ENDLOSES TRAUMA PALÄSTINA

Die Ermordung der Al-Jazeera-Journalistin und US-Staatsbürgerin Shireen Abu-Akleh am 12.05.22 sowie die anschließende Durchsuchung ihrer Wohnung in Ost-Jerusalem durch die „Sicherheitskräfte“ und die brutalen Angriffe auf den Trauerzug bei ihrer Beerdigung zeigen an einem prominenten Beispiel die menschenverachtende Haltung der israelischen Regierung und ihres Militärs.

Für uns Deutsche ist eine klare Stellungnahme zum Morden des Staates Israel nach wie vor ein Problem. Denn unsere Verantwortung für den Holocaust (dem größten Genozid in der jüngeren Weltgeschichte) hat konträr aller Beteuerungen leider nicht zu einer konsequenten Haltung gegen Völkermord, ethnische Säuberungen und Verfolgung von Minderheiten geführt. Stattdessen lavieren wir im „offiziellen“ Fahrwasser des Westens und seiner unverzichtbaren Schutzmacht und entscheiden selektiv, welche Staaten und ihre Verbrechen wir kritisieren, anklagen oder gar mit Sanktionen belegen.

Jede auch noch so berechtigte Kritik am Vorgehen des Staates Israel gegen die Palästinenser wird von den Tätern und ihren Verteidigern sofort mit dem Vorwurf des Antisemitismus totgeschlagen. Dieses Stigma will sich hierzulande keine PolitikerIn ans Businesskostüm heften (nicht einmal diejenigen mit faschistoider und/oder neo-nazistischer Gesinnung).

Folglich ist die Gleichsetzung einer Kritik an den Handlungen eines Staates und seinen Institutionen mit den Vorurteilen und dem Hass einer menschenverachtenden Ideologie ein geschickter Schachzug, um diese Kritiker ganz schnell mundtot zu machen. So wurde unlängst in Großbritannien der Labourkandidat Jeremy Corbyn, der sich für die Rechte der Palästinenser einsetzt, von seinen Gegnern für angeblichen Anitsemitismus diskreditiert und politisch erledigt. Eine Untersuchung der Vorwürfe ergab im Nachhinein, dass diese nicht nur falsch waren, sondern von der Israel-Lobby gezielt eingesetzt wurden, um einen möglichen Wahlsieg gegen Boris Johnson zu verhindern.

Eine spezifische Kritik ist jedoch keine Pauschalverurteilung, sondern ihr genaues Gegenteil. Sie nimmt immer Bezug auf ein konkretes Verhalten, das ebenfalls nicht mit pauschalierenden Vorurteilen im Sinne von „typisch XY“ begründet wird.

Laufende Zielscheiben für israelische Scharfschützen

So nahm die APN (Americans for Peace Now) zu der Ermordung von Shireen Abu-Akleh wie folgt Stellung (Auszug):

Shireen Abu-Akleh (51), eine hoch angesehene und beliebte Reporterin des arabischen Nachrichtensenders Al-Jazeera, wohnhaft in Ost-Jerusalem und amerikanische Staatsbürgerin, berichtete heute Morgen über den israelischen Militäreinfall in das Flüchtlingslager bei Dschenin. Sie wurde erschossen. Ein weiterer palästinensischer Journalist aus einer Gruppe von vier Reportern, die sich vor Ort befanden, wurde durch einen Schuss in den Rücken verletzt. Abu-Aklehs Kollegen und andere Augenzeugen berichten, sie sei von israelischen Soldaten erschossen worden. Die israelischen Behörden machen palästinensische Bewaffnete verantwortlich, die sich einen Schusswechsel mit den israelischen Streitkräften lieferten. APN fordert eine rasche und unabhängige Untersuchung des Vorfalls. Abu-Akleh trug eine kugelsichere “Presse”-Weste, die ihre Identität klar erkennen ließ.

Bei den jüngsten Zusammenstößen in Ost-Jerusalem und im Westjordanland wurden mehrere palästinensische Journalisten von israelischen Sicherheitskräften erschossen oder misshandelt. APN fordert die IDF dringend auf, die Pressefreiheit zu respektieren und Journalisten nicht zu verletzen.“

Eine klare, spezifische und in einem Kontext stehende Kritik der mutmaßlichen Verbrechen.

