DIE GROSSE ERLEUCHTE – Teil 4

KUSCHELN AUF DEM NAGELBETT

Trotzdem haben die Großbanken Probleme: Sie müssen weiterwachsen. Sie müssen das Kapital ihrer Anleger investieren. In den letzten zwanzig Jahren ist die Anzahl der Anlagemöglichkeiten in die Realwirtschaft allerdings immer uninteressanter geworden. Zu lange Laufzeiten, zu geringe Renditen. Geniale Lösung der Banken: Finanzprodukte. Kapitalanlagen sind nichts als Produkte und werden mit den Instrumenten des Marketing aktiv, man kann auch sagen aggressiv, vertrieben.

LUSTIG EIERT DAS KRISENKARUSSEL

Je risikoreicher die Anlage, desto höher die Renditechance. Nur scheuen die meisten Anleger das Risiko – folglich müssen Bewertungen her, die Sicherheit vorgaukeln. Hier kommen die Ratingagenturen ins Spiel. Sie bewerten frei, unabhängig und objektiv, Finanzprodukte nach ihrer Rentabilität und ihrem Risiko.

Heimstätten des geistigen Prekariats

Da die Ratingagenturen Lieferanten der Banken sind, und sich zum Teil in deren Eigentum befinden, möchten sie ihre Kunden/Eigentümer natürlich an sich binden, bzw. nicht enttäuschen. Wer sägt schon an dem Ast, auf dem er sitzt? Also fallen die Ratings extrem positiv aus. (Ciao, frei, unabhängig und ojektiv.) Positive Bewertungen gleich hohe Anlagesicherheit gleich mehr Anlageverkäufe. Der Markt wächst. Ein perfektes System – bis die Blase platzt. Was 2008 bei den Subprime Mortgages geschah und zunächst Lehman Brothers in den Konkurs zwang, weil die New Yorker Fed ihnen keinen Bail-out gewähren wollte, und anschließend die gesamte Weltwirtschaft in die Rezession trieb – die bis heute noch immer nicht überwunden wurde.

Die meisten der sogenannten Finanzprodukte für private Anleger beruhen ebenfalls auf Spekulation (umgangssprachlich Zocken) wie diese: Der Anleger bekommt dann hohe Renditen, wenn DOW oder FTSE oder DAX in bestimmen Zeiträumen, bestimmte Kursmarken erreichen. Sollten die Kurse sich gegenteilig entwickeln, erhält der Anleger natürlich keine Rendite, er verliert vielleicht sogar Teile seiner Anlage – in manchen Fällen die gesamte Anlage.

Hausse oder Baisse?

KLEINER EXKURS: DIE BÖRSE

Traditionell beschaffen Unternehmen sich an der Börse Kapital für ihre Entwicklung, für Investitionen in zukünftiges Wachstum. Anleger kaufen Aktien, weil sie an diese Entwicklung des Unternehmens glauben. Der Aktienkurs stellt den Wert des Unternehmens da, der durch Kauf und Verkauf ermittelt wird. Wird mehr gekauft als verkauft, steigt also die Nachfrage, dann steigt der Kurs der Aktie. Im umgekehrten Fall, sinkt er.

Spätestens seit 1999 haben die Finanzmärkte mit obiger Beschreibung der Börsen nichts mehr zu tun. Sie sind zur Spielcasino-Wirtschaft verkommen. Was sonst sind denn Leerverkäufe? Oder das High-Frequency und Ultrafast-Trading? Bei Letzteren handeln Computer nach Algorithmen, d.h. sie tätigen eigenständig Käufe und Verkäufe in Millisekunden. Da jede Transaktion Geld einbringt, wird durch die Beschleunigung die Anzahl der Transaktionen vervielfacht und ergo mehr Geld verdient. Natürlich ist Profit der einzige Grund für diese Formen des elektronischen Handels.

Finanzprodukte für Unternehmen und private Anleger sind ein riesiger Markt. In den USA liegt der Anteil der Wallstreet am Bruttosozialprodukt unter rund 10%, ihr Anteil an den erlösten Profiten hingegen bei über 60%. Hedegefonds sind die neuen Masters of the Universe. An den Börsen wird mit Geld Geld gemacht, und das virtuell, völlig unabhängig von der Realwirtschaft. Die Finanzmärkte dominieren die globale Wirtschaft, von der sie sich einerseits entkoppelt haben, zu der sie sich andererseits absolut parasitär verhalten. Sie produzieren nichts außer fiktivem Kapital, zwingen dafür aller Welt ihre Herrschaft auf. Das Zauberwort mit dem Staaten und letztlich jeder Mensch unterjocht wird, heißt Schuldenknechtschaft.

