SPIELFREUDE – weiter, weil’s so schön ist

Als wir Ines verließen, hatte sie in Rekordzeit ihr gesamtes Monatsgehalt im Spielcasino durchgebracht, sich von einem Karriereaußendienstler vögeln lassen und ihn zur Belohnung um sein Bargeld erleichtert, anschließend aus Frust ihr Anonyme-Spielsüchtige-Meeting abgekürzt und begonnen, sich in der Spielothek an drei Automaten gleichzeitig abzureagieren (mehr Spiel in einem Satz geht kaum) . . .

Sich im Fahrersitz umdrehend fotografierte Ines die drei Männer, die soeben das Bürogebäude verließen, bevor diese in einem hellen Kombi davonfuhren. Den Wagen identifiziert sie später als aluminum-silbernen Opel Vectra Caravan, zugelassen auf den Gastwirt Igor Broz.

Nachdem sie das gesamte Geld des Karriereaußendienstler in den drei Spielautomaten versenkt hatte, war Ines zu Leermanns Bürogebäude gefahren, wo sie ihren Wagen mit dem Heck zum Zielobjekt parkte, um unauffällig Eingang und Ausfahrt im Auge behalten zu können. Die Staatsanwaltschaft hatte die Ermittlungen gegen diesen Schleimbeutel ad acta gelegt. Geldwäscheparadies Deutschland, bringt eure Milliarden zu uns, das sollten sie auf die Hoheitsgebietsschilder an Landesgrenzen und Flughäfen pinseln, dachte Ines.

Inzwischen waren vielleicht dreißig Minuten verstrichen.

Nun erschien Leermann. Er hielt seiner üppigen Sekretärin die Tür und schloss hinter ihr ab, stieg in seinen roten Ferrari mit dem angeberischen L 1 auf dem Kennzeichen und raste mit aufheulendem Motor vom Hof. Ines beobachtete noch, wie die Sekretärin in einem maronenfarbigen Nissan Altima Coupe verschwand, bevor sie ihren eigenen Motor startete.

Als sie das Büro in der Außenstelle des Hauptzollamtes betrat, saß ihr Vorgesetzter Siggi Gödecke in Mantel und schmalkrempigen Hut mit einem großen Becher Pfefferminztee an ihrem Schreibtisch. Die anderen Kollegen hatten schon vor über einer Stunde Dienstschluss gemacht.

Er sagte: „Du bist aus dem Meeting abgehauen.“

„Ich musste den Kopf freikriegen.“

„Hast du wieder gespielt?“

Sie hielt seinen Großinquisitorblick.

„Nein“, sagte Ines, die mit neun Jahren gelernt hatte, überzeugend zu lügen, um den von ihren Eltern vorbestimmten Karriereplan absichtlich zu sabotieren, wie ihr Vater es ausdrückte. Ein eigens konsultierter Kinderpsychologe diagnostizierte ihre Leistungsverweigerung als massive Lernschwäche und befreite sie mit diesem Urteil schlagartig von dem Joch einer Wunderkindkarriere. Dass Ines sogar Lügendetektoren austricksen konnte, was weder ihr Vorgesetzter noch sonst jemand in der Behörde ahnte, war im Nachhinein der eindrucksvollste Erziehungserfolg in ihrer den eigenen Worten nach völlig verkorksten Kindheit.

„Dann ist jetzt also später?“

„Siggi, ich habe nicht gezockt, sondern nachgedacht, über unsere Ermittlungen, wenn du es genau wissen willst.“

„Und mit welchem Ergebnis?“

„Sie wollen nichts ändern.“

„Wer will was nicht ändern?“

„Die Justiz den Status quo.“

„Das stimmt nicht“, sagte Gödecke, „und das weißt du sehr genau. Wenn wir keine überzeugende Arbeit leisten, dann bleibt ihnen aufgrund der angespannten Haushaltssituation gar nichts anderes übrig.“

„Wir reden über Geldwäsche in Millionenhöhe. Dagegen sind unsere Fakos geradezu lächerlich. Die Ermittlungen würden sich von selbst finanzieren. Wir müssen einfach nur weiter dem Geld folgen.“

Die Daltonbande schlägt wieder zu (v. l. n. r.): Averall, William, Jack und Joe

Gödecke schüttelte entnervt den Kopf.

„Folge dem Geld, Siggi.“

„Ines, das bestreite ich doch alles gar nicht. Aber die Akte Leermann ist offiziell geschlossen. Wenn du einen anderen Ermittlungsansatz hast, lass ihn hören, ansonsten möchte ich, dass du den Fall auch abschließt und vorschriftsgemäß ablegst.“ Seine Hand deutete über ihren chaotischen Schreibtisch.

