KURIER – Story 8

Eine gefaltete Zeitung in der Hand trete am ich späten Nachmittag an die Fahrerseite der großen dunklen Mercedes-Limousine heran, die auf die Sekunde pünktlich neben der Verkehrsinsel, auf der ich stehe, hält. Ehe ich anklopfen kann, surrt die Scheibe ein Stück herunter . . .

Hinter dem Steuer sitzt ein bulliger Mann in einem klassischen grauen Anzug und einer schwarzer Krawatte. Sein musternder Blick macht mich nervös. Ich grinse dösig. Der Bodyguard nickt: Okay. Ich gehe um das Heck herum, lasse ein Fahrzeug passieren, öffne die Tür auf der rechten hinteren Seite und steige ein. Der Wagen fährt los.

Die Limousine riecht nach Leder. Sie ist brandneu. Ich sitze neben dem Boss auf der Rückbank.

Er fragt mit Blick auf meine Zeitung: „Wäre ein Tablett nicht zeitgemäßer?“

„Papier kann man schlechter überwachen.“

Der Boss sieht wie ein jungkreativer Skater aus, Stoffmütze, Strickjacke, T-Shirt mit Pseudorevoluzzeraufdruck, Freizeithose, Designerboots. Er grinst unter seiner Sonnenbrille. „Dann mal los.“

Kurz sammeln, dann: „Ich würde gerne häufiger fahren.“

„Ich muss ja zugegeben, dass ich unserer Begegnung mit einem gewissen Interesse entgegengeblickt habe. Ein Mann mit Ihren Talenten …“ Der Boss führt nicht weiter aus, welche Talente er meint, ich verstehe auch so. „ … kann bei mir jederzeit mehr verdienen. Sehr viel mehr sogar.“

Seinen auffordernden Blick haltend frage ich: „Ich nehme an, Sie reden vom Finanzbereich?“

Mit zwei Fingern zieht er die Sonnenbrille ein Stück die Nase hinab und strahlt mich über die dunklen Gläser hinweg an: „Volltreffer.“

Ich beisse mir auf die Lippen, schüttle dann leicht den Kopf.

„Es ist schon schlimm, wenn eine steile Karriere so dramatisch abstürzt“, sagt Boss in einem scheinheiligen Tonfall, „erst der Crash und dann die leidige Sache mit dem Anlage-betrug. Das kann einem schon auf Gemüt schlagen.“

Burn, Benjamin Franklin, burn, the whole f-ing lot of you . . .

Den Ausdruck Gemüt habe ich zuletzt mit sieben oder acht bei meiner Oma gehört, der alten Dame Schlug alles aufs Gemüt. Dagegen halt nur ihr Patentrezept, ein im Vorabend-programm beworbenes Nerven-Tonikum mit vierzig Prozent Alkohol. Ich sage: „Daran trifft mich keine persönliche Schuld.“

„Niemand ist persönlich schuld. Niemals, das ist für die Mehrheit nur schwer zu verstehen. Enttäuschte Anleger sind halt unangenehm. Trotzdem haben Sie die Konsequenzen tragen müssen.“

Natürlich wird er Erkundigungen über mich eingezogen haben. Seine Geschäft und vor allem seine Freiheit hängen davon ab, immer zu wissen, mit wem er es zu tun hat. Darum bin ich nicht überrascht, dass der Boss über mich und meinen Werdegang – von Schicksal zu reden, wäre zu melodramatisch – Bescheid weiß.

Er sagt: „Aber Sie sollten sich das nicht so zu Herzen nehmen. Es ist doch nur Geld.“

Kann man so sagen. Sehr viel Geld sogar. „Leider kann ich eine derart verantwortliche Tätigkeit nicht mehr ausüben.“

„Ihre Belastungsgrenze ist mit Autofahren erreicht?“

Die Limousine rollte mit fünfzig Km/h durch die Straßen, draußen hinter den getönten Scheiben zieht meine schäbige Heimatstadt vorbei. Für einen Moment frage ich mich, was ich hier mache? Warum ich niemals aus diesem Dreckloch abgehauen bin? Ich spüre, wie der Bodyguard mich im Rück-spiegel beobachtet, als wolle er sich meine Visage genau einprägen. Mit einer entschuldigenden Geste antworte ich dem Boss: „Ich fürchte Ja.“

Jetzt kommt er mir so nahe, dass ich die zahllosen kleinen Fältchen um seine Augen deutlich erkennen kann. „Das wäre wirklich schade. Ich an Ihrer Stelle, würde in Ruhe in mich gehen und noch einmal ehrlich über mein Talent und meine Chancen und Möglichkeiten nachdenken.“

„Ich danke Ihnen für den freundlichen Rat. Aber wenn es möglich wäre, würde ich gerne nur häufiger fahren.“

„Ach, es gibt so viele Fahrer.“ Er schiebt die Sonnenbrille wieder hoch und wendet sich ab. Audienz beendet.

Die Limousine hält am Straßenrand.

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