LINK: APN-Stellungnahme im Original …

https://peacenow.org/entry.php?id=39552

LINKS: Und so berichtete der „offizielle“ Deutschlandfunk über den „Vorfall“ …

https://www.deutschlandfunk.de/palaestinenser-wollen-journalistinnen-tod-allein-untersuchen-102.html

https://www.deutschlandfunk.de/palaestinenser-wollen-keine-zusammenarbeit-mit-israel-bei-ermittlungen-zum-tod-der-al-dschasira-jour-100.html

Wir lesen in der deutsche Presse: Die Palästinenser weigern sich, mit den Israelis bei der „Aufklärung“ zusammenzuarbeiten. Kein Wort zu dem Kontext, dem die Ablehnung der Zusammenarbeit mit den israelischen Sicherheitskräften (den mutmaßlichen Mördern) entspringt. Schon gar nicht zum Hintergrund des Mordes und der aktuellen Situation in Israel, den die Öffentlich-Rechtlichen sonst gerne liefern, wenn’s ihnen zupass kommt. Wieder einmal heißt es: Verzerrung durch Auslassung. Das nennt sich hierzulande ausgewogene Berichterstattung. Geht’s noch tendenziöser?

Nachtrag 21.05.22. Israel hat inzwischen eine eigene Aufklärung des Mordes abgelehnt. Die Begründung lautet: Ermittlungen, die israelische Soldaten als Tatverdächtige betrachten, würden in der Gesellschaft auf wenig Verständnis stoßen.

Frage an den DLF: Wie ernstgemeint war demnach das Aufklärungsangebot an die Palästinenser?

Hier etwas Kontext für die deutschen Verschleierungs-Redakteure zu der jüngsten eskalierenden Gewalt des israelischen Staates:

Der israelische Ministerpräsident Naftali Bennett ist ein ausgewiesener Palästinenserhasser, der sich in der Vergangenheit damit gebrüstetet hat, selbst viele Araber getötet und damit kein Problem zu haben. (ZITAT Huffington Post, 29. Juli 2013: Bennett reportedly declared, „I’ve killed lots of Arabs in my life – and there’s no problem with that”.) Anläßlich einer Rede zum Memorial Day (Gedenktag) am 04. Mai 2022 auf dem Herzel-Berg ließ er folgendes vom Stapel (Auszug):

Das Schlachtfeld hat seine eigenen Regeln, aber leider ist Israel ein Teil der Front. Seit den Anfängen des Zionismus und der Rückkehr Zions haben sich unsere Feinde nicht mit unserer Existenz hier (in Palästina, MiC) abgefunden. Sie denken, wenn sie uns töten, werden wir irgendwann aufgeben. Wie falsch sie doch liegen … Wenn unsere Feinde (die Palästinenser, MiC) nur ein Zehntel oder ein Hundertstel der Energie, die sie aufwenden, um uns zu schaden, in den Aufbau ihrer Zukunft investieren würden, wäre ihre Situation eine völlig andere. Aber immer wieder entscheiden sie sich für die Glorifizierung des Todes, die sie in Armut, Elend und dem ständigen Gefühl Opfer zu sein verharren lässt.“

Na, wann haben wir in Deutschland diese Art der Blut- und Bodenpropaganda zuletzt gehört?

Israelische Mauerschönheit – so heimelig wie weiland in der DDR

Der Zionismus wird von Bennett mit Israel und allen Juden gleichgesetzt. Die Opfer werden als Täter denunziert und die eigenen Verbrechen als Selbstverteidigung dargestellt. Das Schicksal der unterdrückten und entrechteten Palästinenser ist Bennetts Meinung nach also selbstgewähltes Elend. Denn eine freie und faire Gesellschaft wie die angeblich „einzige Demokratie“ im Nahen Osten, bietet bekanntlich jedem willigen Bürger eine Chance. Was der gute Mann natürlich verschweigt, ist, dass er mit Israel keinen Staat im allgemeinen Sinne meint, indem alle Bürger die gleichen Rechte besitzen, sondern einen explizit „jüdischen Staat“ nach der Definition eines im Jahre 2018 von der Regierung Netanyahu eingebrachten und verabschiedeten Gesetzes.

Ein Gesetz, welches Human Rights Watch (siehe folgenden Link) so kommentiert . . .

Ein erklärtes Ziel der israelischen Regierung ist es, die Vorherrschaft der jüdischen Israelis in ganz Israel und in den besetzten palästinensischen Gebieten (Occupied Palestinian Territorries) zu sichern. Die Knesset verabschiedete 2018 ein Gesetz mit Verfassungsrang, das Israel als ,Nationalstaat des jüdischen Volkes‘ bekräftigt, und erklärt, dass das Recht auf Selbstbestimmung in diesem Gebiet ,nur dem jüdischen Volk zusteht‘, und die ,jüdische Besiedlung‘ (auf der Westbank, MiC) als nationalen Wert festlegt. Um die jüdisch-israelische Kontrolle aufrechtzuerhalten, haben die israelischen Behörden Maßnahmen ergriffen, die darauf abzielen, die von den Palästinensern ausgehende demografische ,Bedrohung‘ abzuschwächen …“

LINK: Human Rights Watch Bericht zu Israels Apartheid . . .

https://www.hrw.org/report/2021/04/27/threshold-crossed/israeli-authorities-and-crimes-apartheid-and-persecution

Die Geburtenrate ist also schuld, dass die Israelis die Palästinenser dezimieren müssen, denn sonst befinden sie sich im eigenen Land bald in dramatischer Unterzahl.

