HEIMBRINGER – gone girl

Getreu der Überzeugung, ein Kind gehört zu seiner Mutter, hatte Heimbringer jahrelang von den Vätern entführte Kinder aufgespürt und sie ihren Müttern zurückgebracht. Jetzt ist er erstmals in eigener Sache unterwegs: Er muss Michelle aufspüren, die bald 17-jährig von zuhause verschwand . . .

Die Adresse war ein Flachdachgebäude im Bungalowstil der späten Sechziger des letzten Jahrhunderts. Was damals architekonisch als gewagt galt, war heute nur ein abgehalftertes Zeugnis verrinnenden Vermögens. Seit mehr als fünfzehn Minuten lehnte ich mit vor der Brust verschränkten Armen an meinem quer in der Einfahrt parkenden Skoda-Kombi. Ganz sicher wurde ich längst kritisch beäugt, ganz sicher wurde überlegt, ob man mich weiter ignorieren oder die Polizei rufen sollte. Kurz darauf öffnete sich die Haustür und ein schmaler, blondierter junger Mann im androgynen Dandylook der wilden Weimarer-Zeit, die Augen schwarz geschminkt, einen Morgenmantel übergeworfen, stand barfuß im Eingang.

„Wenn Sie nicht sofort verschwinden, rufen wir die Polizei!“, rief er mit überraschend tiefer Stimme.

„Gute Idee.“ Ich löste mich vom Auto und schlenderte Richtung Eingang. Der Dandy sah mir verächtlich entgegen, schlug dann aber sicherheitshalber die Haustür zu, ehe ich ihn erreichte. Kaum drückte ich auf den Klingelknopf, erklang innen ein asiatischer Gong. Nachdem er verhallt war, drückte ich erneut den Klingelknopf. Erneut ertönte der Gong. Dann wurde die Tür zum zweiten Mal geöffnet, diesmal jedoch trat der junge Mann wortlos einen Schritt zur Seite.

„Na siehste.“ Grinsend ging ich an ihm vorbei in die abgedunkelte Villa.

Am Ende der Empfangshalle gab eine weitgeöffnete Doppeltür den Blick frei auf einen gleichfalls abgedunkelten Raum. Darin räkelte sich auf einem Diwan eine wasserstoffblonde, in einen Kimonomantel aus roter Seide gehüllte Frau. Sie sah aus, als hätte Lippenwunder Ute Ohoven dem plastischen Chirurgen Modell gestanden, und hieß inzwischen Karina Sommer. Wie sie davor hieß, habe ich vergessen, davor jedenfalls hieß sie Rosemarie Pitzfeld und war brünett. Damals waren wir einige Monate liiert. Sie verschwand, verpasste sich einen neuen Look samt neuem Namen und wurde dank vollem Körpereinsatz und geschickter Ehestrategie endlich reich und verwitwet. Die Hütte gehörte dem selig Dahingeschiedenen. Mit gebührendem Abstand blieb ich stehen. Rosi-Irgendwas-Karina musterte mich von oben bis unten, als müsse sie überlegen, ob sie mich an- oder auslachen sollte.

“Das nenne ich mal eine Überraschung“, sagte sie schließlich und verzog die prallen Lippen.

„Wirklich?“

Ihr künstliches Lächeln geriet noch künstlicher. Karina richtete sich langsam auf, dabei öffnete sich wie von selbst ihr Kimonomantel, darunter war sie nackt. Ihre Brüste erschienen mir voller als früher, der Bauch dafür flacher, der Teint hingegen unverändert makellos. Leichte Segelbräune, hieß das mal in einem Lied von so ‘nem Möchtegern-Rock-‘n-Roller. Es fiel mir noch immer schwer, ihre Reize zu ignorieren.

Als wüsste sie nun, was sie wissen wollte, schloss sie den Kimonomantel und sagte: „Möchtest du was trinken?“

Wie auf Bestellung brachte der androgyne Türöffner einen Champagner-Kübel aus Edelstahl mit einer Flasche teurem französischen Schaumwein auf crushed ice sowie zwei Gläsern.

„Was für ’ne Nummer ziehst du hier eigentlich ab?“, fragte ich.

„Wie aufmerksam, Maurice. Ich nehme gerne ein Glas“, sagte Karina meine Frage geflissentlich ignorierend.

Der Maurice genannnte Türöffner cum Kellner schenkte ihr mit einer eleganten Bewegung ein.

„Gregor hat mich angerufen“, sagte ich, vielleicht half das ja.

Karina streckte eine Hand nach dem Champagnerglas aus und hauchte ein stummes „Dankeschön“.

Langsam wurde ich ungeduldig. „Also, war Michelle bei dir?“

Maurice hielt mir ein volles Champagnerglas unter die Nase.

Abwesend das Glas nehmend raunzte ich ihn an: „Zieh Leine.“

„Gregor, Michelle, du, das ist ja die reinste Family-Reunion.“ Karina gab sich belustigt.