Die Unternehmen der „Realwirtschaft“ erhalten nur sehr erschwert Zugang zum benötigten Geld. Mit normalen Geschäftskrediten können Banken angesichts der Zinslage kein Geld verdienen. Sie lösen die Unterkapitalisierungsprobleme nicht, sondern schaffen nur noch mehr Probleme. In Zeiten billigen Geldes ist das reguläre Kreditgeschäft für die Banken aufgrund der geringen Zinsen völlig unterinteressant, zugleich aber suchen Investoren händeringend nach Anlagemöglichkeiten mit guten Renditen, daher nehmen die auf Spekulation beruhenden Finanzprodukte weiter zu. Und weil jeder mitverdienen will, dazu sämtliche Honorierungssysteme (die sogenannten Management-Boni) an Wachstum und Profit gekoppelt sind, ist der Anreiz systemimmanent.

Die Staatsgewalt macht sich mit den Gelbwesten gemein

Wer Geld verdienen will, muss zocken und darum wird gezockt, und das noch hemmungsloser, noch ungebremster als vor 2008. Die lockere Geldpolitik von Federal Reserve und EZB pumpt immer mehr Geld in die Märkte, was die Börse beflügelt, die Finanzmärkte weiter aufbläht, aber Sparer und Altersvorsorger verarmt. (Von der wachsenden Staatsverschuldung die durch wohlklingende Programme maskiert wird, wie z.B. EZB-Anleihenkauf, einmal völlig abgesehen.) Nur scheint dieser Umstand der herrschenden Klasse und ihren Ideologen egal zu sein. Ohne das in die Finanzmärkte gepumpte Kapital, wäre der ganze Laden nämlich längst implodiert. Was die Notenbankchefs natürlich wissen und vermeiden wollen, dann verlieren nämlich auch die Reichen.

VIRTUELLE NOTENPRESSE

Darum lassen Draghi und Co. den Geldhahn weiterhin schön offen und produzieren mit billigem Geld Scheinwachstum für die Spielcasino-Wirtschaft. Doch ausgerechnet jetzt schwächelt die Konjunktur in China. Dazu ist das Wirtschaftswachstum der USA im Wesentlichen ein Effekt von Trumps kriminellen Steuersenkungen für sich und die Oligarchen, die ihn ins Amt ließen, und für Corporate America, die Konzerne, die mit dem geschenkten Geld (zusätzliche Profite) in 2018 zu 90% Aktienrückkäufe tätigten. Richtig zu investieren oder zur Abwechslung ihre Arbeitnehmer anständig zu bezahlen, kam ihnen nicht in den Sinn. Die Aktienrückkäufe trieben die Börsenkurse an der Wallstreet in die Höhe und die erfolgsabhängigen Vorstandsboni praktischerweise gleich mit. Weil diese Form der Wertsteigerung ins Bruttosozialprodukt eingerechnet wird, ist das positive US-Wirtschaftswachstum zum gößten Teil Augenwischerei. Bei den Arbeitnehmern ist so gut wie nichts von den Überschüssen angekommen. Nur will das keiner der Verantwortlichen eingestehen, denn es würde ihre Idiotie, Verblendung und Inkompetenz beweisen. Halt! Das sehen die Macher völlig anders: Be smart, it pays to play the system.

Die Krise 2008 war seit 1999 bereits die dritte: Nach 2000, dem Zusammenbruch des Neuen Marktes, nach 2005, dem Börsencrash, kam 2008, der Subprime-Mortgage-Kollaps. Ein Blick in die Historie zeigt, ohne strenge Finanzmarktregulierung sind Krisen unabdingbar. Sie fanden in den USA zwischen 1865, dem Ende des Bürgerkrieges, und vor Einführung der Finanzmarktgesetze in den 1930er Jahren, als Folge der Großen Depression, in Zehnjahreszyklen statt. F.D. Roosevelt rettete mit der Finanzmarktregulierung nach eigenem Bekundenden den Kapitalismus, und bezeichnete dies als seine bedeutendste Amtsleistung.

(Eine der ersten großen Spekulationsblasen platzte im 17. Jahrhundert in den Niederlanden. Damals wurde mit Unsummen auf den steigenden Wert von Tulpenzwiebeln gezockt. Die Regierenden haben seinerzeit übrigens den geforderten „Bail-out” der vom Ruin bedrohten Spekulanten abgelehnt. Wie beruhigend, dass die nächste Krise nur eine Frage der Zeit ist. Gib es dann wieder eine Abwrackprämie fürs Volk?)

