Er schwadroniert larmoyant, an sich und der Welt leidend.

LEO: Geben wir beide uns nicht länger seifigen Illusionen hin.
(beat) Ich bin einfach nicht der, für den du mich hältst, Rosa.

Ehefrau ROSA, Lesebrille auf der Nase, ist konzentriert über Designmuster und Inneneinrichtungsentwürfe gebeugt.

ROSA (ohne wirklich hinzuhören): Hhmmm.

LEO: Es ist an der Zeit, der Wahrheit in die grausame Fratze zu blicken, auch wenn es schmerzt.

ROSA: Hhmmm.

LEO: Es tut mir leid.

ROSA: Hhmmm.

LEO: Ich habe dich enttäuscht.

Er lässt seinen Körper schwer auf ein Sofa fallen und seinen Kopf nach unten hängen.

LEO: Ich bin unfähig.

ROSA: Hhmmm.

LEO: Ich bin gescheitert.

ROSA: Hhmmm.

LEO: Und es ist dir scheißegal.

ROSA: Hhmmm.

Das Telefon läutet. Kraftlos streckt Leo einen Arm aus. Doch reicht seine Hand nicht bis zum Apparat. Rosa macht keine Anstalten aufzustehen und anzunehmen. Leo seufzt, rafft sich schließlich hoch und tritt ans Telefon.

LEO (schwermütig): Ja … ?

Eine euphorische, sich überschlagende Frauenstimme dringt aus dem HÖRER. Erschrocken hält Leo den Hörer von sich.

LEO (beat, dann laut in Hörer): Ich schreibe große Literatur, gewaltig, tiefgründig, episch!

ZACK! Eingehängt. Leo lässt sich wieder ins Sofa fallen. Rosa hebt den Kopf und schaut ihn über die Lesebrille hinweg an. Leo legt einen Handrücken über die Augen, eine theatralische Geste erschöpfter Verzweiflung.

ROSA: Wer war das?

LEO: Eine hysterische Frauenstimme.

ROSA: Was wollte sie?

LEO: Mich. (beat) Als ob ich so billig zu haben wäre.

ROSA: Wofür zu haben?

LEO: Das willst du doch gar nicht wissen.

Rosa fixiert ihn, bis er wegsieht.

LEO: Nicht, was du wieder denkst. Irgend so eine Junglektorin.

ROSA: Und von welchem Verlag?

LEO (richtet sich empört auf): Was glaubt die, wer ich bin? Hä? Einer dieser Schmierenschreiber?

Rosa gibt ihm unvermindert einen strengen Blick.

LEO: Burg-Verlag.

ROSA: Die wollen wieder was von dir?

LEO: Das habe ich auch gesagt.

ROSA: “Gewaltig, tiefgründig, episch”, hast du gesagt.

LEO: Einfach lächerlich, als ob die mich mit sowas locken könnten.

ROSA: Mit was locken?

LEO (leise): Rex Magnus soll wieder aufgelegt werden.

ROSA: Sag bloß, du bist dir dafür zu fein?

LEO: Ich schreibe nur noch-

ROSA (unterbricht): Du schreibst gar nichts.

LEO: Du bezweifelst mein Talent?

ROSA: Ich bezweifle deinen Erfolg.

LEO: Ach, auf einmal?

ROSA: Nach zehn Jahren und über 100 verworfenen Romananfängen-

LEO (dazwischen): Red du nur.

ROSA (unbeirrt weiter): Worin genau besteht dein Talent?

LEO: Als ob’s dich interessiert? Dich beschäftigt doch nur deine eigene Karriere.

ROSA: Es ist an der Zeit, der Wahrheit in die grausame Fratze zu blicken.

Sie steht auf und geht zum Telefon, hebt ab.

LEO: Was hast du vor?

ROSA: Dir deine Selbstachtung zurückgeben, Leo.

Sie drückt auf eine Taste. Der Apparat wählt.

LEO: Eher hacke ich mir die Hände ab.

Rex Magnus muss heraus aus dem Schatten

INNEN. KONFERENZRAUM VERLAG – TAG

Die uns bekannte, sich euphorisch überschlagende Stimme:

FABIANE (off): REX MAGNUS – unser Held in der Zukunft, erschien 50 Jahre lang ohne Unterbrechung …

In militanter Anarchisten-Montur, grüne Kampfjacke, Jeans, Springerstiefel und Ray-Ban Sonnenbrille, fläzt Leo sich in einen Sessel vor einem Konferenztisch. Er schaut teilnahmslos, gelangweilt. Ein Pflichttermin.

FABIANE (off): … Das wäre nicht nur gewaltig, das wäre auch episch, sagte der Verleger wörtlich.

LEO: Wäre? Konjunktiv?

Ihm gegenüber, auf einer Staffelei, steht ein großes gemaltes Bild. Es zeigt den unverschämt grinsenden STRENGGEHEIMAGENT REX MAGNUS, in Anzug, Krawatte, weißem Hemd. Eine halbnackte Frau klebt an ihm wie Modeschmuck.

FABIANE (off): Ist. Nominativ. (beat) Mehr als zwölf Jahre davon dank
Ihrer großartigen Schreibe.

Leo kann den Kerl nicht anschauen, die Frau, die ihm gegenüber sitzt, schon eher: Junglektorin FABIANE WELPE.

FABIANE: Das waren die erfolgreichsten Jahre unserer Romanserie, Leo.

LEO: Unserer? Damals kannten sich Ihre Eltern doch noch gar nicht.

