KURIER – Story 3

Seit der Diagnose bewohne ich ein Einzimmerapartment mit Kochnische, abgeteilter Toilette und Duschkabine unter dem Dach. Mein Mobiliar besteht aus einem schmalen Bett, mehr einer Pritsche aus ehemaligen Bundeswehrbeständen, einem alten Metallspind sowie einem Tisch und Stuhl vom Sperrmüll.

Wenn ich keine Fahrt habe, hängen mein gebürsteter Anzug und die Krawatte in einem Kleidersack an der Wand und meine frisch polierten Lederschuhe stecken in ihrem Schuhbeutel im Spind.

Der Arzt meinte, Ordnung wäre in meinem Fall hilfreich.

Kaum habe ich das kalte Wasser abgestellt und bin aus der Kabine hinausgetreten, summt mein Telefon. Den Bademantel überziehend schaue ich aufs Display und puste unwillkürlich durch, ehe ich antworte: „Hallo Es-“

„Das Geld ist nicht eingegangen“, schneidet sie dazwischen.

Seltsam, immer wenn Esther anruft, stelle ich mir vor, wie sie in einer kurzen Pelzjacke, unter der sie ein elegantes schwarzes Abendkleid mit hohen roten Hacken trägt, im frühen Tageslicht aus einem schäbigen Nachtclub schleicht. Betrunken, verlebt, das grelle Make-up grotesk verschmiert. Eine wenig schmeichelhafte aber durchaus amüsante Vorstellung. Keine Ahnung, was sie in diesem Moment wirklich trägt oder ob sie zu grell geschminkt ist. Wir sind seit fünf Jahren geschieden. Zum Glück.

Im Pelz gefällt’s

Ich frage automatisch: „Was heißt, nicht eingegangen?“

„Das frage ich dich?“, retourniert sie postwendend.

„Hat die Versicherung denn nicht überwiesen …?“

„Ich habe Ausgaben, komm deinen Verpflichtungen nach.“

„Esther, es ist das erste, was ich höre. Ich habe keine Ahnung, warum das Geld nicht überwiesen wur-“

Sie fährt erneut dazwischen: „Spar dir deine Ausreden. Regina wird fünfzig, da kann ich ihr keinen Wellness-Gutschein schenken, verstehst du das? Ich habe nichts anzuziehen, meine Haare müssen gemacht werden, die Maniküre ist längst überfällig. Aber wie ich dich kenne, ist dir das ja egal.“

„Ist ja gut.“

„Nichts ist gut. Gar nichts“, dann kommt sie mit einer echten Überraschung, „Malte hat übrigens sein Studium geschmissen.“

„Malte hat was …? Warum das denn?“

„Sprich doch zur Abwechslung mal mit deinen Kindern.“

„Was soll das jetzt wieder? Ist auch noch was mit Sina?“

„Frag sie das selbst.“

Ihre Andeutungen sind verklausulierte Vorwürfe, die einzige Leier, die sie seit Anbeginn draufhat: Ich bin immer an allem schuld … Zum Verrücktwerden.

„Ich erwarte, dass du unverzüglich deinen Unterhaltsverpflichtungen nachkommst.“ Sie klingt förmlich wie ein Anwalt.

„Was sonst? Willst du mich vielleicht pfänden lassen?“

„Glaubst du, ich wüsste nichts von deinem Nebenjob? Ein Wort von mir und-“

Jetzt unterbreche ich sie: „Ein Wort von dir und du kannst Regina deine Putzdienste zum Geburtstag schenken, Esther.“

„Du hast bis morgen“, erwidert meine Exfrau ungerührt, die nur hört, was sie hören will und kappt schnell die Verbindung.

Im Nachhinein ärgere ich mich. Sie würde niemandem von meinem Nebenjob erzählen, sie schneidet sich doch nicht ins eigene Fleisch. Soweit kenne ich sie sicher – das hoffe ich zumindest.

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