IM KUSCHELGULAG DES SYSTEMS – über Medienmindfuck

Nicht die Dinge selbst machen uns Angst, sondern die Vorstellung von den Dingen“, schrieb der stoische Philosoph Epiktet. Und was beeinflusst unsere Vorstellung mehr als das 24-7 mediale Dauerbombardement? Im Rahmen eines neuen Projekts einige Überlegungen zu den Medien in unserer Welt, in der alles zu einem elenden For-Profit-Modell verkommen ist.

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Im 18. Jahrhundert schrieb David Hume, als er über die Frage nachdachte, wie es denn käme, dass „the many are governed by the few“, die Vielen von den Wenigen regiert würden, der öffentlichen Meinung eine besondere Bedeutung zu. Wer es verstünde, die öffentliche Meinung zu lenken und Menschen mehrheitlich für diese Meinung zu gewinnen, der könne sie auch regieren.

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Heute benutzt man die Technik Framing, das Beschränken des Diskussionsrahmens. Wer also das Thema framed, sagen wir besser, das „Problem“, der bestimmt die Debatte. Ein ehrgeiziger Politiker profiliert sich daher, indem er etwas zum „Problem“ erhebt, unabhängig davon, ob es tatsächlich eines ist oder nicht, und zugleich die Lösung für dieses selbstgemachte „Problem“ präsentiert, unabhängig davon ob sie richtig ist oder umsetzbar oder Blödsinn.

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Politiker, Konzerne, Medien framen Debatten, um ihre Agenda (wovon sie profitieren) voranzutreiben.

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Geschah zu Humes Zeiten die Beeinflussung der öffentlichen Meinung vorwiegend von der Kanzel, vom Rednerpult und in den „broad sheets“, wie er die Zeitungen nannte (die von Anbeginn Geschäftsmodelle waren und damit Profitzielen unterworfen), so wurden im 20. Jahrhundert die Methoden der Beeinflussung verfeinert und die Mittel ihrer Verbreitung rasant weiterentwickelt. Vereinfacht lässt sich die Evolution wie folgt darstellen, mediale Form: Film, Radio, Fernsehen, Internet; Medium: Kino, Radioempfänger, Fernsehapparat, PC, Smartphone.

Das Super-Ego suhlt sich in der Bilderflut

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In unserem digitalen Zeitalter ist jeder jederzeit an jedem Ort erreichbar und mittels modernster Datenanalyse (Stichwort Algorithmen) gezielt ansprechbar. Die Daten liefern die Rezipienten dabei selbst, ob freiwillig oder unfreiwillig, meistens ungefragt.

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Der Handel mit Nutzerdaten ist das Basisgeschäftsmodell digitaler „Werbeagenturen“ wie z.B. Google, Facebook und Online-Händler wie z.B. Amazon. Wer also wissen will, wie „Datenmissbrauch“ entstehen kann, der betrachte das Geschäftsmodell seines Online-Dienstleisters. Der Fokus der Unternehmen liegt auf der Profitmaximierung mittels immer neuer Produkte und Dienstleistungen.

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Datenschutz bedeutet eine Einschränkung der Datenverwendung, er behindert damit das Geschäftsmodel und steht dem Unternehmensziel Profitmaximierung diametral entgegen. Daher ist es letztlich egal, wie häufig die „Sprechpuppe Zuckerberg“ persönlich die Verantwortung für den gerade aktuellsten Datenskandal bei Facebook übernimmt, es hat keine Konsequenzen, außer auf Zuckerbergs Vermögen. Das wächst weiter. So war der einzige Effekt der dreitägigen US-Senatsanhörung Zuckerbergs im letzten Jahr die Steigerung des Börsenwerts von Facebook, einhergehend mit einem Zuwachs von Zuckerbergs persönlichem Vermögen um drei Milliarden USD.

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Wurde vor 20 Jahren noch beklagt, dass kritischen Stimmen der Zugang zu den Medien und damit die Erreichung einer breiteren Öffentlichkeit behindert bis völlig verwehrt wird, so verschafft das Internet durch Blogs und soziale Medien, wie eben Facebook, What’s App, Twitter usw., potentiell jeder Stimme eine Plattform. Jetzt können alle, sofern sie denn über einen Internetzugang verfügen, ihr „demokratisches Recht“ auf freie Meinungsäußerung wahrnehmen und ihre Ansichten im digitalen Raum verbreiten. Von anonymen Pöblern und Hetzern abgesehen, reduziert das Gros der NutzerInnen scheinbar ihre freie Meinungsäußerung auf die Stimmabgabe zu einem Bild, Tweet oder Video, durch Verlinken und Likes (Daumen hoch oder Daumen runter, wie im alten Rom). Zusätzlich abgesonderte Kommentare werden in Emojis verpackt. Sprache verkommt zum Symbol. Der Wortschatz schrumpft auf essenzielle Willensäußerungen wie, „haben, geil, lol, fuck“. Weil alles und jeder Ware ist, wird alles und jeder entsprechend geschmacklich kommentiert.

