DESPERADO – Unser Schlächter ist ein guter Schlächter

Der Präsident von Ruanda Paul Kagame gilt im Westen als Vorzeigepolitiker, jetzt hat sich die Journalistin Michela Wrong den Saubermann vorgenommen . . .

. . . und listet in ihrem neuen Buch Do Not Disturb – The Story of a political murder and an African regime gone bad detailliert die Verbrechen des Mannes auf, der seit 1994 in der ehemaligen deutschen Kolonie – von 1890 bis 1918 gehörte es zu Deutsch-Ostafrika – die Fäden zieht.

Verstöße gegen die Menschenrechte in Serie sind nur ein Teil der Geschichte. Michela Wrong bringt den Konflikt zwischen Hutus und den Tutsi, der für die Weltöffentlichkeit in dem Genozid 1994 seinen Höhepunkt fand, aber viel weiter geht, zurück ins Bewusstsein und nimmt sich die politischen Morde vor, die mutmaßlich im Auftrag von Kagame an seinen politischen Gegnern und anderen Störenfrieden verübt wurden (und wohl auch noch werden). Die Autorin hat als Journalistin die Ereignisse in Afrika seit den 1990er Jahren hautnah miterlebt und weiß genau, wovon sie spricht.

Ihr erschütterndes Dokument des Schreckens macht leider auch erneut deutlich, worum es dem ach so moralischen Westen eigentlich geht: um einen Schlächter auf unserer Seite. Und das verbindet Kagame mit seinem politischen Ziehvater, dem ugandischen Präsidenten Museveni.

Unbedingt lesen!

LINK zum Buch in englischsprachiger Ausgabe am Ende des Artikels . . .

Kagame ist in DESPERADO einer der dunklen Schatten, die schwer über der Handlung liegen. Denn das Elend in den Kivus wird maßgeblich von der Politik und den Aktionen der Nachbarstaaten Ruanda und Uganda bestimmt. Beide wollen schließlich an dem Bodenschatzreichtum auf der anderen Seite der Grenze partizipieren.

2012 bei der Recherche zu DESPERADO stieß ich auf Material, welches damals bereits die offizielle Version der Ereignisse um den Genozid in Ruanda 1994 und die Machtergreifung Kagames in Frage stellte. Schnell verdichteten sich die Hinweise, dass die Wahrheit vielschichtiger und widersprüchlicher war, als die Berichterstattung in den Mainstream-Medien vermuten ließ.

Doch da galt der von den Amerikanern und Engländer hofierte Posterboy noch überall als Garant für ein freies, demokratisches Ruanda und wurde als leuchtendes Vorbild für ganz Afrika herumgereicht.

Im ROMAN schilderte ich meinen damaligen Erkenntnisstand wie folgt:

Über dem Esstisch hing ein Foto des Präsidenten, einem Angehörigen der Tutsi-Minderheit, und zeigte einen Mann mit schmalem Gesicht, hoher Stirn, schwarzem Kraushaar, dünnem Schnurrbart. Er trug eine dunkle Metallbrille mit ovalen Gläsern und lächelte geneigt. Der Präsident sah intelligent und würdevoll aus, gar nicht wie der eiskalte, rücksichtslose Militärführer und Machiavellist, über den Burget so viel Widersprüchliches gehört hatte.

In Uganda diente Kagame als Offizier in der Truppe des heutigen Präsidenten Museveni und trat später der Ruandischen Patriotischen Front bei. Die USA wurden auf sein großes Talent aufmerksam und bildeten ihn in den Staaten aus. 1990 marschierte die RPF in die Heimat ein und setzte sich im Norden des Landes fest. Durch den frühen Tod des Kommandeurs der RPF wurde Kagame deren Oberbefehlshaber. Nach vier Jahren Guerillakampf, einer gescheiterten Friedensvereinbarung und dem Genozid der Hutus an den Tutsi beendete er siegreich den Bürgerkrieg und befriedete das Land. So weit die offizielle Geschichtsschreibung. Die inoffizielle Version der Ereignisse erzählte von einem späteren Präsidenten, der geschickt die durch monatelange Hetzpropaganda aufgewiegelte, bewaffnete Interahamwe der Hutus für seine Zwecke zu instrumentalisieren verstand. Die Tutsi waren den Hutus zahlenmäßig unterlegen, so dass ein Sieg bei den im Arusha-Abkommen vereinbarten freien, allgemeinen Wahlen unwahrscheinlich erschien. Nur eine kriegerische Lösung könnte der militärisch weit überlegenen RPF an die Macht verhelfen. Kagames Kalkül: Ein totalitäres System wie das der Hutus würde ohne den führenden Kopf kollabieren. Es bräuchte lediglich eine entscheidende Aktion. Der führende Kopf war Ruandas Hutu-Präsident Habyarimana, die entscheidende Aktion der Abschuss der im Landeanflug auf Kigali befindlichen Präsidentenmaschine. Wer tatsächlich das Flugzeug vom Himmel holte, wurde bislang nicht einwandfrei aufgeklärt. Aus Rache setzten aufgebrachte Hutus ihren von langer Hand vorbereiten Genozid an den Tutsis in die Tat um. Hunderttausende starben bei dem hundert Tage währenden Morden. Das Arusha-Abkommen war gescheitert. Die RFP rückte gegen Kigali vor und schlug die kopflose, weit unterlegene Ruandische Armee.