FABIANE: Rex Magnus begeistert alle Leser, Generationen übergreifend.

LEO: Nur Analphabeten begeistert eine Comicfigur ohne Tiefe.

FABIANE: Tiefe an der Oberfläche! Gerade das ist Ihr besonderes Talent.

LEO: Was für eine üble Verleumdung. Wer redet so’n Blödsinn? Der Verleger?

FABIANE: Der Verleger weiß Sie wirklich sehr zu schätzen, Leo.

LEO: So? Soll er mir mal ins Gesicht sagen.

FABIANE: Er bewundert Sie mehr aus der Ferne. (beat) Sie sind für ihn der Recharge-Man.

Fabiane lächelt ihn an.

LEO (schiebt Sonnenbrille hoch, vertraulich): Kokst er immer noch so viel?

FABIANE (überspielend): Äh, er sagte wörtlich: “Bringt mir den Engels! Der Mann ist ein Genie.”

LEO: Und schon ist der Recharge-Man da! (beat) Ihr wollt mit diesem stinkenden Comic-Kadaver bestimmt irgendeinen Retrotrend reiten und abkassieren. Meinen Segen habt ihr. Nur, Kleines, was immer die Koksnase auch verzapft, ich bin für euren Recharge völlig ungeeignet.

FABIANE: Aber Sie sind hier.

LEO: Nur um dich persönlich abzuschrecken. Im Ernst.

Fabiane lächelt ihn unvermindert an.

LEO: Ich trinke, ich halte keine Abgabetermine ein, frag meine Frau. Wochenlang schreibe ich wie im Wahn immer die gleichen Sätze, manchmal schreibe auch nur ein einziges Wort, wieder und wieder, nur um dann alles zu zerfetzen.

FABIANE: Einfach löschen reicht nicht?

LEO (glaubt’s nicht): Einfach löschen! Ich schreibe mit Papier und Bleistift, und dann zerfetze ich es mit diesen Händen!

Leo betrachtet seine Hände. Fabiane kichert.

LEO: Ich sollte sie mir abhacken.

FABIANE: Sie haben soviel Leidenschaft.

LEO: Kleines, Rex Magnus ist so tot wie das totalitäre kapitalistische
Dreckssystem, unter dem wir auf diesem Planeten leben müssen.

FABIANE: Ja, das ist es, Leo, und darum holen wir uns Rex Magnus aus der Zukunft zurück. Sie rechargen ihn, damit er hier ordentlich aufräumt!

LEO: Wenn ich jung wäre, würde ich ordentlich aufräum-

Leo stockt, denn Rex Magnus steht auf einmal leibhaftig hinter Fabiane … Nein, nur eine kurze Sinnestäuschung … zum Glück.

Die Welt des Rex Magnus: lauter betörende Frauen . . .


FABIANE: Sie würden aufräumen?

LEO: Äh, was … ?

FABIANE: Na, aufräumen. Womit? Mit Bloggen?

LEO: Mit Bomben.

FABIANE: Das finde ich echt spannend. Wo haben Sie denn schon so gebombt?

LEO (sofort misstrauisch): Wird das hier etwa aufgezeichnet? (blickt im Raum umher) Habt ihr eine Kamera versteckt? Da vielleicht? Oder da? (in imaginäre Kamera) Ich erkläre hiermit: Verzweifelte Einzelaktion sind völlig sinnlos. Mein Anwalt hat von mir eine gleichlautende eidesstattliche Erklärung vorliegen.

FABIANE: Leo, Sie sind so idealistisch.

LEO (vertraulich zu Fabiane): Außerdem musste ich ja diesen scheiß Rex Magnus schreiben. Ständig die Koksnase von Verleger im Nacken, ich kam zu gar nix mehr, nicht mal mehr aufs Klo, geschweige denn zum Kacken.

FABIANE: Echt krass, Leo. Sie waren ihrer Zeit total voraus. Sie sind der
Siegertyp, den wir brauchen. (beat) Heute spielen Videogame-Profis ganze Tourniere in Windeln durch.

LEO: Und gehen mit vollgeschissenen Pampers zur Siegerehrung? (nachdenklich) Bei eurer miesen Bezahlung, konnte ich mir damals nicht einmal Windeln leisten.

FABIANE (eiliger Themenwechsel): Äh ja, Sie haben doch bestimmt schon eine tolle Storyidee für Rex, oder?

LEO: Fabiane, du brauchst nicht mich. Du brauchst ein übermotiviertes,
angepasstes Arschloch, das zu allem Ja und Amen sagt. So wie die Wichser beim Fernsehen. (klappt lässig Sonnenbrille runter) Ich wünsche dir viel Erfolg dabei.

FABIANE: Aber Ihre Agentin hat bereits Ihren Vertrag unterschrieben.

LEO: Wer?

FABIANE: Ihre Agentin.

LEO: Meine Agentin?

FABIANE: Ja, und sie hat verdammt hart nachverhandelt.

LEO: Wie nachverhandelt?

FABIANE: Eine tolle Frau.

LEO: Was denn für ’ne Frau?

FABIANE: Na, Ihre Frau.

LEO: Rosa? Was hat die denn mit Rex Magnus zu schaffen?

FABIANE: Sie findet ihn faszinierend.

Leo glaubt’s nicht.

FABIANE: Laut unserer Marktforschung, finden alle Frauen Rex Magnus faszinierend, wussten Sie das?

Jetzt erscheint der leibhaftige Rex Magnus wieder und grinst Leo mit selbstgefälliger Siegerfresse an …

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