VIGILANTEN – work in progress 8

Nach der Wahl ist vor der Stichwahl. Keine Sau geht mehr zu den Urnen. Macht nix, denken sich die Parteien. Je weniger abstimmen, desto besser für sie, weil dann diejenigen, die ihre Gefolgschaft am besten mobilisieren können, gewinnen. Unabhängig davon, ob sie eine Mehrheit in der Bevölkerung haben oder nicht. Sie haben die Mehrheit der abgegebenen Stimmen, dem Gesetz ist Genüge getan. Denn nur darum geht es: um die Macht. Diese de facto „Demokratie der wenigen“ führt zu immer größeren Verwerfungen und Frustration in der Bevölkerung und lässt die Zahl der Nichtwähler weiter anschwellen. Das ist den Wahlstrategen ebenfalls egal, sie werden ausschließlich fürs Gewinnen bezahlt – und ziehen dafür alle Register . . .

Obermeier scrollte durch die Wahlanalysen. Sein Team hatte die Nacht durchgearbeitet und ihm schließlich um acht Uhr früh die Daten übermittelt. Der Urnengang war eine herbe Schlappe. Mit einem Vorsprung von nur neunzig Stimmen zum Drittplatzierten konnte sich seine Klientin knapp in die Stichwahl retten und an einer totalen Blamage vorbeischrammen. Ihr Gegenkandidat, ein jungenhafter, finanzkonservativer Grüner, wurde bereits als neuer Oberbürgermeister gehandelt. Die Medien und sämtliche Experten waren sich einig: Karola Hohmanns erste Amtszeit würde zugleich ihre letzte sein.

„Sie haben am stärksten bei männlichen Wählern über fünfzig verloren –“

„Warum? Erinnere ich die etwa an ihre erste Ehefrau?“

„ –und bei den Wählerinnen zwischen 20 und 50“, vollendete Obermeier. Er fügte an: „Sie müssen der Wahrheit ins Auge sehen und die lautet, und bitte verzeihen Sie mir die drastische Wortwahl, entweder Mutti oder Muschi. Dazwischen gibt es hierzulande keine Positionierung für Politikerinnen.“

Hohmann war unverheiratet und kinderlos und aus dem Management in die Politik gewechselt. Sie definierte sich als Macherin. Mehr burschikos denn begehrenswert, wie eine zickige Journalistin sie in einem Porträt beschrieb. Nach fünf Jahren im Amt hatte die Macherin sich an Bürokratie, Filz und Vetternwirtschaft abgearbeitet, ohne auch nur eines ihrer Wahlversprechen realisieren zu können und jetzt ging es mit äußerst geringen Chancen in 14 Tagen in die Stichwahl. Deren Ausgang für die konservativ-alternative Koalition im Stadtrat allerdings ohne Bedeutung war, weil er an ihrer Mehrheit nichts änderte. Wie formulierte Birger es in dem Strategiepapier: „Ideologisch einst für unmöglich gehalten haben die Alternativen sich längst den realexistierenden Zuständen angedient und vertreten wie alle bürgerlichen Parteien außer der isolierten Linken neoliberale Wirtschaftspositionen.“

Politschmierlappen: Hauptsache schön hygienisch in Auftreten und Tonfall

„Mutti oder Muschi“, wiederholte Hohmann. „Birger, wir sind hier in Deutschland und nicht in Italien.“

„In Italien heißt es ,Mama oder Madonnaʻ. Aber bitte, wenn Sie skeptisch sind, dann schauen Sie sich Ihre Kolleginnen in politischen Führungspositionen an.“

Er nannte einige äußerst abschreckende Beispiele, Frauen deretwegen sie lange den Ruf in die Politik ungehört verhallen ließ. Die Oberbürgermeisterin winkte ab. „Mit diesen Damen vergleiche ich mich nicht.“

„Die Wähler aber. Sie entscheiden emotional, nicht rational. Vor fünf Jahren konnten Sie als Außenseiterin die Stimmen derjenigen auf sich vereinigen, die Ihren Amtsvorgänger nicht länger ertragen konnten. Heute sind Sie die unbeliebte Amtsinhaberin …“ Er ließ das Ende offen und lächelte, um seinen Worten die Härte zu nehmen.