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Ein Blick in unsere TV-Landschaft zeigt, aus Nachrichten wurde Infotainment, kritische Formate und Magazine werden beschnitten und in die Spätprogramme verbannt. Die „aufklärerischen TV-Konfrontationsformate“ mit ihren Schattenbox-Redeschlachten pumpen Themen auf, schalten mit ihrer künstlichen Aufgebrachtheit sogleich jegliches konstruktive Denken ab. Allein die Fragestellung der Moderatoren offenbart den ideologischen, engstirnigen Frame.

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Denken wird durch Glauben abgelöst, Wahrheit ist irrelevant, alles ist gleich gültig, was das Internet auf der Informationsebene zu einem in dieser Dimension völlig neuen unüberschaubaren Tauschplatz für Blödheit macht.

Soweit der Akku reicht

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Der Begriff Schwarmintelligenz wurde von Hobby-Psychologen auf der Suche nach neuen Verkaufsthemen formuliert. Mag Schwarmverhalten bei Fischen, Vögeln und „Herdentieren“ ein evolutionärer Fortschritt und eine Überlebenshilfe darstellen, muss beim Menschen, vor allem angesichts des Verhaltens im Internet (Kommentare und Likes sind hier sehr aufschlussreich), richtigerweise von Schwarmblödheit gesprochen werden. Fortschreitende Infantilisierung sei dank.

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In der TV/Streaming-Unterhaltung geben Popkultur-Formate, selbst wenn sie die genannten Widersprüche thematisieren oder emotionale Ventile für das unspezifische Unbehagen der Zuschauer schaffen, keinen Anstoß zu veritablen Alternativen. Die alles entscheidende Systemfrage wird niemals gestellt. Wie auch, wenn die Programmmacher, die Produzenten, die Kreativen gelernt haben, die Hand, die sie füttert, zu lecken und nicht zu beißen?

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Massenunterhaltung ist ein kapitalistisches Geschäftsmodell, deren Eigentümer Medienkonzerne sind, ihr Wert besteht somit allein in ihrem Konsumwert, und dieser ist quoten- und profitabhängig. Erfolgreiche Geschäftsmodelle werden auf den vermeintlichen Publikumsgeschmack zugeschnitten und perpetuiert, egal wie sinnlos und dumm sie auch sind. Nach vorgenannter Messlatte als „erfolglos” bezeichnete Geschäftsmodelle werden zügig eliminiert. Recht hat, was Kasse macht, lautet das Motto der Profit-Heloten.

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Ein weiteres Zauberwort heißt Branded-Content, das geht weit über Product Placement hinaus, und ist nichts anderes, als um die Sponsormarke herum eine fiktionale Storywelt zu stricken, mit dem Ziel noch viel mehr zu verkaufen.

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Die Konzerne locken mit Bequemlichkeit, die Verbraucher akzeptieren dafür, dass immer mehr ihrer sozialen Beziehungen von den Konzernen vermittelt werden.

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Es ist die Pflicht des Menschen gegen dieses System und seine Missstände zu revoltieren (Camus).

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Wo bleibt die Kriegserklärung an die phlegmatische, breiige Medienindustrie in Deutschland? Nur die Kreativen und die Künstler können diese Aussprechen. Nur sie können, nein, sie müssen, den finanziellen Würgegriff von Verlagen, Sendern und Förderanstalten sprengen. Und sie müssen sich persönlich den Verlockungen der Geldherren verweigern. Sie dürfen sich nicht korrumpieren lassen. (Und das ist verdammt hart.)

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Es ist die Pflicht von Kreativen und Künstlern, dem Publikum zu geben, was es braucht, nicht was es verlangt. (Was es im Übrigen auch nicht weiß.) Eine derartige „neue” Unterhaltung muss das Prinzip der „Schluckimpfung” verinnerlichen. So wie diese den bitteren Wirkstoff mit Zucker versüßt in den Körper des Patienten transportiert, muss eine neue Unterhaltung den Aufruf zur individuellen Revolte und kollektiven Revolution in Spass, Abenteuer und starke Gefühle verpacken, damit dieser Aufruf über das Herz ins Hirn der Zuschauer transportiert werden kann. Nur die Fiktion kann neue, andere Vorstellungswelten eröffnen.

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Wer so viel Naivität verbreitet, der gehört dringend in den Kuschelgulag zum Abstumpfen.

LINK zu BEITRAG über Ideologie . . .

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