FANAL – Kapitel 8

Wenn eine echte Undercover-Sau wie Horst, jemand, der sich seit Jahrzehnten im fauligen Morast des Inlandgeheimdienstes suhlt, in der Videoüberwachung eines lahmen Occupy-Protests endet, dann hat er wirklich allen Grund, die HK-5 aus dem Schrank zu holen, oder?

„Ihr wollt mich fertigmachen“, sagte Horst laut zu den zwölf Monitoren, auf denen eine dieser täglichen Versammlungen zu sehen war.

Im Camp vor der EZB diskutierten die hirnamputierten Occupy-Aktivisten schon stundenlang basisdemokratisch mit-einander. Was im Klartext bedeutete, jeder Honk hatte Rederecht. Wahrscheinlich ging es um ein irre wichtiges Thema wie, wer scheißt ständig die Dixie-Klos zu? Horst dachte unwillkürlich an eine große verkackte Gruppentherapie. Alles, was sich seit der Kindheit aufgestaut hatte, musste raus. Das ganze Gekröse. Wenn nicht in der Öffentlichkeit, dann eben in die Dixie-Klos. Oder umgekehrt. Er kicherte erneut. Er hatte zu viele Pep intus, sein Herz raste schon eine ganze Weile, jetzt begann auch noch die linke Hand zu zittern.

„Du übertreibst es, Horsti. Mach mal halblang.“

Seitdem er die Nächte alleine vor den Monitoren verbringen musste, ertappte er sich immer öfter bei lauten Selbstgesprächen. Bislang brüllte er seinen Ärger nur beim Autofahren raus, neulich erstmals im Supermarkt, als jemand seinem Einkaufs-wagen den Weg versperrte. Der Rollatorschubser flüchtete sich vor Schreck hinter die Fleischtheke.

„Euch fiste ich alle noch in den Arsch“, rief Horst in die Überwachungskamera oben an der Decke.

Er zwang sich wieder an Jan zu denken und landete erneut bei der Selbstauflösung der RAF. Damit begannen seine persönlichen bleiernen Jahre. Erst nach dem 11. September kam er wieder in Tritt. Damals wurde jeder Terrorexperte gebraucht. Die Amis hatten nach ihrer großen Durststrecke seit Ende des Kalten Krieges endlich den heißersehnten Nachfolger gefunden. Nur was interessierten ihn Islamisten und Al Quaida? Sein Fachgebiet war Linksterrorismus: abgesägte Strommasten, lahmgelegte Bahnleitzentralen, der Schwarze Block. Seattle. Genua. Heiligendamm. Die linke Szene hatte Zuwachs und wurde immer militanter. Große Aktionen waren der logische nächste Schritt. Überall im Land lauerten Schläfer. Sie warteten darauf, aktiviert zu werden! Man brauchte diese Terroristen auf Abruf doch nur ein bisschen zu motivieren. Er entwickelte ausgeklügelte Unterwanderungskonzepte, die seine zunehmend jüngeren, zunehmend dümmeren, vor allem aber völlig geschichtslosen Vorgesetzten sofort in die Rundablage entsorgten. Die Knallchargen hatten noch in die Windeln geschissen, als er schon die RAF infiltrierte, um Deutschland zu retten. Wie wollten solche Hirnamputierten den Ernst der Lage kapieren? Für die war er nur ein lästiger Restposten aus einer längst vergessenen Epoche.

Sie versetzten ihn zu Kollegen der Generation Unfug, die mit einem Joystick im Spundloch aufgewachsen waren. Echte Volltrottel, schwärmten von einer neuen selbstlernenden Gesichtserkennungssoftware, hingen jede freie Minute an ihren Smartphones und beschäftigten sich mit ihren Profilen in diesen asozialen Medien. Sie posteten Bilder von sich selbst, sonderten Laberkram ab, teilten hirnrissige Kommentare. Völlig unbrauchbar für klandestine Aktionen. Schließlich hieß es Endstation, Horst. Die Arschlöcher in der Chefetage gaben ihm die Wahl: Nachtschicht bei der Videoobservierung oder Akten-schreddern im Keller. Seine Entscheidung.

Den ganzen Tag hatte er wie gelähmt auf den Stapel Notizbücher und Aktenkopien gestarrt, sich nicht getraut hineinzusehen. Angst vor der eigenen Courage? Wirf so viel Pep ein wie du willst, brüll rum wie ein Bekloppter. Ist doch alles reiner Selbstbeschiss, alles völlig sinnlos. Du bist durch. Du hättest lieber die P4 mitnehmen sollen und dann Ende Gelände. Irgendwann beschlich ihn eine echt verrückte Idee. Der reine Wahnsinn, aber je länger er darüber nachdachte … Sein Herz hörte auf zu rasen und seine Hand zitterte auch nicht mehr.

Er sagte laut: „Das ist deine Entscheidung, Horsti. Jawohl.“

Her damit, sonst ertrage ich den Lockdown nicht länger . . .

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