Auftrag für Uhl

Drei Tage später holte Uhl den Dicken und mich ab und fuhr mit uns zu Leermann. Der machte reichlich Schotter. Das sagte er uns natürlich nicht, das ließ er uns sehen und spüren: Schickes Büro, fetter Ferrari, Edelklamotten am Balg, die locker soviel kosteten, wie ich und der Dicke mit dem letzten Job zusammen verdient hatten. Und wir mussten davon ein paar Monate über die Runden kommen.

Uhl sah die Show wesentlich cooler. Für ihn war Schotter eine Notwendigkeit, von der man besser mehr und noch mehr hatte. Konnte man so sehen. Er hatte halt nicht den alten Karl gelesen, noch nie was von Zirkulation des Geldes und Fetischismus der Ware und so gehört. Bei Zirkulation dachte Uhl bestimmt an Cruising, bei Fetischismus an Leder-Sex mit Fisten und Klassenkampf war für ihn, wenn unterschiedliche Gewichtsklassen beim Mixed-Martial-Arts aufeinander eindroschen.

Mir war klar, Leermann konnte diese Menge Kapital nur akkumulieren, weil er seine Arbeiter systematisch ausgebeutet und seine Geschäftspartner von oben bis unten beschissen hatte. Ich kenne mich da aus. Ich hatte mal LKWs beladen, das bedeutete, große Kanister Nitroverdünnung auf Paletten zu stapeln und so auf den Ladeflächen der Karren zu verstauen, dass der Mist nicht umfiel. Der Gestank war unerträglich, jeder Atemzug blies einem das Gift in die Lungen, dazu klebten mir die Chemikalien wie Tesafilm hinten am Zäpfchen im Rachen. Voll die unterbezahlte Knechterei, ohne Atemschutz und Sicherheitskleidung. Der totale Beschiss. Seitdem bin ich freischaffend, wer mich bescheissen will, der muss sehr früh aufstehen.

Eine schicke Frau, die wie eine dominante Anwältin aussah, aber nur die Sekretärin war, brachte uns vier Espressi in mikroskopisch kleinen Tassen und schloss beim Rausgehen lautlos die Tür. Leermann räusperte sich, lächelte freundlich und meinte, Wozzeck persönlich hätte ihn über Uhls absolute Zuverlässigkeit und Diskretion unterrichtet.

„Sie kommen also mit den besten Empfehlungen, meine Herren,“ sagte Leermann und nippte an seinem Espresso.

Uhl lächelte freundlich zurück. Der Dicke stieß mich mit dem Ellbogen an.

„Was Wozzeck sagt, stimmt,“ sagte ich prompt.

Die Schuhe kosten mehr als der Chronometer

Leermann strahlte und zeigte uns seine fünfzigtausend Euro teure Kauleiste. Er war mal Spediteur gewesen. Er und sein Kompagnon hatten ein prima Geschäftsmodel laufen. Nach ein paar Jahren suchte Leermann eine neue Herausforderung und fand sie in der Entertainment-Branche. (Seine eigenen Worte.) Also verkaufte er die Spedition und baute von der Kohle Spielkasinos, Automatencenter auf dem platten Land, entlang der Autobahnen.

Uhl wusste, wie Leermanns prima Speditions-Geschäftsmodell funktionierte. Um abzusahnen, hatten sie ständig Waren zwischen den EU-Staaten hin-und hergefahren und bei den Mehrwertsteuerdeklarationen an der Grenze die Differenzen abkassiert. Dauerte mächtig lange, bis die Bullen denen auf die Schliche kamen. Da war Leermann aber bereits ausgestiegen. Dem konnte bisher keiner was ans Zeug flicken.

Jedermann weiß, dass man in Spielcasinos prima Schwarzgeld waschen kann, mit dieser Dienstleistung stopfte Leermann sich seitdem die Taschen voll. So ist das mit den Kapitalisten, die akkumulieren und akkumulieren dreckige Kohle, und waschen und waschen solange, bis die Scheine blütenrein sind. Darum der Ferrari unten im Hof, die fünfzigtausend Euro Sitzgruppe im Büro und die scharfe Braut mit den Gummimoppen im Vorzimmer. Bestimmt hatte er einen Pool im Keller, wo am Wochenende die Orgien für Geschäftspartner abgingen.