(N.B. Die gleiche rassistische Argumentation kennen wir von den White-Supremacists aus den USA, wo die Weißen sich in absehbarer Zukunft gegenüber dunkelhäutigen Mitbürgern in der Minderheit befinden werden.)

Eine weitere Konsequenz der offiziellen harten Linie der Regierung Bennett ist das Hochschaukeln von anti-palästinensischen Ressentiments in der Bevölkerung.

LINK: Anstieg der Hassreden gegen Araber seit Amtsantritt von Herrn Bennett . . .

https://www.jpost.com/israel-news/hate-speech-against-arabs-in-israel-reached-all-time-high-in-2021-674202

LINK: Amnesty International zu den Morden, der Willkür und dem fortdauernden Unrecht an den Palästinensern . . .

Robert Fisk, der verstorbene langjährige Nahost-Korrespondent des The Independent, bezeichnete es als seine journalistische Pflicht, auf der Seite der Entrechteten, der Opfer von Mord, Gewalt und Vertreibung zu stehen. Er sagte, die Mörder und Unterdrücker bräuchten keine Fürsprecher, sie schrieben ihre Version der Geschichte jeden Tag mit Feuer und Schwert.

Den Lügen der Mächtigen muss man konsequent mit der Wahrheit entgegentreten. Shireen Abu-Akleh und ihre ermordeten KollegenInnen bezahlten den Preis für ihren Mut und ihre Unbestechlichkeit, die Wahrheit zu verkünden. Qualitäten, die der feigen deutschen System-Journaille völlig abgehen.

WAS LERNEN WIR AUS DEM VORGENANNTEN?

In diesen Tagen wird jedem noch so Politikdesinteressierten vorgeführt, wie die Welt wirklich tickt. Was Recht oder Unrecht ist, entscheidet nicht die Tat als solche, sondern wer sie begeht und welchen Interessen/Bündnissen die Täter dienen.

Israel ist der „westliche Brückenkopf“ in Nahost und damit allem Unrecht zum Trotz unser unverbrüchlicher Partner.

Globale Machtpolitik ist die einzige Messlatte, ob jemand „gut“ oder „böse“ ist. Die Guten nach westlichem Verständnis sind unsere Freunde. Wenn diese Freunde zufällig Schlächter und Mörder sind, dann sind sie immerhin „unsere Schlächter und Mörder“.

Niemand ist so verlogenen wie der Westen, der sein eigenes kriminelles Handeln mit dem Mantra „Unser Kampf dient Frieden, Freiheit, Demokratie und Menschenrechten“ rechtfertigt, sich zugleich immer auf Unrechtsregime stützt und auf Menschenrechte pfeift, wenn es den eigenen Wirtschafts- und Machtinteressen dient. Wie sonst können z.B. Saudi Arabien und Israel unsere Verbündete sein?

(N.B. Bei Israel kommt hinzu, dass der Staat wie die USA ein Siedler-Kolonial-Staat ist und seine Existenz auf der Vertreibung der ursprünglichen Bevölkerung beruht. So etwas schweißt offensichtlich zusammen.)

Das Tragische an der Situation in Israel/Palästina ist, dass aus Opfern zwangsläufig Täter werden. Die zionistische Bewegung wurde von Theodor Herzel aufgrund des Anti-Semitismus des 19. Jahrhunderts ins Leben gerufen und die Gründung Israels wurde nicht zuletzt mit dem Holocaust gerechtfertigt.

Die Palästinenser sind Opfer äußerer Umstände, an denen sie keine Schuld tragen. Ihr Leid ist unverdient. Ihr Kampf gegen die Unterdrückung und Vertreibung ist das Recht eines jeden Volkes auf Selbstverteidigung. Dafür werden sie als Terroristen und fanatische Gewalttäter gebrandmarkt. 74 Jahre währt nunmehr ihre Nakba – und die Welt schaut tatenlos zu.

Sowohl der Staat Israel als auch die Palästinenser sind von ihrer Geschichte traumatisiert. Israel kultiviert den historischen Holocaust als Mahnung und Rechtfertigung, nie wieder in die Opferrolle zurückzufallen und versteht sich als eine von Feinden in Überzahl bedrohte Nation, die täglich um ihr Überleben kämpfen muss. Vieles von dem aber, was dem jüdischen Volk in der Vergangenheit angetan wurde, fügen die Israelis seit 1948 den Palästinensern zu. Womit lt. Völkerrecht der Tatbestand der Verbrechen gegen die Menschlichkeit erfüllt ist. (Obgleich man nicht von der Dimension eines systematischen Holocausts sprechen kann, was den Israelis von bestimmten Gruppen vorgeworfen wird.)

