KURIER – Story 2

Meine Geschichte ist nicht zu verstehen, ohne die Geschichte meiner Herkunft und die meines Platzes innerhalb der Produktionsverhältnisse unserer Gesellschaft zu kennen. Darum werde ich mich bemühen, die Ereignisse der letzten Wochen so genau wie möglich zu schildern und die Gründe offenzulegen, weshalb ich in diesem Schlamassel stecke. Denn das, was nachfolgend geschieht, habe ich nicht immer gemacht . . .

Unter mir in der Ferne überstrahlen die Flutlichter des riesigen Containerhafens das große Schwarz des Nachthimmels. Zwei Kilometer weiter verlasse ich die hohe Brücke und biege mit meinem unauffälligen Wagen, einem Passat Kombi wie einfache Außendienstverkäufer ihn fahren, in den in unregelmäßigen Abständen beleuchteten Parkplatz ein und komme auf einem der markierten Rechtecke zum Stillstand. Ich steige aus, stopfe meine Hemd in die Hose und korrigiere den Sitz der Krawatte, bevor ich das Sakko vom Haken hinter dem Fahrersitz nehme und es überstreife.

Der Anzug ist Teil meiner Rolle.

Unauffällig klemme ich den Autoschlüssel unter den hinteren linken Kotflügel und verschwinde, ohne mich umzudrehen in Richtung Hafenmole. Die Fischbude dort hat als einziger Laden um diese Uhrzeit geöffnet.

Sie beobachten mich sicher von irgendwo da drüben im Schatten und warten noch solange, bis ich außer Sicht bin. Genau weiß ich es aber nicht. Es kann mir auch egal sein.

Wie gewöhnlich lehne ich mit einem Fischbrötchen, einem Kaffee To-go und einer Tageszeitung vom Vortag an einem der Stehtische, kaue und lese und nehme ab und zu einen Schluck von dem lauwarmen Gesöff. Wenn es an der Zeit ist werfe ich die Serviette und den Kaffeebecher in einen Abfalleimer.

Die Zeitung falte ich im Gehen, sodass sie in meine Sakkoasche passt.

Eine Viertelstunde später hängt das Sakko wieder an dem Haken hinter dem Fahrersitz und ich habe den Hafen schon mehrere Kilometer hinter mir gelassen. Ich befinde mich auf dem Rückweg. Der Autoschlüssel klemmte wie jedes Mal unter dem hinteren linken Kotflügel. Jetzt bleiben mir noch drei Stunden, um mein Ziel zu erreichen.

Auf der Autobahn fahre ich zügig, achte aber darauf, mich im Rahmen der zulässigen Höchstgeschwindigkeit zu bewegen und ausreichenden Abstand zu anderen Fahrzeugen einzuhalten, von denen in den Stunden zwischen zwei und vier Uhr nachts, der Leichenschicht, wie ein besoffener Bulle mir einmal anvertraute, allerdings nur wenige unterwegs sind.

Während der Fahrt höre ich selten Musik, wenn dann unaufgeregte Sachen wie West Coast Jazz oder Balladen von Oscar Peterson, denn ich muss mich konzentrieren. Manchmal überfällt mich eine unspezifische Angst, dann prüfe ich fortlaufend in Rück- und Seitenspiegeln, ob mir jemand folgt und ich spiele Entspannungs-CDs, um wieder runterzukommen. Aber mir ist noch nie jemand gefolgt.

Nach knapp zwei Stunden überquere ich die Grenze, später den Rhein.

Sinnentleerte Sterilität für eine sinnentleerte sterile Gesellschaft

Zwanzig Minuten bevor ich das Fahrzeug abliefern muss, fahre ich durch die noch menschenleere, geisterhaft erleuchtete Stadt. Oft denke ich dann an Neutronen-Jack, diesen eiskalten Sanierer, der um des Profites willen überall auf der Welt leere, geisterhaft erleuchtete Fabriken und Verwaltungsgebäude hinterließ. Angesichts der heutigen Zustände wünscht so manch einer sich den Typen zurück.

Schließlich erreiche ich mein Ziel und parke an dem angewiesenen Ort. Mein Sakko überziehend stapfe ich den Bürgersteig entlang. Bald ist der Kiosk nur noch wenige Schritte entfernt. Ich klappe meine Zeitung auf und packe den Autoschlüssel hinein, ehe ich an das Fenster mit der Zeitschriftenauslage, dem Schokoriegelständer und den Plastikkugeln voll Lakritze und bunten Weingummis herantrete. Ich kaufe eine 0,5 Liter Flasche stilles Wasser und lege die gefaltete Zeitung auf die Ablage, um mein Portemonnaie hervorzuholen. Nachdem ich bezahlt habe, nehme ich das Blatt wieder an mich.

Als ich um die Ecke biege, klappe ich es auf, anstelle des Autoschlüssels finde ich jetzt darin einen Umschlag. Dieser wandert in meine Tasche und die Zeitung in den Papierkorb an der Bushaltestelle. Nach ein, zwei Minuten fährt der 04:55 Uhr heran und hält. Es sind immer dieselben müden Gestalten, die um diese Zeit zur Arbeit müssen. (Wie sang vor ewigen Jahren ein unerträglicher Gutelauneterrorist? Heut’ wird Rabatz gemacht, solange bis die ganze Bude kracht, und wenn die anderen zur Arbeit gehen, dann sagen wir Gute Nacht?) Noch neun Stationen, dann bin ich endlich zu Hause. Dort werde ich die Batterie wieder in mein Telefon einsetzen und es einschalten, ehe ich zu Bett gehe.

Was ich viermal im Monat von Rotterdam ins Ruhrgebiet fahre, will ich gar nicht wissen. Ich könnte es mir zwar denken, aber das Denken habe ich mir abgewöhnt. Denken macht nur Probleme, denken sollen andere.

Ich fahre und kassiere. Ich bin nur ein kleines Rad im großen Getriebe. Ich bin ein Kurier.

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