DERBYHIT – Story

Das Geschäft von Havarie-König Tommy Schmitz schlingert und er muss sich bei Kredithai Wetten-Dieter aus der Affäre ziehen …

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Seit vorige Woche die Nutella-Sache schief ging, hatte ich Wetten-Dieters Eintreiber Uhl an den Hacken kleben wie andere Leute Hundescheiße.

Dabei schien der Deal eine einmalige Gelegenheit: Eins-A Marke zu einem Eins-A Preis, garantiert akkurat gestapelt und mit Streckfolie umwickelt. Für 20 Riesen sollten die Nuss-Nougatcreme-Paletten vom Sattelzug fallen. Einen Kunden hatte ich schnell an der Hand, der bot das Vierfache für die Schore. Fällig bei Warenübergabe. Allerdings bestand mein Lieferant auf Vorkasse und ich hatte ein Problem.

An- und Verkauf war mein Geschäft: Postenweise Pelle Vera aus Italien, Chorizo aus Spanien oder Kondomer aus Dänemark. Havarie-Ware, meist ganze Lastzüge, höchstens für die Hälfte des Neuwerts, gerne auch günstiger. Das prekäre Volk verlangte es, ich verscherbelte es, billig und reichlich und aus Prinzip nur gegen Bares. Lange Zeit ein gutes Geschäft, die letzten Jahre allerdings galoppierend schwindsüchtig.

Die Ursache hieß Angebotsschock.

Seit Deutschlands Autobahnrastplätzen zu Europas Warenlager umfunktioniert wurden, nur wesentlich schlechter bewacht, rutschten die Preise für Posten und ganze Lastzüge unter meinen Fixkosten. Gegen die neue, straff organisierte internationale Konkurrenz, besaßen meine Einzelunternehmervorteile wie Zuverlässigkeit, Qualität oder Flexibilität, keinen Wert mehr.

Das Warensegment „Rastplatzgüter” bräche alle Rekorde, verriet mir Ottmar das Orakel, der in Aktien machte und behauptete, bald würden Analysten die zweistelligen Wachstumsraten nicht mehr ignorieren können. Ganz sicher überlegten Banken und Hedgefonds schon, wie sie an dem Boom partizipieren könnten. Unterm Strich waren seriöse Postenangebote äußerst selten und solvente Aufkäufer noch viel seltener. Obwohl ich Ebbe in der Kasse hatte, stand mir das Wasser bis zum Hals. Begreife einer die Logik.

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Zwangsläufig klapperte ich mit meiner einmaligen Gelegenheit die üblichen Investoren ab, und dazu ein paar der unüblichen. Aber als wenn ich schon nach Aas stinken würde, verweigerten mir alle die rettenden 20 Riesen. Nichts Persönliches, Tommy, versicherten sie unisono, Nuss-Nougatcreme sei momentan eben nicht en vogue, aber beim nächsten Mal bestimmt. Von wegen, der Teufel schiss immer auf den größten Haufen, der kackte haarscharf daneben. Mir blieb nur noch der Gang zu Wetten-Dieter übrig. Und den störte mein Geruch überhaupt nicht.

Wetten-Dieter hat einen Riecher fürs Geschäft

Ihr könnt euch vorstellen, was dann passierte? Genau.

Anstatt den Gegenwert von dreißig Tonnen Nutella, der mich locker für sechs Monate saniert hätte, auf der Habenseite zu verbuchen, stand ich mit zwanzig Tausend Euro beim König des Kleinkredits im Soll.

Der Arsch müsste normalerweise schon längst in Rente sein.

Obwohl ich Wetten-Dieter ausführlich am Hergang der Misere teilhaben ließ, schien der König ungehalten. Ich saß in seinem viel zu dunklen, modrig riechenden Kellerbüro, in einem viel zu tiefen Sessel und durfte mir den Hals verrenken, um Wetten-Dieter und seinen Eintreiber Uhl wechselweise anzuschauen.

„Bei mir zahlt jeder zurück. Immer. Wetten, Tommy?”

„Jede Wette, Dieter.”

Jetzt musste ich mir schleunigst etwas einfallen lassen, wollte ich nicht von Uhl meine Finger und Zehen kupiert bekommen. Wenn es dabei denn bliebe. Dieses Anabolika-Monster wirbelte schon vor lauter Vorfreude mit dem entsprechenden Edelstahlgerät aus Solinger Fertigung herum.

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Deshalb saß ich kurze Zeit darauf in meinen einzigen und besten Verkäufer-Outfit – dunkler Anzug, rosa Hemd, elegante Krawatte, passende Budapesterschuhe – in der Esprit-Bar und hielt nach geeigneten Zielpersonen Ausschau, die in einmalige Gelegenheiten investieren konnten und wollten.

In dem Edelschuppen verkehrten nur Leute mit reichlich Scheinen oder solche, die dafür gehalten werden wollten und entsprechend großzügig selbige raushauten.

Doch weder die reife Immobilienmaklerin Ingeborg, ledig, generös, „jüngere Männer ziehen mich unwiderstehlich an, Herr Tommy”, noch der süffisante Investor Hermfried, „für den Vornamen erbte ich fünfzig Millionen und sagte, scheiß drauf, beide sind der Grundstein meines Erfolges”, wollten sich auf meine todsicheren Rendite-Tipps einlassen. Dafür schlürften sie auf meine Kosten Cocktails und verschwanden nach demonstrativem Bussi-Bussi Abschied in die Nacht.