Leider verhagelte ihm sein ehemaliger Kompagnon Jaime-Ruiz Mueller die Feierlaune. Denn der hatte es absichtlich versäumt, die noch ausstehenden Beträge für die letzten Transaktionen vor ihrer Trennung zu überweisen. Das war der Grund, weshalb Leermann Uhl, den Dicken und mich herbestellt hatte.

„Über welche Summe reden wir?“, fragte Uhl.

Es war immer erstaunlich, wie Uhl sich seiner Umgebung anpassen konnte. Als ich im Bau Das Kapital gelesen hatte, musste er sich ein Buch über NLP, das heißt Neuro-Linguistisches-Programmieren, reingezogen haben. Da lernte er die Feinheiten der Gesprächspsychologie. Jetzt hatte er die gleiche Körperhaltung wie Leermann eingenommen und sprach sogar mit ähnlicher Tonlage. Die beiden kamen sich richtig nahe. Leermann schnallte nicht, wie Uhl ihn manipulierte. Dem Dicken war das Gelaber total egal, der schaute aus dem Fenster und ließ seinen Espresso kalt werden. Er trank nur diese koffeinhaltige Gummibärchensoße wie der Weltmeister. Bestimmt dachte er darüber nach, wie er den Ferrari abgreifen konnte. Bei schnellen Karren juckte’s ihm ständig in den Fingern.

Leermann beugte sich vor, setzte langsam seine Tasse ab und sagte bedeutungsvoll: „Zweikommafünfmillionen Euro.“

Daraufhin beugte Uhl sich vor und setzte ebenfalls langsam seine Tasse ab. Er sagt aber nichts, sondern schaute bedeutungsvoll zu dem Dicken und zu mir herüber.

„Wo ist das Problem?“, fragte der Dicke nach einigen Sekunden Stille schließlich Leermann.

„Jaime-Ruiz lebt auf Mallorca. Er managt dort ein Frische-Logistik-Unternehmen. Sonst sehe ich kein Problem“, antwortete Leermann.

„Ich treibe nur legale Forderungen ein. Das hat Wozzeck bestimmt erwähnt”, sagte Uhl.

„Wozzeck hat mich natürlich über alle Ihre Konditionen unterrichtet”, erwiderte Leermann.

„Mein Honorar beträgt in Ihrem speziellen Fall fünfhunderttausend.“

„Darüber hat Wozzeck mich nicht unterrichtet.“

„Es ist nicht verhandelbar.“

Leermann packte eine Mappe auf den niedrigen Couchtisch, darin befanden sich: die Rechnung für Jaime-Ruiz (zweifach), ein fetter Umschlag mit Bargeld für uns (Spesen) und ein Foto mit einem grinsenden Leermann und einem grinsendem Brillenträger, damit wir auch den richtigen zahlungsfaulen Kandidaten aufsuchten.

„Das ist Jaime-Ruiz“, sagte er auf den Brillenträger deutend, „die Adresse steht auf der Rückseite. Fünfhunderttausend gibt’s nach Übergabe. Einverstanden?“

Uhl schaute fragend zum Dicken und mir. Wir hatten plötzlich fünfhunderttausend Gründe trotz Bewährung und Reiseverbot den Abstecher ins 17. Bundesland zu unternehmen, also nickten wir mit unseren Köpfen wie die Wackeldackel, woraufhin Uhl Leermann ebenfalls zunickte. Einverstanden.

Tja, so ging die Scheiße los. Dass Leermann nur so schnell die Fünfhunderttausend zusagte, weil er uns später bescheißen würde, hatten wir in unserer Geldgeilheit natürlich nicht geschnallt. Wir waren halt Proleten, die sabberten, wenn man ihnen mit Kohle vor der Nase herumwedelte – und dafür mussten wir auch bitter bezahlen.

Aber das ist eine andere Geschichte.

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