Das Kalkül ging auf.

Den Tod hunderttausender Tutsi nahm der Stratege Kagame angeblich billigend in Kauf. Überall, wo die RPF einmarschierte, schlachtete man im Gegenzug systematisch Hutus ab, was absolut verschwiegen wurde. Laut Berechnungen auf Grundlage der geschätzten Gesamtopfer des Genozids in Bezug zur Gesamtbevölkerung sowie der Relation von Hutus und Tutsis, starben möglicherweise mehr Hutus als Tutsis. Nachdem der siegreiche spätere Präsident öffentlichkeitswirksam einer beschämend tatenlosen UN und aller Welt erklärte, die RPF hätte den Genozid beendet, trieb er zügig eine Regierungsbildung voran. Offiziell im Geiste des Arusha-Friedensabkommens mit einer Allparteienkoalition. Tatsächlich hielt er bereits als Verteidigungsminister sämtliche Fäden in der Hand. Millionen Hutus flohen in den Ostkongo. Ihre Sicherheit währte dort nicht lange. Keine zwei Jahre später schickte Ruanda seine Armee ins Nachbarland, angeblich um die ständigen Übergriffe von Hutu-Rebellen auf wehrlose Tutsis zu unterbinden. Was wohl von alledem stimmte?

KIGALI im Baurausch

Und weiter . . .

Am Nachmittag erschienen die ersten Vororte von Kigali. Häufig nur dicht gedrängte Ansammlungen von Hütten am Rande der Straße. Bis zum Zentrum waren es gut zwanzig Autominuten. Burget sah noch im Bau befindliche luxuriöse Apartmenthäuser und daneben große Schilder, die zum Erwerb von Eigentumswohnungen aufforderten. Eile sei geboten, hieß es darauf. Alle Apartments schienen großzügig eingerichtet, verfügten sogar über Balkone mit eleganten Glasschiebetüren. Regelrechte Schnäppchen. Natürlich zu Preisen, die keiner der Bewohner des Vorortes sich je würde leisten könnte.

Ungeachtet der Kaufkraft der Bevölkerung, wurde das Kigali des 21. Jahrhundert aus dem Boden gestampft. Noch glichen die meisten Gebäude der Stadt Elendsquartieren. Das sollte sich rasch ändern. Armselige Wohnviertel mussten modernsten Büro- und Wohnkomplexen weichen. Burget sah unzählige freie Bauflächen und höchstens halb vermietete Bürotürme. Dennoch wurden im Zentrum täglich alte Geschäfte geschlossen, Fenster und Türen mit Brettern vernagelt, und auf die Abrissbirne gewartet.

„Unser Präsident hat Großes vor“, sagte der Fahrer, dem Burgets Blicke nicht entgangen waren, ihr langes Schweigen brechend, „in wenigen Jahren kletterten wir im Weltbank-Ranking der besten Wirtschaftsstandorte über einhundert Plätze nach oben.“

„Wer das System durchschaut, kann es spielen“, sagte Burget.

Die ruandische Hauptstadt schien ein Muster an Ordnung und Sauberkeit zu sein, nicht nur im Vergleich zu anderen Hauptstädten des afrikanischen Kontinents.

„Stimmt es, dass Bettler und Hausierer eingesperrt werden, um Kigali sauber zu halten?“, fragte Burget.

„Unser Präsident gibt Straßenkindern wieder Hoffnung. Auf Iwawa, einer Insel im Kivu-See, werden sie clean und lernen alles, was ein junger Mensch fürs Leben wissen muss.“

„Ein richtiger Saubermann, der Mann.“

„Bei den Abschlussfeiern wird vor Freude gesungen und getanzt“, sagte der Fahrer, der an die Güte seines Präsidenten glauben wollte.

„Warum wohl? Weil sie so viel lernen durften, oder froh sind, endlich von der Insel runterzukommen?“

Darauf antwortete der Fahrer nicht. Er wirkte überhaupt erleichtert, als der seltsame Weiße endlich ausstieg, und fuhr eilig und ohne ein Wort des Abschieds davon . . .

DER LINK zum ROMAN:

DER LINK zu MICHELA WRONGs großartigem SACHBUCH:

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