IDIOTEN DER KRISE – Stillstand bedeutet Untergang, oder?

Die Coronawelle rollt unvermindert über unseren Planeten. Die Länder, über die sie schon weitestgehend hinweg geschwappt ist, versuchen inzwischen, aller Risisken zum Trotz, schnellstmöglichst den steckengebliebenen Wirtschaftskarren aus dem Morast zu ziehen. Wer es bisher noch nicht gecheckt hat, schnallt’s spätestens jetzt: Wenn das System ins Stocken gerät, kollabiert es mit einem fatalen Dominoeffekt und das darf nicht geschehen . . .

In Staaten, in denen gewisse soziale Sicherungssysteme existieren, werden die unmittelbaren Folgen des Stillstands zunächst mit Krediten, Kurzarbeit, Arbeitslosengeld etc. abgefangen, in anderen Ländern schlägt das Elend voll durch. Im Shithole-Country (Trump-Ausdruck für nichtweiße Länder) USA, das seine aggressive auf Ausdehnung und Vereinnahmung beruhende Wirtschaftsideologie dem ganzen Globus aufgezwungen hat, sind die Konsequenzen einer allein auf die Lüge der „ordnenden und reinigenden Kräfte des Marktes“ gebauten Gesellschaft allseits spürbar: Über 50 Millionen Anträge auf Arbeitslosenunterstützung, was zugleich für die meisten Betroffenen der Wegfall ihrer betrieblichen Gesundheitsversorgung und meilenlange Schlangen vor den Food-Banks (Lebensmittelausgabestellen) bedeutet.

(N.B. Hierzulande ist DIE TAFEL seit 20 Jahren traditioneller Bestandteil der Hartz4-Speisung in unserer „anständigen“ deutschen Gesellschaft.)

Mehr Knete für die Reichen

Ausgerechnet diejenigen, die’s gar nicht brauchen, erhalten großzügige Injektionen aus der staatlichen Finanzspritze, damit sie gekräftigt die Krise überstehen. Dazu gehören selbstverständlich auch die Läden, die hohe Börsengewinne dank ihrer Schlüsselstellung in unserer digitalisierten Gesellschaft zu verzeichnen haben, wie z.B. Amazon, Facebook, Microsoft, Google, Apple. Es ist übrigens kein Widerspruch, wenn genau diese Konzerne nur sehr wenig bis überhaupt keine Unternehmenssteuern bezahlen, weil sie ihre Milliardengewinne in steuerfreundlichen Staaten verbuchen. Genaueres siehe VIRENGEIL IN ZOMBIELAND (Link unten).

Bei uns wurde schnell finanziell reagiert, sogar Freiberufler haben unbürokratisch Unterstützung erhalten, das ist wirklich beeindruckend. Jetzt wird zusätzlich versucht, mit einer zeitlich auf sechs Monate begrenzten Absenkung der Mehrwertsteuer um 2 bzw. 3 Prozentpunkte den Konsum zu befeuern.

Nur Konsum kann uns retten

Jedem Deppen wurde antrainiert, im Verbrauch allein liegt unsere Rettung. Ohne Konsum verelendet die Wirtschaft. Wenn wir nicht verbrauchen, verelendet das Land und wir werden jämmerlich vergehen.

Hauptsache billig, welche Influencer interessiert da das unsägliche Los einer Näherin Bangladesh?

Die Krux dieser Denke leuchtet ebenso jedem sofort ein: verbrauchen wir weiterhin wie bisher, vernichten wir die biologischen Lebensgrundlagen von denen unsere Spezies abhängig ist. Nur, für unseren Lebensstandard und die Wiederherstellung der großen Annehmlichkeiten unseres Vor-Coronaldaseins nehmen alle Verantwortlichen und natürlich wir selbst – seien wir ruhig ehrlich – , den beschleunigten Raubbau ohne mit der Wimper zu zucken in Kauf. Oder?

Ich zumindest kann keine Anzeichen dafür erkennen, dass die Krise als Chance verstanden wird, die seit Jahrzehnten überfälligen strukturellen Systemveränderungen nun endlich entschlossen vorzunehmen.

