BRANDENBURG HINTERLAND – Story

Krupa trampt in den Osten. Nach neun Stunden neben einem Polen auf dem Bock erreicht er eine Nachttanke, wo eine Handvoll 18-jähriger vorglüht, bevor sie in die Szene eintauchen . . .

Die Jungs wollen tatsächlich in den Puff und bestehen darauf, dass ich mitkomme. Wir quetschen uns zu sechst in einen Kombi. Die Landstraße entlang geht es um den See direkt in die alte Garnisonsstadt. Das Etablissement befindet sich etwas außerhalb auf der anderen Seite, in einem doppelstöckigen Flachdachgebäude.

Über dem Eingang hängt ein überdimensionales, rotes Neonschild mit dem Schriftzug ,Girls-Girls-Girls‘ und daneben steht ,Sex‘, falls einer nicht wissen sollte, wozu die Girls hergeschafft wurden. Neben der Klingel ist ein Schild angebracht und darauf eingraviert: ,Nur Euro und EC‘ sowie ,Kondompflicht‘. Hoffentlich können die Kunden lesen. Ein dicker, kahlrasierter Türsteher lässt uns rein. Er wirft einen fragenden Blick auf meinen Rucksack.

Ich mache auf notgeilen, jovialen Freier: „Gerade angekommen. Wenn ich den zuerst nach Hause bringe, lässt meine Alte mich nicht mehr vor die Tür und die Nacht ist im Arsch.“

Fettarsch verzieht keine Meine. Ich darf vorbei. Die Argumentation klingt wohl schlüssig.

Bei Dante sah die Höllenpforte anders aus

Gedimmtes rotes Licht. Im Laden ist es heiß. Die Mädchen sind ausnahmslos dünn und langhaarig, tragen durchsichtige Reizwäsche und hohe Stöckelschuhe. Halbe Kinder. Sie erinnern mich an die Teenager, die wir bei einem Einsatz aus dem Laderaum eines rumänischen Kühltransporters gezogen haben. Damals gehörte das Land noch nicht zur EU. Heute reisen die Mädels zum Anschaffen ungehindert nach Westeuropa. Damit sie auf keine dummen Gedanken kommen, passen die Zuhälter zuhause auf ihre Familien auf. Die Jungs beginnen sofort mit der Fleischbeschau. Ich lehne mich an die Theke und bestelle ein Bier. In der Spiegelung der verklebten Fensterscheibe blickt ein Typ mit kurzen Haaren, schwarzer Lederjacke und schwarzem Sweatshirt herüber. Ich sehe aus wie ein Montagearbeiter oder ein frischentlassener Knacki. Mein Army-Rucksack passt zu beiden.

Das Aussehen gehört zu meiner Legende: Nach der bin ich ein in Lissabon geborener Deutscher, aufgewachsen in Westfalen. Ich war in der Fremdenlegion und habe die letzten Jahre in England gejobbt. Das erklärt meine käsige Haut. Jetzt schaue ich mir die Landstriche von Deutschland an, die ich noch nicht kenne.

In meinem Portemonnaie steckt ein meiner Legende entsprechender echter Personalausweis mit zwei Jahren Restlaufzeit, der einer normalen polizeilichen Überprüfung standhält, und unten im Rucksack habe ich eine französische PA MAC 50 Pistole aus alten Legionsbeständen sowie zwei volle Magazine bestückt mit jeweils neun 9x19mm Parabellum Projektilen. Sie soll heimlichen Gepäckschnüfflern signalisieren, welche Art Jobs ich übernehme. Den Perso und die Knarre hatte ich zusammen mit zehntausend Euro in kleinen Scheinen einige Monate vor meiner Festnahme als Notfallrücklage in einer wasserdichten Kassette an einem sicheren Ort vergraben. Die Idee stammte von alten einer ZP. Die hatte mehrere solcher Kassetten an verschiedenen Ort im In- und Ausland deponiert. Hat ihr nichts genützt. Mit dem Mozambique-Drill verhinderte ich ihre Flucht. Zu der Zeit war ich völlig paranoid und lief mit zwei Waffen herum, eine SIG Sauer P226 an der Hüfte und eine Walther PPS am Fußgelenk. Ich fuhr in komplizierten, immer neuen Routen in die Dienststelle und kehrte jeden Tag zu unterschiedlichen Zeiten heim. Vor meiner Ankunft musste meine damalige Freundin die Straße abchecken, ob die Luft rein wäre. Trotz Tabletten hielt sie nur drei Monate durch. Dann entschied sie sich für einen kalten Entzug, um nach sechs Wochen Klinikaufenthalt wieder in ihr ehemaliges Kinderzimmer bei Mutti einzuziehen. Reisende soll man nicht aufhalten. Eine Woche darauf verhafteten die uniformierten Kollegen mich. Das liegt jetzt fünf Jahre zurück.