Die auf beiden Seiten erlittenen Traumata wurden und werden von Generation zu Generation weitergereicht. Unter den heutigen politischen Gegebenheiten diese verhängnisvolle Kette von Unrecht und Gewalt zu durchbrechen, erscheint unmöglich.

Umso unerträglicher ist es, in Echtzeit erleben zu müssen, wie sich die deutsche Politik den vermeintlichen „Bündnisverpflichtungen“ unterwirft und alle angeblich „hochheiligen“ Prinzipien über Bord schmeißt. Dieses opportunistische Verhalten der Entscheidungsträger ist beileibe nicht neu. Das haben sämtliche Bundesregierungen an den Tag gelegt. Es wird nur selten so offensichtlich wie in der schwierigen, oder sollte man schon von einer schizophrenen deutschen Haltung gegenüber Israels Verfolgung und Unterdrückung der Palästinenser sprechen?

(N.B. Auch unsere verbrecherische Bündnistreue gegenüber den Amis und der NATO im gegenwärtigen Ukraine-Krieg verdeutlicht das vorgenannte Verhalten der Politik. Siehe dazu Blog-Beitrag Nibelungentreue Bücklinge vom 09. Mai 2022.)

NACHTRAG 18.06.2022

LINK zur Situation der palästinensischen Kinder in Gaza nach 15 Jahren israelische Blockade . . .

https://www.savethechildren.net/news/after-15-years-blockade-four-out-five-children-gaza-say-they-are-living-depression-grief-and

Hilflose Frau in Gaza nach israelischem Luftangriff

Was sind die Folgen der Äußerungen des israelischen Ministerpräsidenten Bennett?

1) Es wird entgegen aller Gelöbnisse und UN-Resolutionen keine Zweistaatenlösung geben;

2) die Palästinenser haben 1948 mit der Gründung Israels weitestgehend das Existenzrecht in ihrer angestammten Heimat verloren;

3) die Siedlungspolitik in der Westbank und die Enteignung palästinensischen Eigentums in Israel wird solange fortgesetzt werden, bis das gesamte Staatsgebiet Israels inkl. der Westbank komplett den jüdischen Israelis gehört;

4) Palästinenser mit israelischer Staatsangehörigkeit bleiben Bürger 2. Klasse;

5) Israel ist ohne wenn und aber ein Apartheidsstaat wie einst Südafrika.

Und wie lautet der Kommentar aus Berlin dazu?

Dumme Frage: Allseitiges Schweigen im Walde.

Höchstens noch: Wir Deutschen haben kein Recht, den Staat Israel zu kritisieren.

Heißt das nicht in Wahrheit: Wir sind ja selbst üble Heuchler und können froh sein, dass wir für den begangenen Holocaust so billig davon gekommen sind?

Letzteres stimmt nämlich. Beim Aufbau der „alten“ BRD nach dem 2. Weltkrieg haben ehemalige NAZIs einen kräftigen Beitrag geleistet (ihnen „verdanken“ wir unsere tollen Institutionen wie das BfV, das BKA, den BND, die Rechtssprechung usw.). In unserem Land konnten viele NS-Täter ihre Verbrechen an Menschen jüdischer Herkunft, trotz großangelegter Aufarbeitung der NS-Verbrechen und vieler Prozesse gegen NS-Straftäter bis in die jüngste Zeit, durch ein schönes Leben ungeschehen machen. Diese wohlweislich verdrängte Schuld hat unsere Gesellschaft entscheidend geprägt, ob wir wollen oder nicht.

Müssen wir daraus schließen, dass die deutsche Politik und die deutschen Medien üble Gesinnungstäter sind?

Fragen über Fragen.

Wie sagte gestern ein Hirnakrobat zu mir: „Hör mal, die Verbrechen am palästinensischen Volk haben wir nicht zu verantworten, kapiert? Dafür müssen wir nicht auch noch büßen. Selbst wenn wir den Israelis Schnellboote oder was weiß ich liefern.“

„Außerdem rüsten wir jetzt auf und spielen endlich auch miitärisch im Konzert der Weltmächte mit“, rief sein Kumpel, um mir zu zeigen, wie ein echter Patriot heute gefälligst zu denken hat.

Letzte Frage: Wofür steht unser „Mitläufer-Staat“ überhaupt, ich meine außer für Konsum und Verlogenheit? Etwa für Frieden und Menschenrechte? Macht euch nicht lächerlich!

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