Sie biss sich auf die Lippen.

„Hast einen anderen Ermittlungsansatz? Nein? Also.“

„Ist das eine dienstliche Anordnung, Herr Zollamtsrat?“

„Das ist meine dienstliche Anordnung, Frau Zollamtsfrau.“

„Okay“ sagend nahm Ines ihren Papierkorb und wischte mit dem Unterarm sämtliche Papiere und Notizzettel von ihrer Schreibtischplatte. Nur ein geringer Teil landete im Papierkorb, der größere segelte auf den grauen Linoleumboden hinab.

Unbeeindruckt trank Gödecke einen Schluck Pfefferminztee und blickte zu dem Dreimonatskalender an der Wand neben dem Fenster. Auf dem Deckkarton war in goldenen Buchstaben auf schwarzem Grund zu lesen: LEERMANN INTERNATIONAL – Die Spedition Ihres Vertrauens.

„Heute ist der sechzehnte. Du musst noch zwanzig Tage Urlaub abfeiern, das heißt, wir beide sehen uns am achtzehnten Januar in alter Frische wieder. Irgendwelche Einwände?“

„Ist das auch eine dienstliche Anweisung?“

„Räum bitte auf, bevor du gehst. Frohes Fest und einen guten Rutsch“, sagte Gödecke und schob in einem Ton, der einfühlsam klingen sollte hinterher, „versuch dich ein bisschen zu erholen, Ines“. Vorsichtig stieg er über die am Boden verstreuten Blätter hinweg. Seinen Teebecher ließ er auf dem Schreibtisch stehen.

Den Papierkorb in der Hand wartete Ines, bis seine schlurfenden Schritte auf dem Flur verklungen waren. Anschließend wählte sie sich über den Computer auf ihrem Schreibtisch in die VIVA-Datenbank ein. Sie verband ihr Telefon, zog die Fotos von den drei Männern auf den Desktop, startete das Gesichtserkennungsprogramm, war einer von ihnen straffällig geworden, würde die entsprechende Akte angezeigt.

Und ihr würde schon was einfallen, wenn sie die Hackfressen aufspürt. Es gab für sie nichts Schrecklicheres als zum Fest der Liebe in ihrer Zweizimmer-Küche-Bad-Altbauwohnung auf den herbeigesehnten Meteoriteneinschlag zu warten, der die grundsätzliche Unvereinbarkeit des Homo sapiens mit seiner Biosphäre aus der Welt schafft. So ein großer Felsen aus dem All hatte schließlich auch den Dinosauriern das Ende der Fahnenstange gezeigt.

Ende gut, alles gut. Allerdings lehrte sie ihre Erfahrung, dass Meteoren und Naturkatastrophen noch launischer und unberechenbarer waren als sie an ihren schlechten Tagen.

Das Suchprogramm zeigte den ersten Treffer an:

Es war der drahtige mit den kurzen Haaren: Krebber, Hartmut, fünfzig Jahre, Ex-Stuntfahrer bei einer Fernsehproduktion, die zur Freude ewiger Achtjähriger Autos in Serie schrottete; drei Vorstrafen, zwei Jahre wegen Überführung von gestohlenen Fahrzeugen ins Ausland, fünf Jahre wegen schwerer Körperverletzung (lag bereits länger zurück), aktuell achtzehn Monate zur Bewährung wegen Autodiebstahl, „der Tatverdächtige hat einen in rosa Bettlaken eingewickelten Lamborghini in einer extra dafür angemieteten Garage versteckt“, notierte ein offenbar belustigter Kollege unter Besonderheiten.

Dann noch ein Treffer: Der Riese mit den graublonden Haaren und der Armyjacke hieß Uhl, Roman, fünfundfünfzig Jahre, ehemaliger Türsteher und Vollstrecker im Milieu, Spitzname „Macht der Straße“. Seltsam, keine Vorstrafen wegen Körperverletzung, dafür wegen Raub zu sieben Jahren Freiheitsentzug verurteilt, fünf davon abgebüßt, der Rest vor neun Monaten zur Bewährung ausgesetzt. Aktuell wohnhaft bei Margarete Uhl, seiner Mami.

Na also, dache Ines, die eine Schwäche für große, starke Männer hatte, weil es ihr eine besondere Freude bereitete, diese Typen zurechtzustutzen. Das Weihnachtsfest konnte kommen . . .

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