„Hallo“, sagt neben mir eine helle Mädchenstimme.

Die Kleine ist mager und selbst in diesem Licht blass. Ihre Haare sind zu zwei Zöpfen gebunden, damit sie noch jünger wirkt. Trotz der zehn Zentimeter hohen Hacken reicht sie mir kaum bis zur Brust. Lustlos erwidere ich ihren Gruß.

„Kommst du mit auf Zimmer?“

„Und dann?“

„Fünfzig Verkehr, halbe Stunde Hundertfünfzig.“

„Hm-hm.“

„Ich mach alles, was du willst.“ Ihre geschminkten Lippen lächeln einladend, ihr Blick hingegen ist gleichgültig und leer.

„Ich will nur pennen.“

Sie versteht nicht.

Die Augen schließend gebe ich ein schnarchendes Geräusch von mir.

Sie lacht und zieht an meinem Ärmel.

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Einer der Jungs kommt an die Theke und grinst. „Wir verhandeln mit ein paar Girls. Biste dabei?“

Ich winke ab.

Das Mädchen zieht noch immer an meinem Ärmel.

„Komm auf Zimmer.“

„Was willst du trinken?“, frage ich sie.

„Ich will ficken.“

Der ganze Laden beginnt, mich allmählich anzukotzen.

„Du bist zu jung.“

Genau die Antwort will sie nicht hören. Sie spult ihr Programm ab: Anschmiegen. Bitten. Betteln. Abgang. Zeit ist Geld und Freier sind nur interessant, solange Hoffnung besteht, sie aufs Zimmer zu locken.

Ich bleibe ungerührt, „tut mir leid“, und bin schlagartig uninteressant.

Die halbvolle Bierflasche von mir schiebend hebe ich meinen Rucksack auf. Keinen Bock mehr auf Teenieporno.

Eine schlanke Frau in einem hautengen Kleid mit hochgesteckten brünetten Haaren tritt hinter die Theke und öffnet die Kasse. Sie setzt eine Lesebrille auf, beginnt mit der Abrechnung. Ihre Silhouette erscheint mir vertraut. Sie notiert etwas auf einem Quittungsblock. Als sie sich zur Seite wendet, um eine Kunstlederhülle mit Reißverschluss aus einer Schublade zu nehmen, bin ich mir sicher. Sie hat sich kaum verändert. Im Futter meines Kulturbeutels habe ich ein Foto aus dem Jahr 1990 verborgen, darauf grinsen mein Vater und seine drei ehemaligen Geschäftspartner in die Kamera, die Männer in Anzügen, weißen Hemden und gedeckten Krawatten, die einzige Frau in einem Hosenanzug mit weißer Bluse. Das Bild wurde aus Anlass der Eröffnung ihres neuen Büros geschossen. Mein Vater hat seinen rechten Arm um die Hüfte der Frau geschlungen, die in diesem Augenblick, dreißig Jahre später, einen Meter von mir entfernt einen Stapel Geldscheine samt handschriftlicher Notiz auf einem Quittungsvordruck in die Kunstlederhülle schiebt und den Reißverschluss schließt.