Interessen, Abhängigkeiten & Ausdauer

Die Wirtschaft hat großes Interesse, ihre Geschäftsmodelle am Laufen zu halten, bzw. schnellstens wieder ans Laufen zu bekommen. Die Politik ist von einer erfolgreichen Wirtschaft abhängig und ihr damit hörig. Der in den letzten Monaten entstandene Eindruck einer unabhängigen Entscheidungskraft in der Politik täuscht, weil ihr systemisch bedingt auf Dauer keine andere Wahl bleibt, als mit der Wirtschaft zu paktieren. Das Empörungspotenzial und die Frustration einzelner Gruppen innerhalb der Bevölkerung entzündet sich an aktuellem, himmelschreienden Unrecht, wie die Ermordung von George Floyd vor laufender Kamera, um sich dann nach einer großen Woge des Protests, wie bei jeder vorherigen Woge leerzulaufen. Erinnert sich noch jemand an Extinction Rebellion?

Das System hat immer den längeren Atem

Wie schnell dessen VertreterInnen inzwischen gelernt haben, durch hohle mediale Gesten (z.B. 8:46 Minuten in stiller Solidarität vor laufender Kamera zu knien) der breiten Bevölkerung Sand in die Augen zu streuen, zeigt wie gnadenlos in unserer asozialen Medienwirklichkeit inszenierte Bilder die Wahrnehmung deformieren, um schlussendlich damit kritisches Denken und möglichen Widerstand zu ermüden.

Riesenreibach-Modell der Finanzwelt: Schulden für jedermann. Geil!

Ideologie und Entertainment

Wir leben längst in Zeiten hybrider gesellschaftlicher Kriegsführung, die medialen Schlachten finden überall, gleichzeitig und unermüdlich statt. Sämtliche Kritik wird in den Bereich persönlicher Freiheiten (Stichwort LGBT+) und ins Kulturelle abgedrängt. Political Correctness kriegt jeden klein. Schon das Anschauen von Mr. Robot oder einer Netflix-Doku über Plastikvermüllung der Ozeane oder Kinderschänder Jeffrey Epstein gilt in vielen Kreisen als aufgeklärter Protest. Diese zumeist hirnabtötende, ideologische Ablenkung (allseits Unterhaltung genannt) verpasst uns obendrein ein besseres Gefühl – von gut mag ich nicht sprechen wollen – und wenn wir uns besser fühlen, dann geht es uns selbstredend auch besser.

Glück durch Einreden

Eine Freundin von mir machte kürzlich bei einer Hypnosesitzung die Erfahrung, dass man für 300 Euro pro Einheit ein Glücksempfinden suggeriert bekommen kann, welches locker mehrere Tage anhält, ohne dass sich die Ursachen für das empfundene Unglück im Geringsten verändern müssen. Quintessenz: Glücksgefühle sind reine Selbsttäuschung – und noch dazu marktgerecht käuflich erwerbbar.

Wunschdenken übernimmt Wirklichkeit

Segen und Fluch der den Zuschauern eingetrichterten und von allen Unterhaltungsmachern, besonders im Nachrichtengeschäft, angewandten Regeln der Dramaturgie ist es, bei ständiger Aufregung, die Erwartung eines „ordentlichen“ Endes verankert zu haben. Alles muss sauber verpackt und geschnürt sein. Wenn das Ende eines Filmes oder einer Serie diese Regel nicht erfüllt, dann steigt der Normalzuschauer aus, „so ‘n Scheiß schau ich mir nie wieder an“, und der Hardcore-Fan verlangt ein unmittelbares Neudrehen der letzten Staffel, wie eine millionenfach unterschriebene Petition von HBO und den Macher der absolut blödsinnigen Sex- und Gewaltorgie GAME OF THRONES fordert.

Nun lässt sich „echte Realität“ leider nicht skripten. Sie verwehrt sich einem zentralen Bedürfnis der Medienschaffenden, ja aller Menschen: der Kontrolle. Ein Autor schreibt auf Effekt, ein Filmemacher inszeniert, dreht und schneidet sein Werk auf Effekt, Werbung und Propaganda zielen allein auf die gewünschten Effekte ab. Die Kontrolle über das Material, das Können des Handwerks ist entscheidend, um allgewaltigen Göttern gleich die fiktiven Universen zu beherrschen. Ohne Kontrolle sind wir den Launen und der Willkür der Natur und des Lebens überlassen. Deshalb schrecken Krankheiten, Epidemien, Hurricane, Vulkanausbrüche und Erdbeben, weil diese Ereignisse größer sind als wir und sie sich unserer Vorstellung von Kausalität (Ursache und Wirkung) entziehen. Wir wollen alles entschlüsseln, beherrschen und am liebsten vorhersagen können. So funktioniert nunmal das menschliche Denken.