„Beantworte einfach meine Frage.“

„Wie langweilig.“

„Michelle ist von zuhause weg.“

Sie nippte an ihrem Schampus und ließ sich alle Zeit der Welt. „Sie kommt eben nach ihrer Mutter.“

„Du hast dich bestimmt teurer verkauft, Karina.“

„Und du bist immer noch der linke Träumer.“

„Deine Tochter macht Pornos.“

Mit 17 schon abgezockt und durchtrieben wie die Mama?

„Ist sie gut?“

„Dir ist alles egal, was?“ Verärgert warf ich das Champagnerglas hinter mich. Er zersplitterte auf dem Parkett.

Ohne die Miene zu verziehen, sagte Karina: „Michelle ist erwachsen. Außerdem finde ich, jede Frau hat die Pflicht, ihre Talente gewinnbringend zu vermarkten. So funktioniert nunmal die Welt. Auch wenn’s den Moralisten und den Idealisten nicht passt.“

Mir reichte es. Ich schnappte ihr Handgelenk und zog sie vom Diwan. Schampus spritzte umher. Sie hielt meinen Blick, während sie sich dicht an mich heranschob und „komm, mach’s mir“ flüsterte.

Sie wusste noch immer genau, welche Knöpfe sie bei mir drücken musste. Langsam wurde ich richtig wütend. „Wann war Michelle bei dir?“

Anstelle einer Antwort leckte Karina mir über die Lippen. Ehe ich reagieren konnte, prasselten Faustschläge auf meinen Rücken und Nacken. Ich stieß Karina weg. Ein zweiter blondierter Lustknabe, identisch androgyn getrimmt, war mit Maurice herangeeilt. Jetzt trommelten ihre Fäustchen auf mich ein, um das Frauchen zu beschützen. Die Hände hoch zur Doppeldeckung, schnell mit einem Sidestep den Winkel verändert, verpasste ich Blondi 1 eine linke Gerade auf den Solarplexus, täuschte rechts an und jagte Blondi 2 ‘nen linken Aufwärtshaken auf die Leber …

Japsend wie junge Hunde landeten die Bengel auf dem Parkett.

„Du wildes Tier …“, Karina amüsierte mein Ausbruch, die Knaben waren schließlich zu ihrem Vergnügen bestimmt.

„Turnt dich das an?“ Meiner aufgestauten Wut freien Lauf lassend, trat ich auf die am Boden liegenden, wehrlosen Jungs ein. Ihr Quieken erinnerte jetzt mehr an das von Meerschweinchen. „Gefällt dir das, Karina, und das und das?!“

Die beiden rollten sich wie Föten zusammen.

Karinas Gesicht war ein gefrorenes Grinsen. Voller Rage packte ich sie bei den Haaren, riss sie auf die Füße, zog sie einige Schritte hinter mir her.

„Aua.“ Sie heulte auf. Das Champagnerglas klirrte auf dem Boden. Der Kimonomantel glitt in blutroten Wellen von ihren Schultern hinab.

„Antworte mir gefälligst!“

„Michelle tauchte hier von ‘nem Jahr auf und wollte Geld“, schrie sie mich an.

„Und?“

„Beklaut hat sie mich, das kleine Miststück, und danach ist sie abgehauen. Zufrieden?“ Sie schrie noch immer.

„Vor einem Jahr war deine Tochter sechzehn!“

Da war sie still. Die Gesichter nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, starrten wir einander in die Augen. Aufgewühlt, gekränkt, verletzt. Als wäre es erst gestern passiert … scheiße, bloß nicht daran denken.

„Lass mich endlich los, du Arschloch“, sagte Karina plötzlich eiskalt.

Ich ließ sie los.

Die Bengel versuchten inzwischen aufzustehen. Maurice schaffte es zuerst, er half seinem Ebenbild hoch. Das Make-up verlaufen, den Angriffseifer verloren, wirkten sie unschlüssig, blickten hilfesuchend zu ihrer Herrin.

„Rettet mich“, schlug Karina ihren beiden Hasenhirnen vor.

Prompt hoben sie ihre Fäuste und näherten sich mir mit fatalistisch-entschlossenen Mienen, offensichtlich bereit unterzugehen.

Lächerlich. Hier gab es nichts mehr herauszufinden. Ich drehte mich um und ging zur Haustür.

„Auf dem Diener“, rief Karina mir nach. Sie ließ es wie Hohn klingen.

Im Flur stand ein antiker Diener aus Nussholz, auf dessen Ablage ein rechteckiger, drei mal acht Zentimeter großer, rosafarbiger Karton lag.

Hinter mir im Wohnzimmer hörte ich sie noch ihre zwei Beschützer loben. „Ihr Armen seid ja so tapfer.“ Bestimmt gab’s später dafür Leckerli.

Draußen warf ich einen Blick auf den rosafarbigen Karton. Ganz oben stand in fetten Buchstaben, Lava-Entertainment, darunter kleiner, Frank Lava, Produzent, sowie eine Adresse. Die Rückseite versprach prickelnde Erotik und heißes Adult-Entertaiment für Anspruchsvolle.

Ich hatte schon von Lava-Entertainment gehört, eine Pornoproduktion, die ihre Poleposition im hart umkämpften Streamingmarkt mit Horden-Gangbangs, Massenbesamungen und Strullerparties verteidigte.

Bei meiner Laune kam mir dieser verlogene Spritzer gerade recht.

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