Ich gebe ihr etwas Vorsprung und beobachte in der Fensterscheibe ihren Hüften wiegenden, animalischen Gang, bevor ich mit meinem Rucksack folge. Draußen sehe ich sie in ein silbernes Mercedes E-Klasse Coupé steigen und Richtung Innenstadt abbiegen. Ich merke mir das Kennzeichen, als ein Taxi heranfährt. Der Fahrgast ist stark betrunken. Schwerfällig müht er sich auf die Straße und wankt dem Türsteher entgegen.

Kleines Arschgesicht voll cool

„Heute nicht, Ole!“, ruft der Fettarsch den Kopf schüttelnd.

„Innenstadt“, sage ich, werfe den Rucksack auf die Rückbank und setze mich schnell auf den Beifahrersitz, ehe der Betrunkene zum Taxi zurückwankt, „einen Zehner extra, wenn Sie zu dem silbernen Coupé aufschließen.“

Der Taxifahrer ist ein Rentner mit dickem Schnurrbart und noch dickeren Brillengläsern.

Großartig denke ich und sage: „Zwanzig Euro extra.“

„Wenn ich noch länger warte, gibste mir dann fünfzig?“, fragt der Taxifahrer.

„Ne, dann steige ich aus und lasse Ole deine Karre vollkotzen.“

„Ist ja gut.“

Im Augenblick des Anfahrens öffnet Ole die Beifahrertür. Ich stoße sie ihm entgegen, ziehe sie direkt wieder zu und verfolge im rechten Außenspiegel, wie der Betrunkene das Gleichgewicht verliert und umkippt.

Später auf der Landstraße schaltet der Taxifahrer den CD-Player ein. Das Fahrzeuginnere wird von gemächlicher Barockmusik erfüllt. Dieses Gefidel sollen angeblich unendlich entspannen und zugleich unbändige Kreativität freisetzen. Mich regt es unendlich auf und setzt unbändige Wut frei. Mit einer Hand lenkend bewegt der Taxifahrer die andere wie ein Dirigent im Takt. Ich könnte ihm die Finger brechen. Mittlerweile sind die Rückleuchten des Coupé vollständig in der Dunkelheit verschwunden. Zertrümmere seine Brille auf dem Lenkrad und übernimm selbst das Steuer, fährt es mir durch den Kopf. Geht sowas als kreative Lösung durch?

Unschuldig sagt der Opa: „Die ist aber man schnell.“

Ich sage: „Für die Schnarchnummer gibt’s keinen Zehner extra.“

„Zwanzig Euro waren versprochen.“

„Schon gar keine zwanzig.“

„Kennen Sie die Geschichte von dem Wettrennen zwischen Hase und Igel?“

„Die hat mir meine Oma als Kind vorgelesen“, erwidere ich, „fand ich damals schon scheiße, aber lass hören.“

„Fünfzig Euro und Sie können die Dame seelenruhig in Empfang nehmen wie die Igel den Hasen.“

„Sie sprechen von Gisela Nolte?“

„Sie etwa nicht?“

„Schaffen wir es vorher noch, den Rucksack in einem Schließfach unterzubringen?“ Ich deute mit dem Kopf nach hinten.

„Schließfächer gibt’s hier nur im Bahnhof“, sagt der Taxifahrer, „aber keine Bange, auch das schaffen wir.“

„Wir sind viele Igel, was?“

Er tut, als würde er sich aufs Autofahren konzentrieren.

„Ohne Aufpreis, klar?“, schiebe ich nach.

Am Ziel drücke ich ihm doch einen Fünfziger extra in die Hand und schärfe ihm, er hätte mich nicht gefahren. Seine Brille beschlägt, so dicht rücke ich ihm auf die Pelle.

Opa sagt: „Wie auch, Chef? Ich bin nachtblind.“

Wir beide verstehen uns. Zeit in meine Legende zu schlüpfen. Ich spüre die MAC 50 hinten im Gürtel. Ich habe ein Rendevouz mit der größten Hure der implodierten DDR. Heute wird der erste Dominostein fallen.

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