Darum haben Religionen und die Flucht in die Phantasie so eine große Bedeutung. Unserer eigenen Ohnmacht dem „Schicksal“ gegenüber irgendwie bewusst, entfliehen wir in die Fiktion, um uns zu trösten, zu versöhnen oder mit kräftefreisetzenden Wunschvorstellungen (Selbsttäuschungen) aufzuladen. Die ganze sogenannte „Motivationsbranche“, widerliche Scharlatane wie Bremsbirne Jürgen Höller und Co., saugen sich allein dank uns allen innewohnenden Sehnsüchten und Ängsten die Taschen voll. „Chaka, du schaffst es. In jedem noch so großen Penner schlummert ein Sieger! Du musst nur an dich glauben.“ Laberlaber.

Das System handelt aus seiner Sicht völlig rational

Für wen? Die Obdachlosen?

Das „wahre Böse“ ist für uns unberechenbar und unbegreiflich bestialisch. Es entzieht sich unserem um Ordnung und Kontrolle bemühten Verstand. Unsere Vernunft assoziiert Zerstörung mit Irrationalität. Paradoxerweise verhält es sich in unserer kapitalistischen Gesellschaft umgekehrt. Wie oben angeführt, wissen wir, dass genau jenes Verhalten und jene Gewohnheiten, man könnte auch Kräfte sagen, die unseren Wohlstand und unsere bisherige Lebensführung gewährleisten, just die Kräfte sind, die unsere Lebensweise in beängstigend naher Zukunft unmöglich machen werden. Das vermeintlich logische, vernünftige Denken innerhalb des alles beherrschenden Systems, ist also von einer anderen Prämisse aus betrachtet, nennen wir sie „Sicherung unserer Biosphäre und der zum Überleben notwendigen Umwelt“, zutiefst irrational und absolut unvernünftig. Das ist die ernüchternde Dialektik unseres Konsums. Die Errungenschaften der Aufklärung helfen demnach nicht automatisch bei der Lösung unserer zentralen existenziellen Probleme. Ganz im Gegenteil.

Die Prämissen sind entscheidend

Weil Logik, zu deutsch Folgerichtigkeit, nur auf faktisch richtigen Ausgangspunkten, Prämissen des Denkens beruhen kann, wenn wirklich vernünftige, d.h. umfassend konstruktive Ergebnisse erzielt werden sollen. Ist die Prämisse falsch, sind auch die daraus gezogenen Schlüsse und abgeleiteten Gesetzmäßigkeiten falsch. Das ist so banal, dass es beinahe schon weh tut. Um polemisch Adorno zu bemühen, „es gibt nichts Richtiges im Falschen“, und fügen wir dem hinzu, ungeachtet einer wie auch immer gearteten intrinsischen Logik.

(N.B. Kreuzzüge, Rassismus, Sklavenhaltung und Holocaust waren für ihre Verfechter und kriminellen Überzeugungstäter auch absolut logisch, also folgerichtig, weil Überzeugung, Ideologie oder Glaube diese kapitalen Verbrechen nicht nur legitimierten, sondern darüber hinaus als notwendig und damit heilige Pflicht befahl.)

Letzte Chance

Wenn also, wie es genau jetzt geschieht, die Krise nicht als Auslöser und Beschleuniger der überlebensnotwendigen Systemveränderungen genutzt wird, was die vorherrschende Ideologie konsequent zu verhindern bestrebt ist, dann kann und wird es keine Veränderung geben. Punkt! Egal, wie sehr wir uns in die Taschen lügen oder mit Autosuggestion oder anderen Formen der Ablenkung auf „gut fühlen“ programmieren. Wie viele Chancen die nachfolgenden Generationen, unsere Kinder und Kindeskinder dann noch haben, kann sich jeder selbst ausmalen. Catch 22. Echt scheiße, was?

LINK . . .

Die Epidemie dramturgisch betrachtet . . .

. . . UND ALS ZUGABE:

Die Frage „Was tun?“, beschäftigte nicht nur Revolutionshirse LENIN . . .

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