Die Reize der Jagdgöttin

Mein dauerlächelnder Charme implodiert, so dass mir beinahe die Brünette, Mitte 20, Typ heirate mich, in einem aufregend engen Hauch von Rot gehüllt, entgangen wäre.

Soweit ließ sie es zum Glück nicht kommen: „Also ich würde ja gerne in Ihre Rendite-Chance investieren.”

Mit einem Strahlen belohnte ich sie für ihren Mut. Leider besaß sie nicht die diesbezüglichen finanziellen Freiräume.

„Auch nicht, wenn Sie Ihren Schmuck versetzen?”

Die junge Frau lächelte kokett und stellt sich als Diana vor. Zwei Cocktails später hatte sie mich ihrerseits für eine interessante Rendite-Chance erwärmt: Die Wetteinnahmen der Trabrennbahn in Övelhoven.

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Auf der Trabrennbahn war alles genau so, wie Diana es beschrieben hatte: Die meisten Zocker waren Halbprofis, verbrachten Stunden auf der Rennbahn, studierten die Pferde, die Quoten, wer im Sulky saß, „der Rietmeyer gewinnt in Serie, da gibt es für Gladiole nur 39:10”, und streuten gewinnmaximierend ihre Einsätze.

„Letztes Mal bin ich mit 10 im Plus raus. Davon konnte ich meine Uschi groß zum Essen ausführen und mir mit Tanja ein Wochenende in Barcelona gönnen. Anschließend hatten mich beide wieder lieb, meine Frau und meine Freundin. Glaubst gar nicht, wie Kleingeld die Attraktivität steigert”, klärte einer der Halbprofis mich auf.

An der Würstchenbude kam ich mit Willi, einem Pferdetrainer im unfreiwilligen Ruhestand, ins Gespräch.

„Meine Traber haben immer gewonnen, sag ich dir. Erfolg schafft Neider, und wie. Darum wurde ich auch gesperrt.”

Auf Lebenszeit wegen wiederholtem Pferdedoping, wie Willi mir nach dem fünften Pils vertraulich flüsterte. Seine Traber trotteten so schnell wie ein Smart. Nach dem zehnten Pils, flüsterte Willi noch was und das ganz vertraulich: „Die haben locker 100 Riesen in der Kiste. Weiß nur niemand. Schau dich um, wer interessiert sich heute noch für Trabrennen?”

Ich interessierte mich brennend für Trabrennen. Willi brannte auf fünf frischgezapfte Pils. Flüstern trocknete die Kehle aus.

Diana, meine durchtriebene Göttin der Jagd, hatte recht gehabt. Dieses heruntergekommene Oval, in dem die Zossen trabend ihre Runden zogen, war eine Goldgrube. Geradezu reif für jemanden, für den die Kupierzange nur der Anfang seiner Qualen bedeuten würde.

Schon als Welpe wollte niemand mit Bismarck spielen

Ich zwinkerte einem Dobermann mit beschnitten Ohren und Stummel statt langem Schwanz zu.

„Ist ein hartes Los, was, Bruder?“

Prompt ging die Dreckstöle auf mich los.

„Musst entschuldigen“, sagte sein Besitzer Rudi, der den Dobermann kaum bändigen konnte, „normalerweise ist Bismarck nicht so zutraulich. Er schiebt Kohldampf.“

Rudi hatte gerade reichlich verloren, weil er auf Rietmeyers Siegesserie vertraute. Ich brauchte nicht lange, bis er mir seine Bestie für 200 Euro überließ. Er setzte meine letzten Lappen gleich in Wettscheine um.

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Und ich setzte Bismarck gleich weitere 96 Stunden auf Diät, bevor ich ihn am Abkassiertag auf Wetten-Dieter losließ. Ob Bismarck den Geldhai zerbiss oder der an einem Herzkapser abnippelte, bevor der Dobermann sich an ihm sattfrass, war im Nachhinein nicht mehr eindeutig feststellbar. Die Töle hatte Dieters Herz zur Hälfte verschlungen, als drei äußerst angewiderte Streifenhörnchen, von einer besorgten Nachbarin alarmiert, die Magazine ihrer Dienstpistolen in den schmatzenden Bismarck pumpten.

Über die Hundemarke ermittelten die Bullen den rechtmäßigen Halter. Bestimmt, damit Rudi für den Schaden aufkam. Hoffentlich hatte er die letzten Läufe noch ein bisschen Glück gehabt.

Uhl macht nur Spaß

Heute Abend sitze ich mit Diana im Esprit Aperitifs schlürfen, bevor ich sie zur Feier des Tags, und leider auf Pump, in LOTTIs Edelschuppen einlade, ihr wisst schon, der Laden mit den kleinen Portionen und den horrenden Preise für die ganz blasierte Gesellschaft. Diana freut sich riesig aufs oppulente Mahl. Hier läuft noch Einiges. Das habe ich im Urin.

Und dann kommt ausgerechnet Uhl mit suchendem Blick herein und wirbelt mit seiner Kupierzange herum …

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