Politikerreaktion auf Schülerproteste: Schulpflicht geht vor

Auch Spekulationen und Wetten gegen Währungen einzelner Staaten haben eine lange Tradition – so spekulierte George Soros einst gegen das britische Pfund und verdiente Milliarden – die Folgen solchen Vorgehens sind heute aber immer unabsehbarer. Der Zusammenbruch einer Währung bedeutet den Kollaps der Wirtschaft und damit der Gesellschaft. Das warnende Beispiel der letzten Jahrzehnte ist Jugoslawien. Als die Währung zerbrach und mit ihr die Wirtschaft, eskalierte die Gewalt.

Die vierte Maxime lautet: Spekulation beruht unvermeidlich auf dem Prinzip von Boom und Bust. Zusammenbrüche sind folglich systemimmanent.

Je schneller und überhitzter die Wirtschaft wächst, desto schneller die Talfahrt. Spekulationsblasen platzen immer. Auf den Boom folgt unabwendbar der Kollaps, die Vernichtung von Vermögen. Systemisch betrachtet, sind Krisen lediglich eine Bereinigung des Marktes von überschüssigem, unnötigem Kapital und deshalb als Wertkorrektur notwendig. Verlierer gehören nicht nur zum Spiel – sie sind unverzichtbarer Bestandteil. Der Kapitalismus produziert nur wenige echte Gewinner. Wirklich reich wird eine kleine Minderheit. Die große Mehrheit schaut in die Röhre. Verlierer sind immer die Dummen, die „nicht informierte“ breite Bevölkerung. Die Informierten manipulieren den Markt zu ihrem Vorteil.

In London manipulierten die Banken, mittendrin der im kontinuierlichen Niedergang befindliche „Bundesprimus“ Deutsche Bank, die Libor und Euribor Zinssätze und maximierten ihre Profite. (Wofür die Hauptverantwortlichen in den Knast geschickt wurden, deren Chefs aber entlohnt.) Allem Abstreiten zum Trotz ist das Finanzmarktalltag. Branchenprofis wissen, dass die Anzahl der – offiziell verbotenen – Insidergeschäfte an den Börsenplätzen unendlich größer ist als angenommen (als aufgedeckt ohnehin).

Scherbenhaufen Post-Moderne

Manipulation wird durch Oligopole befördert. Diese bilden in nahezu allen Schlüsselindustrien, sowie auf dem Finanzsektor, geschlossene Gruppen von Playern, denen Kontrollbehörden wenig auf die Finger schauen können, sofern sie es denn ernsthaft wollten. Ein beliebiges Beispiel ist der VW-Abgasskandal. Wer glaubte denn ernsthaft, dass in einer Branche, in der nicht nur völlige Transparenz über die Herstellungskosten herrscht, sondern sich Wettbewerber die gleichen Fahrzeugplattformen für ihre Modelle teilen, niemand von den Manipulationen der Wolfsburger wusste? Inzwischen ist klar, alle Hersteller wussten nicht nur davon, sie haben alle mitgemacht. Man darf dem Wettbewerb keinen Vorteil überlassen. Diese Form von Betrug und Selbstbetrug ist ebenfalls systemimmanent.

KONZERNE MACHEN POLITIK

Globale Oligopole agieren mit der Finanzmacht ganzer Staaten. Konzerne wie z.B. Apple, Google oder Facebook besitzen höhere Börsenwerte und mehr Vermögen auf Festgeldkonten, als die meisten Staaten an Bruttosozialprodukt ausweisen. Großkonzerne setzen ihre Interessen ohne Rücksicht auf die Allgemeinheit durch, was die Versuche belegen, internationale Wirtschaftsabkommen wie TTP und TTIP (kann sich an die noch einer erinnern?) durchzuprügeln, in denen Deregulierung und Angleichung nationaler Vorschriften als Effizienzsteigerung und somit „Wachstum förderlich“ verkauft werden – was allgemein akzeptierter Logik nach Arbeitsplätze schafft (ungeachtet der Realität).

Die Arbeitsplatz-Argumentation ist das Totschlagargument für verunsicherte Abgeordnete – vor hoher Arbeitslosigkeit haben deutsche Politiker bekanntlich wirklich Angst – folglich votiert eine ausreichende Mehrheit in der Regel zuverlässig mit Ja und Amen. Wo das einzelne Gewissen nicht funktioniert (oder dies aus Sicht der Veranwortlichen verhütet werden muss), rettet man sich in unserer Demokratie in den bewährten Fraktionszwang. Dann ist der Einzelne garantiert auf Seiten der Mehrheit. Schulterschluss in Aktion, Hirn abschalten und weitermachen. Wie beruhigend.

Fortsetzung folgt …

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