VIGILANTEN – Neuer Auszug

Vom Dienst suspendiert, hatte Sina versucht, ihre Schuldgefühle in Alkohol zu ertränken . . .

Das Telefon schellte und schellte. Sina erwachte schwer verkatert. Sie hatte auf der Couch übernachtet. Als sie sich aufrichtete, rollte die leere Tequilaflasche von ihrem Schoß auf den Teppich. Der Anrufbeantworter sprang an.

Kurz darauf hörte sie Danas Stimme: „Hallo, ich bin’s … Ich hoffe, du … Sina, man hat deine Personaldaten im Computer abgefragt. Geh dran, wenn du da bist …“

Sina tastete sich zum Apparat, griff den Hörer. Getrocknete Spucke und andere Reste klebten an ihren Mundwinkeln.

„Hallo, was …?“

„Hallo, Morgen, ich habe es gerade von Willes gehört, er hat es nicht mir erzählt, er war am Telefon. Irgendjemand hat deine Daten und deine Adresse aus dem Computer gezogen.“

„Wer …? Warum …?“

„Ich wollte es dir jedenfalls nur sagen.“

„Die Presse?“

„Kann ich dir nicht sagen. Ich darf’s offiziell nicht mal wissen.“

„Die Rifis? Haben die Zugang?“

„Du, ich muss Schluss machen. Sei bitte vorsichtig.“

Dana beendete das Gespräch. Sina legte den Hörer zurück. Sofort schellte es erneut. Sie antwortete diesmal sofort.

„Hallo?“

Eine Männerstimme sagte: „Spreche ich mit Frau Sebaldt? Neuwirth, mein Name, Aktuelle Rundschau, haben Sie einen Moment Zeit für mich? Ich würde gerne mit Ihnen über-“

„Nein.“

„Sie sind doch die Polizistin, die den Jungen angeschossen hat?“

Sina stellte das Telefon in die Station. Ein, zwei Sekunden darauf schellte es erneut. Sina hob ab.

Das beste Mittel gegen einen Kater? Weitersaufen!

„Verpiss dich“, sagte sie in den Hörer und rammte das Telefon in die Station, sie verfehlte, rammte es erneut rein. Diesmal traf sie. Kurz darauf schellte es wieder. Sina drückte das Gespräch weg. Ein Handy summte. Dann schellte erneut das Festnetztelefon. Beide Telefone läuteten gleichzeitig.

Einen Augenblick lang war Sina konsterniert.

Ihr Schädel dröhnte.

Der Anrufbeantworter sprang an.

Sie zog das Kabel aus der Station. Abgeschaltet. Sie suchte ihr ununterbrochen summendes Handy. Gefunden. Sie drückte den Ruf weg, stellte es mit Mühe auf lautlos. Das Handy vibrierte. Ein neuer Anruf. Er wurde irgendwann auf die Mailbox umgeleitet.

Sina ging zum Fenster, blickte hinab auf die Straße. Unten, auf der gegenüberliegenden Straßenseite standen mehrere Reporter, Fotografen, zwei Kamerateams und, etwas entfernt, zwei südländisch aussehende, junge Typen.

Sofort trat Sina vom Fenster zurück. Sie ging so schnell ihr dicker Schädel es erlaubte ins Schlafzimmer. Dort öffnete sie den Kleiderschrank. Es pochte hinter ihren Schläfen, als sie sich bückte. In der untersten Schublade, ganz hinten, lag ein kleiner Karton. Sie holte ihn hervor, stand vorsichtig auf und hob den Deckel ab. Der Karton barg eine Glock-Pistole, ein Magazin und eine Schachtel Patronen. Sie klemmte ihn unter einen Arm. Von Zimmer zu Zimmer gehend ließ Sina die Rollläden ganz herunter.

Dann fiel sie in die Couch, entdeckte die Reste von Erbrochenem auf dem Teppich. Sie ekelte sich. „Oh, nein. Nicht schon wieder.“

Sie begann, das Magazin mit Patronen zu bestücken.

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