„Die man nicht länger ertragen kann?“, vollendete Hohmann. „Soll die erste direktgewählte Oberbürgermeisterin auch die erste sein, die direkt wieder abgewählt wird?“

„Die Stichwahl ist so gut wie entschieden.“

„Schauen Sie sich schon nach einem neuen Kandidaten um? Wollen Sie ein Empfehlungsschreiben von mir?“

„Erfolg ist meine beste Empfehlung, Frau Oberbürgermeisterin. Ihr Gegenkandidat hat noch letzte Nacht, unmittelbar nach Bekanntgabe des vorläufigen Endergebnisses, mit verlockenden Versprechungen um die Wähler der gescheiterten Kandidaten geworben.“ Politikberater Obermeier faltete seine Hände. „Wollen Sie sich mit der Niederlage abfinden?“

„Nein“, entfuhr es Hohmann spontan. Sie versuchte diesen unerträglichen Gedanken, der ihr seit Tagen immer wieder den Schlaf raubte, weit von sich zu schieben. „Das ist völlig inakzeptabel.“

„Gut.“

„Gut?“

„Gut. Damit stellt sich uns und nämlich nur eine Frage: Wie können wir in den verbleibenden 14 Tagen die politische Meinung bei den relevanten Wählerschichten zu Ihren Gunsten wenden?“

„Wie wollen Sie denn dieses Wunder vollbringen?“

„Sie haben das Image einer Macherin, einer erfolgreichen Krisenmanagerin. Selbst Leute, die Sie nicht ausstehen können, brauchen Sie.“

„Wie charmant.“

„Frau Oberbürgermeisterin, Sie werden gewählt, weil die Zeiten es absolut erfordern.“

„Welche Zeiten denn?“

„Die Krisenzeiten.“

„Ach, Birger, wir leben schon seit mehr als zehn Jahren in der Dauerkrise.“

„Aber nicht im akuten Bewusstsein der Wählerinnen und Wähler. Das macht den Unterschied.“

„Sie meinen also, das Einzige, das mich retten könnte, wäre eine Naturkatastrophe, der Absturz des Euros oder ein Bürgerkrieg?“

„Prima, dass Sie Ihre Möglichkeiten realistisch einschätzen.“

Aalglatt und überflüssig wie ein Kropf – Unternehmensberater kriegen jeden Laden besenrein

Hohmann trat ans Fenster und blickte hinaus auf den leeren Rathausvorplatz, wo ein Schwarm Tauben gurrend und pickend zwischen Bänken und Mülleimern umherlief. Gegenüber an dem Bauzaun vor dem im Rohbau befindlichen neuen Verwaltungstrakt strahlte ihr der Sieger des ersten Wahlgangs von den Plakaten entgegen. Unter Posners jungenhaftes Grinsen hatten seine Wahlhelfer sorgfältig einen roten Streifen mit dem weißen Schriftzug ,Herzlichen Dank!ʻ geklebt. Bei ihren Plakaten dagegen hatte jemand das gerahmte schwarze ,Dankeschön!ʻ auf weißem Grund achtlos über ihr Gesicht gekleistert. Sogar ihr eigenes Team glaubte nicht mehr an einen Sieg in der Stichwahl. Eine Gruppe Geschäftsleute, Typ Unternehmensberater, in Anzügen mit wehenden gestreiften Krawatten und umgehängten Laptoptaschen fuhr laut johlend auf elektrischen Mietrollern in die gurrenden und pickenden Tauben hinein, die sich mit wenigen Flügelschlägen in die Luft erhoben und in Formation am Rathausfenster vorbeifliegend aus Hohmanns Blickfeld verschwanden. Rette sich, wer kann. Triumphierend reckten die rollerrasenden Unternehmensberater ihre rechten Fäuste in die Höhe.

Die Oberbürgermeisterin wandte sich an ihren eigenen Berater. „Welche der drei genannten Möglichkeiten ist denn Ihrer Meinung nach die wahrscheinlichste, Birger: Naturkatastrophe, Euro-Crash oder Bürgerkrieg?“

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